Der SPIEGEL

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30. Juni 2008, 00:00 Uhr

Justiz

"Er wollte nur vorbeigehen"

Von Bruno Schrep

Ein Schwarzer, der sich gegen gewalttätige Randalierer mit einem Messer wehrte, soll vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft Kiel hat ihn trotz dubioser Beweislage angeklagt.

An die abschätzigen Blicke, an die abfälligen Gesten hat sich Robert Nwanna inzwischen längst gewöhnt. Wenn Passanten "Nigger" oder "Bimbo" hinter ihm herzischen, tut er so, als hätte er nichts gehört. "Ich gucke nicht nach rechts und nichts nach links", versichert der 26-Jährige, "ich gehe einfach weiter."

Der Mann aus Nigeria, freundliches Gesicht, klein, drahtig, der mit Ehefrau und Kindern in der schleswig-holsteinischen Provinz lebt, hat sich damit abgefunden, wegen seiner Hautfarbe beleidigt und provoziert zu werden. Er meidet weitgehend Kontakte zu Außenstehenden, widmet sich nur seiner Familie. "Ich habe hier keinen einzigen Freund", sagt er.

Und auch bei der Kieler Staatsanwaltschaft hat Robert Nwanna offenkundig keinen Fürsprecher. Die Behörde hat ihn angeklagt, "mittels eines gefährlichen Werkzeugs und einer das Leben gefährdenden Behandlung eine andere Person körperlich misshandelt und an der Gesundheit geschädigt zu haben".

Die Beweislage ist indes höchst dubios. Der Nigerianer hat zwar einen 30-jährigen Mann mit einem Messer in den Hals gestochen. Doch warum er zustach, ob aus Angst um sein Leben, aus Panik oder aus Zorn über vorangegangene Schläge und Kränkungen, ist völlig ungeklärt. Zeugen widersprechen sich, die Ermittlungen der Polizei wirken einseitig und lückenhaft.

Auf der Suche nach dem Warum wird deshalb aus dem Kriminalfall um eine schwere Körperverletzung, die seit über drei Jahren die Justiz beschäftigt, eine Geschichte über Deutschland im Zeitalter von Hartz IV, über die misslungene Eingliederung von Einwanderern, über die Verelendung von einst intakten Wohnsiedlungen - und über das Los, als Schwarzer abseits der großen Städte zu leben.

Wahlstedt, Kreis Bad Segeberg. In den einfachen Wohnblocks rund um den Sudetenweg, erbaut 1951, wohnten jahrzehntelang Vertriebene aus dem deutschen Osten. Fleißige, disziplinierte Leute mit dem Ziel, schnell Fuß zu fassen in der neuen Heimat. Doch die sind schon lange weg.

Als Robert Nwanna im Januar 2005 zu seiner damaligen Verlobten Nicole und seiner kleinen Tochter Alice in das Haus Sudetenweg 9 zieht, ist das Klima längst gekippt. In den Blocks mit den billigen Mieten leben vorwiegend Gescheiterte und sozial Schwache: Langzeitarbeitslose, die jede Hoffnung auf einen Job aufgegeben haben, Frührentner, die wegen Krankheit oder mangelnder Fähigkeiten aussortiert wurden, alleinerziehende Mütter, die auf Stütze angewiesen sind.

Bei Einbruch der Dunkelheit wird in manchen Ecken mit Drogen gehandelt, beim Streit um Preise und Qualität kommt es oft zu wüsten Schlägereien. "Hier ist ein Brennpunkt von Gewalt", klagt Rentner Volkmar Sparr, einer der wenigen verbliebenen Alten, und deutet mit seinem Stock zu den Nachbargebäuden. Schuld am Niedergang sind seiner Meinung nach hauptsächlich die Ausländer, "auf die bin ich sehr ärgerlich". Der Russe von gegenüber etwa habe seine Nachbarin mit einer Kettensäge angegriffen - und erst aufgegeben, als die Polizei einen scharfen Hund in die Wohnung schickte. Und ein Asylbewerber drei Häuser weiter habe erst kürzlich einen Passanten mit der Pistole bedroht und ausgeraubt.

