AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2008

Legenden Der falsche Friedensfürst

Von

2. Teil: Ein Gewaltherrscher wie andere auch


Selbst Schirin Ebadi, die Friedensnobelpreisträgerin des Jahres 2003, fiel auf den Schmu herein. "Ich bin Iranerin, Abkömmling von Kyros dem Großen", erklärte sie bei ihrer Rede in Oslo: "Das ist derselbe Herrscher, der verkündete, er werde nicht über das Volk regieren, wenn das Volk es nicht wünscht."

Fachleute sind fassungslos. Verselbständigt sich da ein Gerücht?

Im Zentrum des Bluffs, so viel ist klar, steht eine Gestalt, die wie kaum eine andere den Alten Orient erschütterte. "Militärische Geniestreiche" (Wiesehöfer) führten Kyros bis nach Indien und an die Grenze Ägyptens. Er gilt als Schöpfer eines Flächenstaats neuen Zuschnitts. Auf dem Zenit seiner Macht war er Inhaber eines vor Reichtum strotzenden Märchenreichs.

Dabei hatte alles so bescheiden angefangen. Geboren als Sohn eines unbedeutenden Kleinkönigs in der Persis, Südwestiran, bestieg der junge Mann 559 vor Christus den Thron.

Pragmatiker mit Zuckerbrot und Peitsche, aber kein Humanist

Bereits im Altertum rankten sich merkwürdige Legenden um den Dynasten. Eine besagt: Kyros wuchs in der Wildnis auf, eine Hündin säugte ihn. Zeitgenössische Bildnisse von ihm gibt es nicht.

Schon bald aber bekam der Westen die Entschlossenheit dieses Mannes zu spüren. Zuerst besiegte er das Nachbarvolk der Elamer. 550 vor Christus griff er mit schnellen Kampfwagen und Soldaten in Bronzepanzern die Meder an.

Sodann ging der Aufsteiger gegen Kleinasien vor, wo Hunderttausende Griechen in Kolonien lebten. Vornehme Bürger aus Priene wurden versklavt.

Erholung von den Kriegsmühen fand der Feldherr in seiner Residenz in Pasargadai. Sie war umringt von einem bewässerten Garten, dem "paradeisos". Im Palast lebte ein üppiger Harem.

Lang hielt es der Chef dort allerdings nicht aus. Bald schon stand er wieder an der Front - in Afghanistan. Erst mit 71 Jahren war Schluss, irgendwo in Usbekistan. Ein Speer traf ihn im Oberschenkel. Drei Tage später war er tot.

Kühn im Gefecht, klug bei der Innenpolitik - Wiesehöfer nennt den König einen "Pragmatiker", der mit "Zuckerbrot und Peitsche" seine Ziele erreichte. Ein Humanist aber war er nicht.

Zwar fanden manche Hellenen Gefallen an dem Eroberer. Herodot und Aischylos (die allerdings später lebten) lobten den Orientalen als gnädig. In der Bibel wird er "Gesalbter" genannt, weil er angeblich den verschleppten Juden erlaubte, nach Israel zurückzukehren.

Doch moderne Historiker haben derlei Berichte längst als Schmeichelei entlarvt. "In der Antike wurde ein Glanzbild von Kyros erstellt", erklärt Wiesehöfer. In Wahrheit war er ein Gewaltherrscher wie andere auch. Seine Armee plünderte Wohnviertel und Heiligtümer, städtische Eliten wurden deportiert.

Diesen Mann zum Urheber der Menschenrechte umzudeuten konnte nur dem Schah einfallen, der bereits in den sechziger Jahren Probleme hatte. Obwohl seine Geheimpolizei Savak böse folterte, regte sich überall Widerstand. Marxistische Gruppen warfen Bomben, die Mullahs riefen zum Widerstand.

Die Tonrolle besiegelt einen schnöden politischen Verrat

Also versuchte der Staatslenker, sich auf den antiken Vorgänger zu berufen. So wie Kyros einst der Vater der Nation gewesen sei, meinte er, "so bin ich es heute".

