Internet Die Beta-Blogger

Deutsche Online-Schreiber haben ein Problem entdeckt: sich selbst. Im Vergleich zu ihren US-Kollegen fehlt es ihnen an Macht und Bedeutung, um die öffentliche Debatte mitzubestimmen. Die meisten sind unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell.

Wenn das hier ein Blog wäre und kein Magazinartikel, dann ginge er natürlich anders los, vielleicht:

Montag, 14. Juli 2008, 13.12 Uhr:

Egal, was man über Blogger schreibt, hinterher wird man von ihnen doch nur verdroschen, weil man nix verstanden oder mit den falschen Leuten gesprochen hat. Ist ein bisschen so, als würde man sich einer Sekte nähern, die in internen Grabenkämpfen versunken ist.

Montag, 14. Juli 2008, 17.05 Uhr:

Lust an der Beschimpfung scheint überhaupt eine Grundvoraussetzung zu sein, um zu bloggen. Man muss nur mal lesen, wie sie gegenseitig aufeinander einprügeln. (SPIEGEL-Autor) Henryk M. Broder etwa nennt in seinen privaten Online-Attacken Stefan Niggemeier "Schweinchen Schlau", "Korinthenkacker" und "Sesselpupser", weil der ihm ein paar Ungenauigkeiten angekreidet hatte. Niggemeier antwortet mit dem Beitrag: "Gehirnfasten mit Henryk M. Broder".

Dienstag, 15. Juli 2008, 8.01 Uhr:

Puh, aber vielleicht ist auch alles Quatsch. "Blogs werden eindeutig überschätzt", schreibt Mercedes Bunz, selbst Bloggerin und Online-Chefin des "Tagesspiegel" in einer "Schriftlichen Stellungnahme zur 19. Sitzung des Untersuchungsausschusses Neue Medien". Später meint sie allerdings, durch Blogs gerate die Hegemonie der traditionellen Medien ins Wanken. Ja, wie denn nun?

Update, 8.35 Uhr:

Das Gremium ist übrigens bloß ein "Unterausschuss", Frau Bunz, kein "Untersuchungsausschuss". Ätsch! Und überschätzt werden ja auch die Klimakatastrophe, die Kanzlerin und die Macht der Medien im Allgemeinen. Nich' wahr?!

So ungefähr schreibt und liest sich das im Netz. Polemisch bis rechthaberisch. Ein bisschen in Nebensächlichkeiten abgleitend. Persönliche Attacken werden immer gern genommen.

Was ist in Blogs nicht alles hineingeheimnisst und -geraunt worden. US-Blogger Glenn Reynolds verkündete in seinem Buch "An Army of Davids" aus dem Jahr 2006: "Die Macht, die einst in den Händen von wenigen Profis konzentriert war, ist umverteilt worden in die Hände der vielen Amateure." Und der deutsche Philosoph Jürgen Habermas erblickte im Internet die "Wurzeln einer egalitären Öffentlichkeit von Autoren und Lesern".

Doch es ist Zeit für ein realistisches Resümee: In Deutschland sind die vielen Hände der Amateure ziemlich leer. Blogs bleiben ein Nischenprodukt. Mal lustig, mal interessant. Sehr oft mit nichts als sich selbst beschäftigt. Aber insgesamt ohne große Bedeutung. Man spricht nicht darüber.

Während die Szene in den USA mittlerweile gutbezahlte Stars hervorgebracht hat, die im Wahlkampf mitmischen und als echte Davids die Goliaths der etablierten Medien ins Grübeln bringen, bleibt Deutschland Blog-Entwicklungsland. Hier regieren allenfalls Beta-Blogger statt massenmediale Alphatiere.

Das ist auch ein Problem der Nachfrage. "In Deutschland ist die Lust am Streit unterentwickelt", glaubt Stefan Niggemeier, Medienjournalist und Mitbetreiber des Bildblog, das sich jeden Tag mit dem größten Boulevardblatt des Springer-Konzerns auseinandersetzt. "Es regiert die Liebe zum Kompromiss." Die polemische und subjektive Art der Blogs passe da schlecht ins heimelige Bild.

Niggemeier ist vermutlich der bekannteste hiesige Online-Schreiber. Ob Deutschlandradio oder Unteroffizierslehrgang der Bundeswehr - überall ist er zur Stelle, wenn ein Statement zum Bloggen benötigt wird. Das Bildblog, das er gemeinsam mit Christoph Schultheis betreibt, hat ihn ein bisschen berühmt gemacht. Die Geschichte vom Bonsai-Blogger, der sich gegen den Riesen "Bild" stemmt, versteht jeder.

Die Bildblogger sind ziemliche Profis. Sie können - eine echte Rarität - von ihren Web-Storys sogar leben und arbeiten nicht von zu Hause aus, sondern in einem Büro am U-Bahnhof Schlesisches Tor in Berlin. Auf der Fensterbank stehen ein paar Medienpreise. Eine Urkunde ist noch nicht mal ausgepackt. Das sei ohnehin nur ein dritter Platz, sagt Niggemeier und macht ein wegwerfende Bewegung mit der Hand.

Schätzungsweise 500.000 deutschsprachige Blogs gibt es. Die meisten sind sanft entschlafene Karteileichen. Rund 200.000 sind aktiv. Das klingt nach viel. Doch global gesehen sind die Deutschen Blog-Muffel.

Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals. In den USA und Japan ist es jeder Dritte. In Südkorea und den Niederlanden tun es 40 Prozent der Bevölkerung. Doch ganz genaue Zahlen gibt es aus den wenigsten Ländern.