Auch Robert Nwanna, den einzigen Schwarzen in der Siedlung, mochte Sparr, 70, von Anfang an nicht. Der habe Streit mit jedermann angefangen, behauptet der Rentner, könne sich nicht anpassen und nicht einordnen. "So einer gehört nicht hierher." Martin S., ein junger Arbeitsloser, der zwei Stockwerke über dem Nigerianer wohnte, hat das Unbehagen vieler auf eine Kurzformel gebracht: "Ausweisen oder wegsperren."

Tatsächlich reagiert Robert Nwanna, den sie in der Siedlung "Mandela" nennen, schnell aufbrausend und gereizt. Er protestiert lautstark im Supermarkt, wenn ihn während des gesamten Einkaufs der Ladendetektiv verfolgt, wenn an der Kasse auch im Kinderwagen nachgeguckt wird, ob er nichts geklaut hat. Er legt sich mit einem Bahnschaffner an, der seinen 50-Euro-Schein nicht wechseln will. Er regt sich auf, wenn seine weiße Partnerin aus den Nachbarfenstern als "Negerschlampe" beschimpft wird. So hat er sich das Leben in Deutschland nicht vorgestellt.

Robert Nwanna ist 2001 über Freetown und Madrid in Frankfurt gelandet. Er beantragt als Steven Bah aus Liberia in der Bundesrepublik Asyl. Denn politisch Verfolgte aus dem von Bürgerkriegen verwüsteten Liberia, haben ihm die Schleuser in Afrika eingebläut, bekämen in Deutschland zumindest eine befristete Duldung.

"Er hat ihm so richtig eins übergezogen"

Der Wirtschaftsflüchtling wird in eine Unterkunft im thüringischen Saalfeld eingewiesen, bekommt die Auflage, bis zur Entscheidung seines Antrags unbedingt dort zu bleiben. Doch es zieht ihn immer mal wieder zu Landsleuten nach Hamburg; er wird bei kleinen Drogendeals erwischt und zu Jugendarrest verknackt. Kein Zweifel, Robert Nwanna macht es sich und seiner Umgebung nicht leicht.

Vor einem Karussell auf dem Hamburger Dom lernt er Nicole H. kennen. Die große, kräftige Frau und der schmächtige Afrikaner werden ein Paar. Und schnell merkt Nicole H., was das bedeutet: Eine ihrer Schwestern bricht jeden Kontakt mit ihr ab, ein Schwager schmäht sie als "Bimbo-Frau".

Nach der Geburt der Tochter Alice gestattet die Ausländerbehörde eine Art Familienzusammenführung. Der Afrikaner darf zeitweise Thüringen verlassen und in Wahlstedt bei Nicole und der Tochter zu Besuch wohnen.

Am 26. Mai 2005, es ist kurz nach 19 Uhr, muss der Nigerianer nach dem Einkaufen an einer Gruppe lärmender und krakeelender junger Leute vorbei: Nachbarn aus der Siedlung, die rund 50 Meter vor seiner Erdgeschosswohnung stehen und, wie fast jeden Tag, im Freien zechen; Männer mit kurzgeschorenem Haar oder Glatze, Frauen mit Piercings und schrillen Klamotten. Die meisten sind arbeitslos, hatten schon oft Ärger mit der Polizei, an diesem Dienstag fühlen sie sich richtig stark.

Die Brüder Dirk und Sascha N. führen ihre Kampfhunde mit, einen Bullmastiff und einen Pitbull. Andere halten einen Golfschläger und ein Messer parat, einer der Männer hat eine Kehrschaufel griffbereit. Alle haben schon vier bis fünf Flaschen Bier geleert, die Stimmung ist aufgeheizt. Und jetzt kommt dieser Schwarze da.

"Der Mann wollte ganz einfach vorbeigehen", erinnert sich ein Beobachter, "er wollte nur zu seiner Wohnung." Doch dazu kommt es nicht.

