Tour de France "Hundsgewöhnliche Proletarier"

Der Philosoph und Hobbyfahrer Peter Sloterdijk über den Zauber der Tour de France, die Profanität des Dopings und die zerstörerische Kraft dänischer Nihilisten.

SPIEGEL: Herr Sloterdijk, Sie haben vor zwei Jahren den Mont Ventoux mit dem Rad erklommen, einen der mythischen Berge der Tour de France und 1900 Meter hoch. Warum?

Sloterdijk: Vielleicht um zu beweisen, dass Herren um die 60 noch nicht ganz zum alten Eisen gerechnet werden müssen. Die Beweisnot war akut: Man ist ja mit einem intuitiven Bild seiner Gesamtlebensspanne ausgestattet, und trotz des angeborenen Leichtsinns, der uns hilft, die ablaufende Zeit nicht immer wahrzunehmen, gibt es Zäsuren, an denen man meint zu spüren, wie es im freien Fall dahingeht. 60 zu werden ist so eine Zäsur.

SPIEGEL: Und waren Sie gedopt?

Sloterdijk: Keine Spur, mein holländischer Freund und ich haben uns so viel Zeit gelassen, dass der sportliche Wert des Unternehmens nicht übertrieben hoch zu veranschlagen war, viel niedriger jedenfalls als bei Sportlern, die immer am Limit und ohne Absteigen hochfahren.

SPIEGEL: Wie lange haben Sie gebraucht?

Sloterdijk: So um die zweieinhalb Stunden. Man muss wissen, dass der Mont Ventoux eine sehr bizarre abweisende Aura hat. Wenn man die Vegetationsgrenze erreicht, ist man plötzlich in einer lunaren Landschaft. Die Rennradfahrer spüren davon natürlich nicht viel, weil sie vor Anstrengung blind sind. Wir Amateure waren am letzten Aufstieg so phänomenal langsam, dass man ständig diese todeszonenhafte Stimmung des Gipfelbereichs gespürt hat. Wenn man dann auch noch an dem Denkmal für den armen Simpson vorbeifährt, der da 1967 kurz vor dem Gipfel verendete, ist man schon ziemlich demoralisiert und denkt für ein paar Sekunden über die Sinnhaftigkeit des Unternehmens nach.

SPIEGEL: Warum ist Radfahren Ihr Sport geworden?

Sloterdijk: Eher zufällig. Ich war früher mehr ein Läufer, aber ich habe mit der Zeit bemerkt, dass die Gelenke das nicht gern haben. Inzwischen hat sich meine Vorliebe fürs Radfahren so weit rumgesprochen, dass mir Kollegen zum Geburtstag ein Gelbes Trikot geschenkt haben.

SPIEGEL: Wie viel fahren Sie?

Sloterdijk: Da kommen in einem Sommer schon ein paar tausend Kilometer zusammen. Radfahren bedeutet für mich eine Rückkehr zu dem alten Savannen-Adam, der bei der Jagd den ganzen Tag läuft und dabei immer high ist.

SPIEGEL: Bekommt man auf dem Mont Ventoux ein Gefühl dafür, was ein Radprofi beim Erzwingen eines solchen Berges leisten muss?

Sloterdijk: Es geht noch weiter: Man begreift, dass das, was diese Männer leisten, alles übersteigt, was Normalsterbliche begreifen können. Das erinnert fast an ein theologisches Studium: Man braucht den ersten Grad der Einweihung, um zu verstehen, dass man nichts versteht. Das Geistreichste, was je über die Tour geschrieben wurde, stammt von dem frühen Roland Barthes, der nicht zufällig eine regelrechte Theologie des Radsports entwickelt. In seinem Essay über das Epos namens Tour de France findet man einen Passus, worin er den Mont Ventoux wie einen Gott des Bösen beschreibt, der Opfer fordert. Barthes setzt die Helden des Radsports mit den Kriegern Homers in der Ilias gleich. Für ihn wiederholt sich das Urduell zwischen Hektor und Achilles unter den Fahrern am Berg. In der Ebene kämpfen kann schließlich jeder, aber wer am schlimmsten Berg bis zuletzt zweikampffähig bleibt, ist schon darum Hektor oder Achilles.

SPIEGEL: Barthes schreibt in diesem Essay aus dem Jahr 1957 bereits über Doping.

Sloterdijk: In seinen Augen war das Doping unverzeihlich, weil es eine Profanisierung bedeutete. Barthes erbaute sich an der Vorstellung, dass die Kraft, mit der der Fahrer die schwersten Abschnitte meistert, nicht nur aus ihm selbst kommt.

SPIEGEL: Sondern von den Göttern?

