AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2008

Justiz "Er wollte nur vorbeigehen"

Von Bruno Schrep

2. Teil: "Er hat ihm so richtig eins übergezogen"


Der Wirtschaftsflüchtling wird in eine Unterkunft im thüringischen Saalfeld eingewiesen, bekommt die Auflage, bis zur Entscheidung seines Antrags unbedingt dort zu bleiben. Doch es zieht ihn immer mal wieder zu Landsleuten nach Hamburg; er wird bei kleinen Drogendeals erwischt und zu Jugendarrest verknackt. Kein Zweifel, Robert Nwanna macht es sich und seiner Umgebung nicht leicht.

Vor einem Karussell auf dem Hamburger Dom lernt er Nicole H. kennen. Die große, kräftige Frau und der schmächtige Afrikaner werden ein Paar. Und schnell merkt Nicole H., was das bedeutet: Eine ihrer Schwestern bricht jeden Kontakt mit ihr ab, ein Schwager schmäht sie als "Bimbo-Frau".

Nach der Geburt der Tochter Alice gestattet die Ausländerbehörde eine Art Familienzusammenführung. Der Afrikaner darf zeitweise Thüringen verlassen und in Wahlstedt bei Nicole und der Tochter zu Besuch wohnen.

Am 26. Mai 2005, es ist kurz nach 19 Uhr, muss der Nigerianer nach dem Einkaufen an einer Gruppe lärmender und krakeelender junger Leute vorbei: Nachbarn aus der Siedlung, die rund 50 Meter vor seiner Erdgeschosswohnung stehen und, wie fast jeden Tag, im Freien zechen; Männer mit kurzgeschorenem Haar oder Glatze, Frauen mit Piercings und schrillen Klamotten. Die meisten sind arbeitslos, hatten schon oft Ärger mit der Polizei, an diesem Dienstag fühlen sie sich richtig stark.

Die Brüder Dirk und Sascha N. führen ihre Kampfhunde mit, einen Bullmastiff und einen Pitbull. Andere halten einen Golfschläger und ein Messer parat, einer der Männer hat eine Kehrschaufel griffbereit. Alle haben schon vier bis fünf Flaschen Bier geleert, die Stimmung ist aufgeheizt. Und jetzt kommt dieser Schwarze da.

"Der Mann wollte ganz einfach vorbeigehen", erinnert sich ein Beobachter, "er wollte nur zu seiner Wohnung." Doch dazu kommt es nicht.

Der Afrikaner wird nach Aussage mehrerer Augenzeugen aufgehalten, beleidigt und geschlagen. Sandra S., eine kräftige, untersetzte Blondine, vorbestraft wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch, nennt ihn "Scheißneger", rempelt ihn an, tritt ihn. Ihr Freund Artur K., ein Aussiedler mit polnischem Pass, der kurz zuvor wegen eines bewaffneten Raubüberfalls verurteilt worden ist, rammt ihm seine rechte Faust ins Gesicht. Alle johlen.

Robert Nwanna rennt zu seinem Haus, drei der Männer, darunter auch Artur K., verfolgen ihn offenbar. "Er wurde reingetrieben, der schwarzhäutige Mann", berichtet jedenfalls ein Nachbar, der wegen des Geschreis aus dem Fenster guckt. Lebensgefährtin Nicole, die ihre kleine Tochter auf dem Arm hat, öffnet Nwanna. Das Kind, durch den Krach völlig verstört, weint laut.

Ab diesem Zeitpunkt steht Aussage gegen Aussage. Der Afrikaner und seine Partnerin schwören, die Verfolger hätten die Haustür eingetreten, seien drauf und dran gewesen, die Wohnung zu stürmen; die Familie habe sich wie in einer Falle gefühlt. Mitglieder der Clique versichern hingegen, die Attacke an der Tür sei viel später erfolgt.

Unstrittig ist, dass Robert Nwanna aus dem Küchenfenster springt. Und dass er plötzlich ein Messer in der Hand hat. Ob er es aus seiner Küche mitgenommen oder, wie er aussagt, einem Angreifer abgenommen hat, ist dagegen unklar. Der Afrikaner steht jedenfalls allein einer Gruppe von zehn Leuten gegenüber.

Auch Artur K., der schon zuvor zugeschlagen hat, hält ein Messer in der Hand, wirft es aber wieder weg. "Das Ding ist viel zu kurz", schimpft er laut Zeugen, lässt sich von einem Kumpel den Golfschläger reichen. Mit dem Sportgerät aus Metall, blauer Griff, blaue Schlagfläche, haut er mit aller Kraft zu, trifft den Nigerianer am Oberkörper. "Er hat ihm so richtig eins übergezogen", bestätigt selbst K.s Freundin Sandra S.

Die Reaktion folgt Sekunden später. Das Messer von Robert Nwanna trifft Artur K. an der linken Halsseite, tritt in Schulterhöhe wieder aus. Der 30-Jährige sackt zusammen, wird bleich, droht zu kollabieren. Blutet. Doch er hat Glück: Der Stich verfehlt die Halsschlagader, die zunächst heftige Blutung kommt schnell zum Stillstand. Nach zwei Tagen verlässt K. das Krankenhaus.

Auch der Afrikaner ist verletzt, auf seiner Stirn und auf seiner Brust werden Blutergüsse, Prellungen und blutende Wunden festgestellt - für die Ermittler steht dennoch schnell fest, wer Täter und wer Opfer ist.

Polizisten, von mehreren Zeugen alarmiert, legen Robert Nwanna sofort Handschellen an, transportieren ihn zur Wache in Bad Segeberg. Seinen Beteuerungen, er sei angegriffen worden, wird nicht geglaubt. Zumal einige Kumpel von Artur K., die angetrunken mitgekommen sind, vehement das Gegenteil lallen.



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