AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Dicke Füße

Wie ein Rentner seine Schuhgröße zu Geld machte

Von Dialika Krahe


Er hatte sie eingepackt, um sie dem Richter zu zeigen, die roten Sportschuhe, flach und ohne Rand, in Größe 47, außerdem die schwarzen Halbschuhe, die er immer zum Anzug trägt, ebenfalls Größe 47. Und er hatte eine Schautafel gebaut: Auf einer Sperrholzplatte waren mit schwarzem Filzstift Linien gezogen, die beweisen sollten, dass er, Uwe Stadter aus dem schönen Wiesloch bei Heidelberg, recht hatte und der Feind, Volvo Car Germany, unrecht.

Schauplatz: Saal 2 im Erdgeschoss des Amtsgerichts Wiesloch, den Vorsitz führte Richter Reiter.

Hätte Stadter auf seine Frau gehört, damals, als es um den Autokauf ging, und einen Kombi gewählt, solide, Audi oder VW statt dieses Spielzeugs - dann wäre es nie so weit gekommen. Aber Stadter war, als er das Cabrio kaufte, 62 Jahre alt geworden, seit kurzem in Rente, und es hatten sich vielleicht ein paar Träume angestaut. So betrat er eines Tages ein Wieslocher Autohaus, dort stand ein Cabriolet, es war silberfarben und kostete 39.000 Euro.

Die Jungfernfahrt: Er fuhr durch den Odenwald, mit seinen Hügeln und Tälern, der harzige Duft der Tannen stieg ihm in die Nase, der Fahrtwind umwehte ihn, und die Sonne bräunte ihm die hohe Stirn. Er war hochzufrieden, vielleicht sogar glücklich in diesem Moment. Er trug Sportschuhe an jenem Tag, die leichten, sommerlichen.

Das war wahrscheinlich ein Fehler.

Monate später hockte er auf einem harten Holzstuhl im Saal 2 des Amtsgerichts, hantierte mit seiner Schautafel und führte seine Klage.

Der rote Sportschuh: 313 Millimeter. Der schwarze Halbschuh: dickeres Leder, breitere Sohlen, fast zwei Zentimeter länger als der Sportschuh. Stadter hatte alles akribisch vermessen, und die Linien, die die Länge seiner Schuhe anzeigten, kreuzten eine weitere Linie: den Fußraum seines Volvo C70, und hier genau lag das Problem: Für das Auto seiner Träume waren seine Füße zu groß. Wenn er die Sportschuhe trug, konnte er seine Füße noch knapp vor das Pedal bugsieren; mit den größeren Schuhen nicht mehr.

Stadter ist ein Kämpfer, ein Prinzipienmann, er engagiert sich im Bürgerzentrum und streitet für Lärmschutz an der Autobahn. Immer für die Kleinen und gegen die Großen; diesmal also gegen Volvo.

Sein erstes Cabrio fuhr Uwe Stadter 1964, einen Auto Union 1000 Sp. Sein Vater hatte ihm den Wagen gekauft, und er, Stadter, 18-jährig, musste ihn abarbeiten. Später, als er eine Frau hatte und Kinder, Ingenieur wurde, im Außendienst arbeitete und weite Strecken fahren musste, da sei es natürlich vorbei gewesen mit dem Cabrio, sagt er. Er fuhr seriöse Firmenwagen, machte viele Kilometer, vier Millionen insgesamt, das hat er mal ausgerechnet.

Die zweite Fahrt mit seinem Volvo Cabrio führte nach Köln, zu einem Termin, bei dem er Anzug tragen musste, dazu die schwarzen Halbschuhe, die mit der breiten Sohle, Stadter stellte seinen Sitz ein, schnallte sich an, wollte die Kupplung treten - und blieb hängen.

Er drehte den Schuh nach links, nach rechts, es ging nicht, er blieb immer irgendwo hängen. Stadter fuhr die rund 250 Kilometer in Socken.

Auf dem Rückweg hielt er bei seinem Autohändler. Der Fachmann bestätigte Stadters Problem; wie man es allerdings beheben könne und ob überhaupt, das müsse ganz oben entschieden werden, vorher könne man nichts machen. Die Sache kam vors Amtsgericht. Stadter erhielt zwei Briefe, einen von den Volvo-Anwälten, die schrieben, der Fußraum sei gar nicht zu klein. Ferner einen zweiten von den Anwälten des Autohauses: Er könne die Fahrzeugpedale unstreitig bedienen, sofern er sich nicht "ungelenk anstellt".

Ungelenk? Jetzt ging es um die Ehre.

Das wichtigste Beweismittel hatte Stadter im Gerichtshof geparkt, das Verdeck war offen, alles bereit. Zwei Volvo-Anwälte waren zur Verhandlung gekommen, der Autohändler und Stadter mit seiner Schautafel. Man ging an die frische Luft, zum Beweismittel. Die Herren umstanden den Wagen, beugten sich in den Fußraum, während Stadter demonstrierte, wie er dauernd hängenblieb.

Und tatsächlich: Der Richter nickte. Ein Fahrzeug müsse nicht nur mit Freizeitschuhen, sondern auch mit Büroschuhen bedienbar sein. Vielleicht hätte Stadter den Wagen in diesem Moment zurückgeben können, und die Sache hätte endlich ein Ende gehabt; aber so tickt ein Uwe Stadter nicht. Er wollte recht haben.

Am Ende holte er einen Vergleich heraus, der ihm das Gefühl gab, gewonnen zu haben: 1676,25 Euro für das ganze Ungemach. Ein Volvo-Sprecher, möglicherweise sehr erleichtert, erklärte, so was wie der Fall Stadter sei echt noch nicht vorgekommen.

Es ist Sommer, der Odenwald mit seinen Hügeln und Tälern schön wie nie. Stadter hat das Dach seines Volvo geöffnet, er sitzt auf dem Fahrersitz und schlüpft in seine roten Sportschuhe, zum Gasgeben bereit.



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