Der SPIEGEL

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16. Juni 2008, 00:00 Uhr

Sportmedizin

Bis zum Zusammenbruch

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Schadet Musikgenuss beim Joggen oder Radfahren? Neue Experimente zeigen: Klangduschen wirken leistungsfördernd - aber sie führen auch zur Ausschüttung von Stresshormonen.

Erinnert sich noch jemand? Einst galt es als schick, im ausgebeulten Jogginganzug und mit sperrigem Walkman durch Wälder und Parks zu traben. Doch die Sportwissenschaft hat längst nachgewiesen: Das Laufen in Baumwolle ist von großem Übel - Freizeitsportler schwitzen in der Naturfaser bestialisch und können sich in den kaum durchlässigen Klamotten einen bösen Wolf laufen.

Jogger mit Musikgerät: Vergleichbar mit der Flucht vor einem Pitbull
CORBIS

Jogger mit Musikgerät: Vergleichbar mit der Flucht vor einem Pitbull

In anderer Hinsicht sind die Gelehrten weit weniger sicher in ihrem Urteil. Zwar wurde der prähistorische Walkman mittlerweile durch den in jeder Hinsicht komfortableren MP3-Player ersetzt; ob aber die Rennerei mit Musikberieselung eher von Vorteil ist oder im Gegenteil womöglich sogar schädlich, darüber zanken die Experten derzeit recht heftig.

Zuletzt hat etwa der Sportpsychologe Costas Karageorghis von der englischen Brunel University die Debatte mit einer verheißungsvollen Botschaft belebt. Wie er bei Tests herausgefunden hat, könnten Läufer ihren Trainingseffekt mit Pop, Rock oder gar Klassik um bis zu 20 Prozent steigern.

Dazu müssten die Freizeitsportler ihre Musikgeräte allerdings konsequent mit Stücken bespielen, die zwischen 120 und 140 Schläge pro Minute aufweisen - eine mäßig flotte Frequenz, in der sich das gängige Hitparadenmaterial aber durchaus bewegt.

Anbieter wie Apple nutzen bereits den Trend und mixen, teilweise zusammen mit dem Sportschuhhersteller Nike, fleißig Lauf-Soundtracks zusammen. Inzwischen sind sogar Programme verfügbar, mit denen die Laufwütigen ihre Songsammlung nach der Schlagzahl pro Minute sortieren können.

Karageorghis war besonders hinter einer Information her: "Wann ist beim Laufen der Flow am größten?" Für seine Versuchsanordnung ließ er 29 sporterprobte Studenten auf dem Laufband ackern. Dazu durften die Probanden ihre - nach Tempo geordnete - Lieblingsmusik hören. Hinterher mussten die Testläufer einen detaillierten Fragenkatalog beantworten.

Anders als angenommen konnten sich die Eleven selbst bei hoher Trainingsintensität am besten mit Musik mittleren Tempos motivieren. Entsprechend formuliert der Wissenschaftler eine Mahnung, die sich wie der Warnhinweis auf einer Medikamentenpackung ausnimmt: "Die Musik für die Trainingseinheit muss sehr sorgfältig ausgewählt werden."

Die Praxis bietet ohnehin oft genug allerhand Grund zur Sorge. Der US-Leichtathletikverband untersagte kürzlich den Einsatz portabler Musikgeräte gänzlich. Unbedarfte Starter bei Marathonveranstaltungen hatten im Rausch der Klänge ihre Vorderleute umgerannt oder, schlimmer noch, sich selbst bis zum Zusammenbruch verausgabt.

Puristen gilt das Joggen mit Kopfhörern sowieso lange als generell verdächtig. Wollen sich da nicht laufende Luftikusse die harte Trainingsarbeit auf unziemliche Art versüßen?

Die harte Linie scheint zumindest durch einen Teil der Forschung gedeckt. Sportmediziner von der University of North Carolina in Chapel Hill haben beispielsweise herausgefunden, dass unter dem Einfluss wummernder Beats während des Laufens das Stresshormon Cortisol in die Blutbahn gepumpt wird - eine ziemlich unerwünschte Nebenwirkung: Eigentlich empfehlen Ärzte dauergestressten Herzinfarktkandidaten, die Laufschuhe überzustreifen, um genau den gegenteiligen Effekt zu erzielen.

Und mehr noch: Die Mediziner berichten auch von einer erhöhten Hauttemperatur bei ihren Probanden, wie sie sonst etwa nach Wutausbrüchen üblich ist. Kaum angenehmer scheinen quälende Nebeneffekte wie Magen-Darm-Probleme.