Sloterdijk: Etwas in dieser Art, ja. Da soll ein numinoser Sprung passieren, wie man es zuletzt 2003 an Lance Armstrong auf der Pyrenäenetappe nach Luz Ardiden beobachten konnte, als sein Lenker bei einem Anstieg in der Plastiktüte eines Zuschauers hängenblieb, so dass er stürzte, elf Kilometer vor dem Ziel. Daraufhin geschah das, was Barthes ein halbes Jahrhundert zuvor den "Jump" genannt hatte. Ein plötzlicher Energiestoß, der Armstrong erlaubte, mit dem Zorn des Achilles noch einmal anzugreifen. Der trieb ihn zum Gipfel und an allen Konkurrenten vorbei.

Die Fahrer sind plötzlich hundsgewöhnliche Berufstätige

SPIEGEL: Armstrong war vielleicht gedopt?

Sloterdijk: Wie alle Übrigen, doch das spielte in dieser Szene keine wesentliche Rolle - der Jump war authentisch. Man versteht übrigens sehr gut, warum Barthes im Doping ein Sakrileg sah: Das war für ihn, als stehle man Gott das Vorrecht des Funkens. Dass Barthes letztlich recht hatte, hat man im vorigen Jahr bei der Tour de France grausam erlebt. Plötzlich ist der Schleier hochgezogen, und man sieht keine Kämpfer mehr, nur noch Radproletarier bei einem dubiosen Job. Die Poesie ist dahin, das Erhabene ist eingeebnet, die Fahrer sind plötzlich hundsgewöhnliche Berufstätige, sie leben nicht mehr in der Sphäre des Glanzes, sie sind nur noch Fachidioten für Sprinten, Rollen, Klettern. Noch ärger ist die Vulgarität, mit der ein früherer Tour-de-France-Sieger wie Bjarne Riis seine Enttarnung als Doper kommentierte: "Das Gelbe Trikot liegt in einem Pappkarton in meiner Garage. Ihr könnt es abholen."

SPIEGEL: Das tut Ihnen weh?

Sloterdijk: So etwas hätte nie gesagt werden dürfen, das ist dänischer Nihilismus in Vollendung. So reden letzte Menschen bei der letzten Ungezogenheit. Der große Radfahrer von früher war ein Nietzscheaner in den Bergen gewesen, jemand, den man beobachtete, wie er die Schwerkraft besiegte und Übermensch wurde. Jetzt tritt der Pseudoübermensch als letzter Mensch auf und rülpst in alle Mikrofone. Selbst das Symbol seines größten Erfolges bedeutet ihm weniger als nichts. Es stellt sich heraus, dass es für ihn nie diese höhere Dimension gegeben hat, kein Ehrgefühl, kein symbolisches Mehr, kein Glanz, keine Spannung von oben - das Trikot nur ein sinnloser Fetzen. Wenn man die Ehrendimension des Sports und seine Symbole herabzieht, ist alles vorbei. Eine so dreckige Bemerkung aus dem Mund eines Fahrers zu hören, der einmal weit oben war, ist etwas vom Fürchterlichsten.

SPIEGEL: Sie glaubten, Sie sehen Hektor und Achilles, unterstützt von den Göttern, und in Wahrheit waren es Bjarne Riis und Jan Ullrich, wahrscheinlich mit Epo im Blut. Sind Sie enttäuscht?

Sloterdijk: Nicht wirklich. Seit ich selbst ein wenig Rad fahre, weiß ich, dass es wohl unmöglich ist, wenn ein Fahrer auf einer Bergetappe sechs Stunden lang eine Durchschnittsleistung von 280 Watt auf die Pedale bringt, mit Phasen von 450 Watt und mehr an den schweren Steigungen. Schon physiologisch geht das nicht ohne chemische Helfer. Wer die ausschalten will, schaltet letztlich die Idee der Spitzenleistung als solcher aus.

SPIEGEL: Soll man das Doping freigeben?

Sloterdijk: Es wäre plausibel und ist doch völlig unmöglich. Man hat die Wahl zwischen zwei Unmöglichkeiten, wie bei jedem starken Dilemma. Im Grunde erinnert die Situation im Radsport heute, und im Hochleistungszirkus überhaupt, daran, wie die frühen Christen den Römern die Freude an ihren grausamen Spielen verdorben haben. Mir scheint, man muss heute tatsächlich in so weiten Analogien denken. Der Widerstand der Christen gegen die römischen Spiele zog sich über mehrere hundert Jahre hin, doch zuletzt setzten sie sich durch, und die Spiele verschwanden. Heute ist es nicht das Christentum, das den Spielen zusetzt, sondern die Gesundheitsreligion und ihre Ärzte-Priesterschaft, aber der Effekt ist der gleiche. Deutschland steht heute im Zentrum der neuen Reaktion gegen die Spiele. Ein Land, in dem nicht mehr gedopt werden darf und wo alle Sportler hygienische Protestanten werden müssen.