Der Afrikaner wird nach Aussage mehrerer Augenzeugen aufgehalten, beleidigt und geschlagen. Sandra S., eine kräftige, untersetzte Blondine, vorbestraft wegen Körperverletzung und Hausfriedensbruch, nennt ihn "Scheißneger", rempelt ihn an, tritt ihn. Ihr Freund Artur K., ein Aussiedler mit polnischem Pass, der kurz zuvor wegen eines bewaffneten Raubüberfalls verurteilt worden ist, rammt ihm seine rechte Faust ins Gesicht. Alle johlen.

Robert Nwanna rennt zu seinem Haus, drei der Männer, darunter auch Artur K., verfolgen ihn offenbar. "Er wurde reingetrieben, der schwarzhäutige Mann", berichtet jedenfalls ein Nachbar, der wegen des Geschreis aus dem Fenster guckt. Lebensgefährtin Nicole, die ihre kleine Tochter auf dem Arm hat, öffnet Nwanna. Das Kind, durch den Krach völlig verstört, weint laut.

Ab diesem Zeitpunkt steht Aussage gegen Aussage. Der Afrikaner und seine Partnerin schwören, die Verfolger hätten die Haustür eingetreten, seien drauf und dran gewesen, die Wohnung zu stürmen; die Familie habe sich wie in einer Falle gefühlt. Mitglieder der Clique versichern hingegen, die Attacke an der Tür sei viel später erfolgt.

Unstrittig ist, dass Robert Nwanna aus dem Küchenfenster springt. Und dass er plötzlich ein Messer in der Hand hat. Ob er es aus seiner Küche mitgenommen oder, wie er aussagt, einem Angreifer abgenommen hat, ist dagegen unklar. Der Afrikaner steht jedenfalls allein einer Gruppe von zehn Leuten gegenüber.

Auch Artur K., der schon zuvor zugeschlagen hat, hält ein Messer in der Hand, wirft es aber wieder weg. "Das Ding ist viel zu kurz", schimpft er laut Zeugen, lässt sich von einem Kumpel den Golfschläger reichen. Mit dem Sportgerät aus Metall, blauer Griff, blaue Schlagfläche, haut er mit aller Kraft zu, trifft den Nigerianer am Oberkörper. "Er hat ihm so richtig eins übergezogen", bestätigt selbst K.s Freundin Sandra S.

Die Reaktion folgt Sekunden später. Das Messer von Robert Nwanna trifft Artur K. an der linken Halsseite, tritt in Schulterhöhe wieder aus. Der 30-Jährige sackt zusammen, wird bleich, droht zu kollabieren. Blutet. Doch er hat Glück: Der Stich verfehlt die Halsschlagader, die zunächst heftige Blutung kommt schnell zum Stillstand. Nach zwei Tagen verlässt K. das Krankenhaus.

Auch der Afrikaner ist verletzt, auf seiner Stirn und auf seiner Brust werden Blutergüsse, Prellungen und blutende Wunden festgestellt - für die Ermittler steht dennoch schnell fest, wer Täter und wer Opfer ist.

Polizisten, von mehreren Zeugen alarmiert, legen Robert Nwanna sofort Handschellen an, transportieren ihn zur Wache in Bad Segeberg. Seinen Beteuerungen, er sei angegriffen worden, wird nicht geglaubt. Zumal einige Kumpel von Artur K., die angetrunken mitgekommen sind, vehement das Gegenteil lallen.

"Grob einseitig, extrem unfair"

Ein Kriminalhauptkommissar legt schriftlich nieder, dass auch Robert Nwannas Verlobte Nicole mit auf dem Revier sei, das Wort "Verlobte" schreibt der Beamte in Anführungsstrichen. Und ergänzt: "Dabei war auch ein circa anderthalb Jahre altes weibliches Kleinkind, augenscheinlich eine Mulattin."

Wirklich wichtige Feststellungen unterbleiben dagegen. Zwar nehmen die Beamten alle Küchenmesser aus der Wohnung im Sudetenweg mit, um zu klären, woher die Tatwaffe stammt. Das Messer und der Golfschläger der Gruppe werden jedoch nicht sichergestellt, bleiben verschwunden. Auch werden weder für den verletzten Artur K. noch für dessen alkoholisierte Kumpane Blutproben angeordnet - das Ergebnis hätte Aufschlüsse über deren Glaubwürdigkeit bringen können.