Die US-Psychologin Kimberly Brownley wiederum hat herausgefunden, dass rasante Stücke offenbar insbesondere bei gestandenen Läufern von Nachteil sind. Während in ihrem Experiment die eher untrainierten Freiwilligen bei rasanteren Rhythmen richtig aufdrehten, reagierten die geübten Dauerläufer mit einer erhöhten Herzfrequenz und der Ausschüttung von Stresshormonen.

"Das Hören von schneller Musik verschlimmert entweder den Trainingsstress bei den geübten Testpersonen - oder mildert ihn bei den untrainierten", deutet Brownley ihren verblüffenden Befund.

Nicht jede Musik ist gleich leistungsfördernd

Freilich können auch derlei wissenschaftliche Erkenntnisse kaum an der simplen Tatsache rütteln, dass die meisten Läufer mit Musik einfach mehr Spaß haben als ohne Beschallung. Umso mehr quält die Experten die Frage, was im menschlichen Organismus eigentlich genau vor sich geht, wenn ihm bei hoher körperlicher Beanspruchung zusätzlich noch eine Sounddusche verabreicht wird.

Zwei Erklärungsmodelle haben Sportmediziner in jüngster Zeit entwickelt, um den gefühlten Kick durch Musik zu erklären. Die eine Hypothese besagt, dass die Hirnrinde durch dröhnende Bässe kräftig erregt wird. Der ganze Körper steht dabei gleichsam unter Strom und kann beinahe schlagartig sein gesamtes Energiepotential mobilisieren.

Zu ähnlicher Höchstform läuft etwa eine Mutter auf, deren Kind in Gefahr ist - oder auch ein Jogger, der von einem zähnefletschenden Pitbull verfolgt wird.

In solchen Gefahrensituationen ist die Ausschüttung von Stresshormonen natürlich eine durchaus hinnehmbare Nebenwirkung.

Allerdings wirkt beileibe nicht jede Musik gleich leistungsfördernd. Nach Erkenntnis von Taktpapst Karageorghis ist es für ein erfolgreiches Training mit Musik unerlässlich, die passenden Töne auszuwählen: "Die Lieder müssen für den einzelnen Sportler maßgeschneidert sein", fordert der Psychologe.

Er fütterte seine Testläufer daher mit dem Material ihrer Wahl: Die Frauen wollten vor allem die gefällige Tanzmusik von Basement Jaxx hören, die Männer verlangten nach dem härteren Electro-Sound von The Prodigy. Auf die Altrocker von Queen konnten sich beide Geschlechter einigen.

Karageorghis geht im Übrigen davon aus, dass das Erregungsmodell allein nicht ausreicht, um die Leistungssteigerung durch Musik zu erklären. Erschwerend komme hinzu, dass die Dauerdudelei zu einer Art Tunnelblick führe: "Musik engt die Wahrnehmung ein und lenkt von dem Gefühl der Erschöpfung ab", behauptet der Fachmann - ein Effekt, den viele Läufer offenbar geradezu herbeisehnen.

Aber dieser Ansatz ist in der Fachwelt umstritten. Der britische Sportwissenschaftler Greg Atkinson hat herausgefunden, dass der Tunnelblick womöglich nur eine Mär ist, die wie ein Placebo wirkt.

Bei einem Versuch mit Studenten auf einem Ergometer war auch ihm aufgefallen, dass sich die jungen Leute mit Musik tatsächlich deutlich mehr ins Zeug legten als ohne. Der Wissenschaftler horchte seine pumpenden Probanden mit der sogenannten Borg-Skala aus, einem einfachen Fragenkatalog, der zur Bestimmung des subjektiven Belastungsempfindens eines Sportlers dient.

Und siehe da: von Leichtigkeit keine Spur. Angetrieben von stampfenden Rhythmen, ächzten die Versuchskaninchen wie Galeerensklaven und gaben ihre Erschöpfung auch zu Protokoll. Die Testpersonen seien sich zu jeder Zeit durchaus darüber im Klaren gewesen, wie hart sie in die Pedale treten würden - trotz des Versuchs, sich mit der Musik abzulenken, folgerte Atkinson.

Die Musikfreuden anstrebende Laufgemeinschaft treibt derweil ein eher praktisches Problem um, das noch einer technischen Lösung harrt. Stellvertretend klagte ein Betroffener auf der Website von runnersworld.de: "Ich weiß nicht, was mit meinen Ohren nicht stimmt, aber da drin hält kein Kopfhörer richtig."

Viele Jogger wissen aus Erfahrung: Der Mann steht mit seinem Problem nicht allein da.

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