SPIEGEL: In Italien und Spanien hält man nicht viel vom deutschen Anti-Doping-Kampf.

Sloterdijk: Dort gehört die katholische Tradition der fröhlichen Selbstzerstörung zur Volkskultur. Die Italiener können es einfach nicht fassen, dass da oben im Norden schon wieder protestantische Barbaren ihr Unwesen treiben. Die glauben im Ernst, wir sind verrückt geworden. Doch Italiener und Spanier sind Angehörige einer Kultur, in der die Abspaltung des Scheins vom Sein zur populären Metaphysik gehört. Die Deutschen, speziell die protestantischen, wollen dagegen die Wörter und die Dinge wieder zur Deckung bringen. Wir sind, glaube ich, die einzige Nation auf der Welt, wo man an ehrliche Neuanfänge glaubt. Wir bleiben unberechenbar, 1945 wurden wir demokratisch, 2007 dopingfrei.

SPIEGEL: Ein Neuanfang ist nicht möglich?

Sloterdijk: Man muss eher mit einem endlosen Fortgang der Malaise rechnen, folglich mit einem allmählichen Ruin der Sportidee überhaupt. Mitten in dem weltweiten Körperboom spürt doch jeder, dass da etwas zu Ende geht. In fast allen Disziplinen sind die Rekorde in den physiologischen Grenzbereich vorgestoßen. Bei den Olympischen Spielen in Peking steht der größte Aufmarsch der Gedopten bevor, seit der erste Mensch einen Stein schleuderte. Doch der Verdacht frisst alles an, zuletzt sogar die Freude an den Siegen der eigenen Landsleute - die nach wie vor den Schlüsselaffekt für die Anteilnahme an Sportereignissen liefert.

SPIEGEL: Die besten Brüste, die wir sehen, sind gemacht. Die stärksten sexuellen Höchstleistungen sind durch Viagra befeuert. Warum regen wir uns über Sportler auf, die Vergleichbares tun?

Sloterdijk: Das hat einen klar benennbaren Grund: Der Sport verhält sich zum Alltag wie das Heilige zum Profanen. Er bildet eine Modellwelt, in der sich alles, was man aus der Durchschnittswelt kennt, in einer höheren Verdichtung darstellt. Hier gelten dieselben Werte wie anderswo, aber eben in Reindarstellung. Deswegen ist dort der Gedanke der reinen Leistung bedeutsamer als überall sonst. In der Grauzone des Normalen ist der Betrug normal, in der Modellwelt muss er verpönt sein. Diese von klaren Regeln umrahmte Sonderwelt ist von sich her als künstliche Sphäre reiner Leistung verfasst und deswegen steht sie unter einem besonderen Auftrag. In ihr feiert die meritokratische Gesellschaft ihre Grundsätze. Sie ist darum, wenn man so will, eine immanent transzendente Zone. Sportler können keine Heiligen und keine Priester sein, aber sie müssen wenigstens als Heldendarsteller etwas taugen - und wenn sie das nicht mehr wollen oder können, dann sind sie wie alle Übrigen - und wir können sie auf Hartz IV schicken.

Das jahrzehntelange Lügen der Radsportwelt

SPIEGEL: War das jahrzehntelange Lügen der Radsportwelt also eigentlich sinnvoll, um die Transzendenz zu erhalten?

Sloterdijk: Der Radsport ist auch hierin strukturell katholisch: ohne Heuchelei nicht überlebensfähig. Eine Reformation der Tour de France bleibt unvorstellbar, weil man dann lauter Ernüchterte auf die Piste schicken würde, das wäre der Natur des Ereignisses nicht gemäß. Die Tour ist einer der wenigen Mythen des 20. Jahrhunderts, der bis vor kurzem noch halbwegs funktionierte.

SPIEGEL: Deutsche Radsport-Teams versuchen, den Sport zu säubern. Geht das?

Sloterdijk: Rolf Aldag wurde im vergangenen Jahr mit einem Bonmot zitiert: Man sollte diesmal den letzten drei die Medaillen geben. Das drückt eine ziemlich tiefe Einsicht in die moralische Situation der Tour aus. Nur: Wenn die Letzten die Ersten sein sollen, dann treiben wir nicht mehr Sport, sondern eine Barmherzigkeitsübung. Aus Niederlagen Siege zu machen ist und bleibt eine kulturell unwahrscheinliche Operation. In Italien hat man die Bestrebungen der Deutschen mit einem maoistischen Umerziehungslager verglichen, durch das die geständigen Fahrer hindurchgegangen seien.