Robert Nwanna verbringt die Nacht in einer Zelle. Nachdem klar ist, dass sein Kontrahent nicht in Lebensgefahr schwebt, wird er morgens entlassen. Zähes juristisches Gezerre beginnt.

Silke Füßinger, die zuständige Kieler Staatsanwältin, sieht die Schuld an der Auseinandersetzung von Beginn an allein bei Nwanna. Nach jahrelangen Ermittlungen und Dutzenden Vernehmungen klagt sie den Afrikaner wegen gefährlicher Körperverletzung an, eines Delikts, das mit zehn Jahren Gefängnis bestraft werden kann.

"Grob einseitig, extrem unfair", kritisiert Jennifer Jakobi, die Bremer Verteidigerin des Nigerianers. Nach ihrer Einschätzung hat die Staatsanwaltschaft mit ihrer Sichtweise "die Grenze zur Unvernunft überschritten".

Erst nach einer Anzeige der Anwältin wird auch gegen sechs Gruppenmitglieder, darunter Sandra S. und Artur K., wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Ergebnis: Die sechs Verfahren werden sämtlich eingestellt, Staatsanwältin Füßinger kann bei den Randalierern kein strafbares Verhalten erkennen.

Zu einem Prozess gegen Nwanna ist es bislang trotzdem nicht gekommen. Grund: Das Amtsgericht Bad Segeberg hat, was selten passiert, die dazu notwendige Eröffnung des Hauptverfahrens abgelehnt. Es könne durchaus sein, argumentiert der Schöffengerichtsvorsitzende Harald Pöhls, "dass sich der Angeschuldigte in einer Notwehrsituation befunden hat, die sein Handeln rechtfertigte".

Über die Anklageschrift seiner Kollegin Füßinger fällt Pöhls, auch Chef des Amtsgerichts, ein bitterböses Urteil. Bei den Schlussfolgerungen handle es sich offenbar um eine "Sachverhaltsquetsche" - Juristen verstehen darunter, dass bei der Bewertung eines Vorgangs wesentliche Umstände ignoriert und durch eigene Interpretationen ersetzt werden. Solche Fehler unterlaufen häufig Jurastudenten im Prüfungsstress.

Robert Nwanna hat Wahlstedt nie wieder betreten. Nach Morddrohungen aus der Nachbarschaft ist die Familie einen Tag nach dem Vorfall zu Verwandten nach Bad Segeberg geflohen und dort kurz darauf in eine kleine Mietwohnung gezogen. Das Paar, seit 2007 verheiratet, hat inzwischen drei Töchter, das jüngste Mädchen ist acht Monate alt.

Der Nigerianer, mittlerweile 26 und mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis, sucht derzeit eine Beschäftigung. Er hat schon für eine Reinigungsfirma Treppenhäuser und Büros geputzt, für einen privaten Kurierdienst Pakete ausgetragen. Seit Wochen büffelt er für die Führerscheinprüfung.

Seit dem Drama in Wahlstedt hat der Familienvater einen Tick: Er schließt ständig alle Türen hinter sich ab, ganz so, als müsse er sich jederzeit vor Eindringlingen schützen. Selbst die Balkontür verrammelt er am helllichten Tag mit einer Spezialsicherung. Angst vor Artur K., der ihn geschlagen und den er gestochen hat, muss Robert Nwanna derzeit nicht haben: Weil er die "Kleine Stadtapotheke" in Wahlstedt überfallen hat, sitzt K. eine Freiheitsstrafe ab.

Wenn es nach der Kieler Staatsanwaltschaft geht, soll auch Robert Nwanna unbedingt der Prozess gemacht werden. Gegen den Beschluss, das Hauptverfahren nicht zu eröffnen, hat die Behörde das Rechtsmittel der sofortigen Beschwerde eingelegt. Die Entscheidung des Landgerichts Kiel soll demnächst fallen.

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