Schauspieler "Es fühlt sich an wie ein Traum"

Hollywood-Star Dustin Hoffman über Konflikte mit Regisseuren, Magie auf der Leinwand, die Zahnspange von Angelina Jolie und seinen neuen Kinofilm "Kung Fu Panda"

SPIEGEL: Mr. Hoffman, in der Originalfassung des neuen Animationsfilms "Kung Fu Panda" leihen Sie dem Fabelwesen Shifu Ihre Stimme - einem alten Zen-Meister, der die Jugend an seiner Weisheit teilhaben lässt. Ist das vergleichbar mit Ihrer Position in Hollywood?

Hoffman: Klar, ich bin mir nur nicht sicher, wie weit es mit meiner Weisheit her ist. Ich arbeite gern mit jungen Filmemachern zusammen, weil sie für meine Ideen und Vorschläge offen sind. Aber das ist nicht die Regel. Viele Regisseure sind stur und lassen sich nichts sagen, obwohl ich alt genug bin, ihr Vater zu sein.

SPIEGEL: Und wie reagieren Sie dann?

Hoffman: Ein Regisseur ist per Definition eine Vaterfigur, aber wenn er autoritär wird, werde ich zum Rebellen. Da hilft alle Weisheit nichts, da muss ich kämpfen.

SPIEGEL: Von diesen Kämpfen waren einige Ihrer Regisseure schwer mitgenommen: Sydney Pollack hat gesagt, er würde seinen Oscar zurückgeben, wenn er dafür die Zeit wiederbekäme, in der er mit Ihnen an "Tootsie" gearbeitet hat; Arthur Penn hat nach "Little Big Man" behauptet, Sie könnten "keinen Pickel von einem Tumor unterscheiden"; und selbst Sidney Lumet, der als überaus schauspielerfreundlicher Regisseur gilt, hat über Sie geklagt.

Hoffman: Sidney Lumet? Das kann nicht sein. Wir haben unseren einzigen gemeinsamen Film "Family Business" ruck, zuck abgedreht, hatten keinerlei Probleme. Das sollten Sie besser noch mal googeln!

SPIEGEL: Im März hat uns Lumet erzählt, "Dustin Hoffman ist ein Quälgeist. Er giert danach, im Mittelpunkt zu stehen, deswegen redet er so viel".

Hoffman: Hm, also bei mir hat er sich nie beschwert. Und ich bin sicher, wenn ich ihn das nächste Mal treffe, wird er flöten: "Darling, das habe ich nie gesagt." Anders war es mit Sydney Pollack, der leider vor kurzem gestorben ist. Die Idee zu "Tootsie" kam ursprünglich von mir und meinem Freund Murray Schisgal. Ich hatte schon über ein Jahr an dem Film gearbeitet, Hal Ashby sollte Regie führen. Dann lehnte das Studio Ashby ab, Pollack kam in letzter Sekunde an Bord und wollte das Kommando an sich reißen.

SPIEGEL: Und Sie wollten es nicht aus der Hand geben.

Hoffman: Sehen Sie, mit "Tootsie" wollte ich eine Satire auf meinen Beruf drehen. Auf der Schauspielschule lernen wir von Meistern wie Lee Strasberg unsere Kunst in allen Feinheiten. Dann treffen wir eines Tages auf die harte Wirklichkeit - und müssen alles wegwerfen, was wir gelernt haben. Da heißt es: Vergiss die Kunst, mach deinen Job. Da muss man spielen, was kommt, muss nicht gut, sondern schnell sein. Das habe ich selbst so erlebt, und deshalb wollte ich mir bei "Tootsie" von niemandem reinreden lassen.

SPIEGEL: War das auch die Konsequenz aus den Demütigungen, die Sie zu Beginn Ihrer Karriere erleiden mussten? Der Regisseur Mike Nichols soll Sie 1967 bei den Dreharbeiten zu "Die Reifeprüfung" regelrecht gequält haben, mit Bemerkungen wie "Was sollen wir nur mit seiner Nase machen?"