SPIEGEL: Es gab in der Bundesrepublik lange die Illusion, dass nur die anderen, die Russen, die DDR, die Amerikaner dopingmäßig die Bösen sind.

Sloterdijk: Die Chemisierung der Gesellschaft ist ein globales Phänomen - und vor allem: Sie hat die breite Mitte erfasst. Man muss hierzu das Buch "No Limit" von Ines Geipel lesen, der ehemaligen DDR-Weltrekordlerin in der Sprintstaffel: Das zeigt, wie die Dinge, die im nächsten Monat in Peking passieren werden, in einen weltweiten Trend eingebettet sind. Mir hat mein Trainer schon vor ein paar Jahren erzählt, dass man in kaum einer Disziplin mehr ohne Doping auch nur über die Bezirksebene hinauskommt - und alle sind sich darüber völlig im Klaren. Nur Berufsheuchler wie Rudolf Scharping mussten so tun, als bräche für sie die Welt zusammen, als Jan Ullrich sich erwischen ließ. Was für ein Unfug! Seit langem ist doch jedem klar, dass ein Sportprofi immer einen zweiten Beruf ausüben muss, den des Vorbilddarstellers. Die Professionalisierung macht vor der Lüge nicht halt. Wer nicht heucheln kann, kann auch nicht Rad fahren.

SPIEGEL: Könnte es sein, dass gedopte Sportler uns Normalsterbliche verachten, weil wir uns unserer Beschränktheit ergeben, die Grenzen unseres Körpers und die Grenzen der Schöpfung akzeptieren, während sie erkannt haben, wie man aus ihnen heraustreten kann?

Sloterdijk: Exzellente Frage. Können die Trainierten den Graben zwischen sich und den Untrainierten nur mit Verachtung auffüllen? Viel spricht dafür. Immer wenn ein sehr gesteigerter Mensch zwischen Nichtskönnern herumläuft, klafft eine unbehagliche Diskrepanz auf. Deswegen legen sich Sportler neben der Nie-gedopt-Lüge oft noch eine zweite Heuchelei zu: Sie wollen um alles in der Welt so tun, als wären sie ganz normale Leute. Ihr zweiter Zusatzsport ist die Simulation von Normalität. Kommunistische Intellektuelle hatten die Nummer seinerzeit auch im Repertoire.

SPIEGEL: Sind Fahrer wie Jörg Jaksche, die alles bekennen, heldenfähig?

Sloterdijk: Er gehört zu denen, die in das protestantische Lager übergewechselt sind - und die neuen Protestanten sind zurzeit noch eine unwillkommene Minderheit. In den nächsten 100 Jahren werden wir immer Doppelsport haben. Zuerst den Wettkampf selbst und dann die Enttarnung der Schwindler. Auf diese Weise kriegen wir zwei Programme gleichzeitig geboten. Auch deswegen erinnert die Situation der Anti-Doping-Partei an die der Christen in der römischen Arena. Sie werden zwar weiterhin zum Vergnügen des Publikums von den Löwen gefressen, aber aus dem Maul des besten Löwen hängt schon ein Arm mit erhobenem Zeigefinger heraus - mit einer unangenehmen Botschaft: Wenn ihr so etwas sehen wollt, dann seid ihr moralisch am Ende!

SPIEGEL: Es gibt Hobbyfahrer, die schlucken Paracetamol oder Voltaren, auch Epo, bevor sie auf Tour gehen. Sie auch?

Sloterdijk: Ich hätte keine prinzipiellen Hemmungen, aber ich setze auf innere Regulierungen. Der menschliche Körper ist ein endokrinologisches Gesamtkunstwerk, man muss ihn nur richtig stimulieren, und er dankt es dir mit einer Symphonie von Innen-Drogen.

SPIEGEL: Tragen Sie eigentlich das Gelbe Trikot, das Ihnen die Kollegen zum Geburtstag geschenkt haben?

Sloterdijk: Sehr gerne sogar. Erstens passt es mir halbwegs, zweitens hat man das Gefühl, als fahre man wie ein lebendes Alarmsignal durch die Landschaft.

SPIEGEL: Außerdem ist man den Göttern damit ein Stück näher, oder?

Sloterdijk: Ach, man wird schnell entzaubert. Da draußen fährt jeder Zweite in Gelb.

SPIEGEL: Herr Sloterdijk, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führten die SPIEGEL-Redakteure Lothar Gorris und Dirk Kurbjuweit

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