"Die Geschichte unseres Kaiserreichs beginnt mit der berühmten Proklamation des Kyros", behauptete der Schah. "Es handelt sich um eines der glänzendsten Dokumente, die es über den Geist der Freiheit und Gerechtigkeit in der Geschichte der Menschheit gibt."

Richtig ist jedoch: Die Tonrolle besiegelt einen schnöden politischen Verrat. Als der Text 539 vor Christus verfasst wurde, befand sich Kyros in dem wohl dramatischsten Abschnitt seines Lebens. Er hatte es gewagt, das Neubabylonische Reich anzugreifen, den mächtigen Rivalen um die Vorherrschaft im Orient.


Bis nach Palästina reichte dieser Staat. Sein Zentrum, das glanzvolle Babylon, gekrönt von einem 91 Meter hohen Turm, war der Hort des Wissens und der Kultur. Zudem starrte das Land vor Waffen.

Gleichwohl wagte der Perser den Angriff. Den Tigris hinab drängten seine Truppen. Zuerst überfielen sie die Festungsstadt Opis und töteten alle Gefangenen. Dann stürmten sie weiter auf Babylon zu.

Dort saß, eingeigelt hinter einer 18 Kilometer langen Stadtmauer, der bedrängte Gegner: König Nabonid, ein Greis von 80 Jahren.

In diesem Moment begingen in Babylon die Priester des Gottes Marduk Verrat am eigenen Land. Verärgert über den Machtverlust, den sie unter ihrem König erlitten hatten, öffneten sie heimlich die Tore und ließen feindliche persische Unterhändler in die Stadt. Nabonid wurde verbannt, sein Sohn ermordet.

Dann kungelte man die Bedingungen einer kampflosen Übergabe aus. Kyros forderte die Freiheit von Landsleuten, die in früheren Kriegen verschleppt worden waren. Auch bestand er auf die Rückführung gestohlener Götterstatuen.

Sogar die Mullahs machen mit beim Kyros-Kult.

Es sind diese Passagen, die der Schah später zu einer generellen Absage an die Sklaverei umdeutete. In Wirklichkeit nahm Kyros nur den eigenen Gefolgsleuten die Fesseln ab.

Die Geistlichen bekamen für ihre tückischen Dienste Geld und Ländereien. Im Gegenzug priesen sie Kyros als "groß" und "gerecht" - schlicht als jemand, der alle Welt "aus Not und Bedrängnis errettet".

Erst als alles geregelt war, hielt der König selbst Einzug in Babylon. Durch das blauglasierte Ischtartor kam er geritten. Man breitete ihm Schilfzweige aus. Anschließend, so steht es in Zeile 19, durfte das Volk ihm "die Füße küssen".

Nach sittlichen Reformen und humanen Geboten sucht man in der Keilschrift vergebens. Der Forscher Schaudig nennt sie "ein brillantes Stück Propaganda".

Doch die Fama vom Friedensfürsten war dank der trickreichen Priester in der Welt. Und seit der Adelung durch die Uno bläht sie sich immer weiter auf.

Neuerdings machen sogar die Mullahs mit beim Kyros-Kult. Mitte Juni gab das Britische Museum in London bekannt, dass es den kostbaren Originalzylinder nach Teheran ausleihen werde. Er ist zum Objekt persischen Nationalstolzes geworden.

"Selbst dem deutschen Bundestag lag jüngst ein Antrag vor, den Erlass im Reichstag in einer Vitrine auszustellen", verrät Gallas.

Zwar ist das Begehren wieder vom Tisch. Doch die Geschichtsklitterung ist damit nicht gestoppt. Mit ihrer unseligen Ehrung hat die Uno ein Gerücht geboren, das immer neue Nahrung findet.

Wie heißt es doch in einem Sprichwort aus dem Orient: "Wenn ein Narr einen Stein in den Brunnen wirft, können ihn zehn Weise nicht mehr herausholen."



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