Hoffman: Diese Geschichten erzählt Nichols immer noch gern, nicht wahr? Aber es stimmt, ich war regelrecht in Panik, als ich "Die Reifeprüfung" drehte.

SPIEGEL: Sie spielten darin einen jungen Mann, der von einer älteren Frau verführt wird, die seine Mutter sein könnte. Fanden Sie deren Darstellerin Anne Bancroft eigentlich sexy?

Hoffman: Na ja, tatsächlich war Anne damals erst 35, also nur sechs Jahre älter als ich. Nichols hat sie nur so fies ausgeleuchtet, dass sie viel älter aussah. Ich fand sie aber weder sexy noch unsexy. Ich war viel zu nervös, um überhaupt eine Erektion zu bekommen, sozusagen.

SPIEGEL: Kein Wunder, wenn die Geschichte stimmt, dass auch Ihre Eltern bei den Dreharbeiten zugesehen haben.

Hoffman: Ich hatte keine wirklich glückliche Kindheit, doch mir war klar, dass ich meine Eltern einmal ans Set einladen musste. Als wir in Los Angeles im Ambassador Hotel drehten, schien es mir unbedenklich, weil ohnehin zig Statisten am Set waren. Doch in einer Pause sah ich auf einmal, wie Mike Nichols laut lachte. Mein Vater war unter der Absperrung durchgeklettert, hatte sich von Nichols die nächste Einstellung erklären lassen und gesagt: "Nein, das müssen Sie anders machen." Mein Vater hatte in Hollywood als Requisiteur gearbeitet und war ein verhinderter Regisseur.


SPIEGEL: Auch einige Ihrer sechs Kinder arbeiten als Schauspieler oder Regisseur. Besuchen Sie die bei Dreharbeiten?

Hoffman: Niemals! Das würden die auch gar nicht erlauben.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Kinder ermutigt, ins Showgeschäft zu gehen?

Hoffman: Weder ermutigt noch davon abgehalten. Kinder haben schon genug auszuhalten - den Druck, so erfolgreich zu sein wie ihre Eltern, sollte man ihnen nicht auch noch zumuten. Bei uns zu Hause hängen keine Szenenfotos von mir an den Wänden, keine Plakate von meinen Filmen. Alle meine Kinder zusammen haben kaum die Hälfte meiner Filme gesehen.

SPIEGEL: Nicht mal Ihre Klassiker? In den siebziger und achtziger Jahren haben Sie Filme mit Stars wie Steve McQueen, Robert Redford, Tom Cruise oder Warren Beatty gedreht, die allesamt als attraktiver gelten als Sie selbst.

Hoffman: Oje, jetzt wird's richtig schmerzhaft.

SPIEGEL: Haben Sie diese Leinwandpartner ausgewählt, um sich an ihnen zu messen?

Hoffman: Jeder, den ich mir als Partner suche, ist attraktiver als ich (lacht schallend). Als ich mich vor den Dreharbeiten von "Die Unbestechlichen" mit dem Regisseur Alan J. Pakula zum Abendessen traf, fragte er mich: "Was wollen Sie in diesem Film wirklich erreichen? Wie kann ich Ihnen dabei helfen?" Ich überlegte kurz und erwiderte: "Also, wenn Sie's genau wissen wollen: Lassen Sie mich besser aussehen als Robert Redford."

SPIEGEL: Sie sind auch ohne Glamour ein großer Star geworden. Reines Glück?

Hoffman: Ich weiß bis heute nicht, warum ich ein Star geworden bin. Falls ich jemals meine Autobiografie schreiben sollte, käme dafür nur ein Titel in Frage: "Bizarrer Betriebsunfall". In den sechziger Jahren habe ich in New York mit meinen Kollegen Gene Hackman und Robert Duvall herumgehangen. Ich habe als Kellner gearbeitet, Bob schob Nachtschichten bei der Post, und Gene arbeitete als Möbelpacker. Wenn uns damals jemand prophezeit hätte, dass wir schon bald Filmstars werden würden, hätten wir ihn ausgelacht. Es fühlt sich manchmal immer noch an wie ein Traum.

SPIEGEL: Anders als früher, als Sie auf der Leinwand immer unter Strom gestanden haben, wirken Sie jetzt völlig entspannt.

Hoffman: Wenn ich so ausgesehen hätte wie Robert Redford oder Steve McQueen, hätte ich damals diese Energie sicher überhaupt nicht aufgebracht. Wenn ich jetzt entspannter wirke, liegt es daran, dass ich mittlerweile weiß: Ich bin der sexyste, bestaussehende Mann der Welt.

SPIEGEL: Zumindest dürften Sie fast überall auf der Welt erkannt werden. Nervt das nicht oft?

Hoffman: Man muss locker mit dem Ruhm umgehen. Ansonsten endet man wie Greta Garbo oder der Schriftsteller J. D. Salinger, der sich seit Jahrzehnten irgendwo im Wald verkriecht. Außerdem hilft die Erkenntnis, dass viele Stars in Wahrheit ganz anders sind als ihr Image.

SPIEGEL: Ein Beispiel bitte!

Hoffman: Als wir im Mai "Kung Fu Panda" beim Filmfestival in Cannes vorgestellt haben, traf ich auf dem roten Teppich Angelina Jolie. Ich kenne sie schon seit 1991, seit den Dreharbeiten zu Steven Spielbergs "Hook". Ihr Vater Jon Voight hatte sie mitgebracht. Damals war Angelina 15 oder 16, schmal, schlaksig, trug eine Zahnspange und sah ziemlich unansehnlich aus. "Was willst du mal werden?", fragte ich sie. "Schauspielerin", gab sie wie aus der Pistole geschossen zurück. Ich ging nach Hause und sagte zu meiner Frau: "Na, für dieses Mädchen wird es noch ein böses Erwachen geben."

SPIEGEL: So viel zu Ihren Fähig- keiten als prophetischer Lehrmeister.

Hoffman: Ja, aber selbst heute, auf dem roten Teppich, ist Angelina Jolie nur eine schwangere junge Frau. Da ist keine Magie. Magie existiert nur auf der Leinwand, sie ist das Ergebnis der harten Arbeit vieler verschiedener Menschen.

SPIEGEL: Gibt es keine natürliche Aura, die einem Menschen Starpotential verleiht?

Hoffman: Wie man's nimmt. Als ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Clint Eastwood traf, trug er viel zu kurze Hosen und zu kurze Hemdsärmel. Er wirkte gar nicht lässig und cool, sondern eher ungelenk. Das erste Wort, das mir zu ihm einfiel, war: scheu. Und ich dachte mir, er wäre viel besser geeignet, einen Tolpatsch zu spielen als einen Revolverhelden. Er ist ein Star geworden, indem er gegen seinen Charakter angespielt hat.

SPIEGEL: Natürliche Magie haben Sie bei einem Menschen also noch nie verspürt?

Hoffman: Doch, ein einziges Mal. Als ich die Schauspielerin Jessica Lange in einer Bar sah, sie ihren Kopf drehte und ich ihr Profil sehen konnte - da war ich völlig gebannt. Ich dachte mir: Wäre Michelangelo noch am Leben, würde er sie sofort als Modell verpflichten. Sie musste nichts tun, sie musste einfach nur da sein. Es gibt also Menschen, die haben eine Aura, eine unerklärliche Anziehungskraft, Starqualität eben. Aber nur ganz wenige. Manchmal sage ich zu mir: Wenn ich aussehen würde wie George Clooney, wäre ich ein Filmstar.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Lars-Olav Beier und Martin Wolf

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.