Politische Blogs sind in Deutschland so gut wie nicht vorhanden. Als sich der US-Journalist Sean Sinico während des Bundestagswahlkampfes 2005 in der deutschen Blogosphäre umtat, war sein Urteil vernichtend. Was er sah, waren für ihn "baby steps". An dem Befund hat sich nicht viel geändert - glaubt man in der Szene selbst.

"Don Alphonso" zum Beispiel, ein Blogger, der bürgerlich Rainer Meyer heißt, machte sich jüngst lustvoll daran, die Dünkel der deutschen Blogger-Szene zu zerlegen, als die sich zu einem Kongress traf: "Welcher bekannte deutsche Blogger, der sich auf dem Kongress zeigte, hat eigentlich was zu Themen wie der globalen Finanzkrise zu sagen? Mindestlohn? Vertiefende Analysen zur Verarmung des Mittelstandes? Wie viele Buchkritiken gab es im letzten Jahr, wo sind die Texte, die gekonnt mit Konditionalsatz und Konjunktiv hantieren würden, wo wird Leistung erbracht, die die Debatte der Allgemeinheit erreichen und beeinflussen?", polterte er.

Publizistische Schwergewichte

In den USA dagegen sind etliche Blogger mittlerweile publizistische Schwergewichte. Sie warten mit eigenen Enthüllungen auf und bereichern die politische Debatte, kratzen am Alleinvertretungsanspruch der klassischen Verlage und verwirren etablierte Medien wie die "New York Times" oder die "Washington Post" in deren Selbstverständnis.

"Wir sind zentraler Bestandteil der politischen Landschaft geworden", sagt Ken Layne nicht ohne Stolz. Er ist Chef der Washingtoner Online-Klatschseite Wonkette und gehört zu den Pionieren der Szene. Schon vor acht Jahren bloggte Layne im Präsidentschaftswahlkampf von den Parteitagen der Republikaner und Demokraten. "Niemand hat verstanden, was wir da machten", sagt er.

Das hat sich geändert, Wonkette oder Daily Kos fanden rasch ein großes Publikum. Unkonventionelle Schreiber wie Matt Drudge und Andrew Sullivan wurden zu Stars. Warum eigentlich?

"Amerikaner lieben es, über sich selbst zu reden. Je weniger sie wissen, desto mehr wollen sie diskutieren", lästert Layne: eine Tradition, die in den seit Jahrzehnten populären Radio-Talkshows mit ihren oft ausufernden Zuschauerdiskussionen begründet ist. Jetzt wird derlei eben im Netz fortgesetzt. Bei vielen Blogs werden Themen oft nur kurz angerissen, und schon füllen sich in Windeseile die Kommentarspalten. "Lautes, idiotisches Geschrei", sagt Layne darüber.

Verantwortlich für die Online-Stärke sei aber auch die Schwäche der etablierten US-Medien mit ihrer voreingenommenelitären Berichterstattung. So jedenfalls behaupten es die Blogger. Erst hetzten die Konservativen von ihnen gegen die "New York Times" und das bei ihnen verhasste liberale Ostküsten-Establishment. Dann rächten sich ihre Gegenspieler mit Attacken etwa auf Rupert Murdochs Bush-berauschten Nachrichtensender Fox.

Und immer wieder kommt es zu Enthüllungen aus der Blogosphäre, zu Skandalen, welche die klassische Presse nicht veröffentlichen wollte, deren Bedeutung sie nicht erkannte oder von denen sie schlicht keinen Schimmer hatte. Die Liste reicht von Bill Clintons Lewinsky-Affäre (losgetreten durch den Drudge-Report) bis zum herablassenden Kommentar Barack Obamas über sozial schwache und "verbitterte" Amerikaner (Huffington Post).

In Deutschland dagegen dümpeln die Blogs auf Splitterparteien-Niveau. Gro- ße Enthüllungen gibt es keine, Stars auch nicht.

In den USA, so eine gängige Erklärung, seien Blogs auch deshalb derart einflussreich, weil die alten Massenmedien, allen voran das Fernsehen, in der Berichterstattung über den Irak-Krieg zunächst versagt hätten. "Dass in Deutschland die breite Masse und nicht bloß ein paar Freaks das Gefühl bekommen, die etablierten Medien bieten nicht genug, ist unwahrscheinlich", sagt Jan Schmidt, Wissenschaftler und Blog-Experte am Hamburger Hans-Bredow-Institut.

Eines der ganz wenigen deutschen Polit-Blogs, die überhaupt wahrgenommen werden, sind die Nachdenkseiten. Wolfgang Lieb, früher Regierungssprecher von Johannes Rau in Nordrhein-Westfalen, heute Polit-Rentner, schreibt sie von zu Hause. Die Plattform, die Lieb gemeinsam mit Albrecht Müller, einem anderen SPD-Veteranen betreibt, wirkt gegen die Polit-Seiten seiner US-Kollegen allerdings wie aus der Web-Steinzeit.

Immerhin bis zu 25 000 Besucher am Tag habe die Seite, die letztlich aber auch nicht mehr ist als eine Internet-Gemeinde für enttäuschte Sozialdemokraten. Tag für Tag geht es um die Fehler des Neoliberalismus, um Reformen, die angeblich alle falsch sind. Das ist in etwa so überraschend wie der politische Leitartikel der "FAZ".

Auch die Nachdenkseiten leben davon, die Mainstream-Medien zu durchforsten auf Fehler und Versäumnisse. Scharfe Tritte sind erlaubt, wenn nicht gar erwünscht: "Was uns das ZDF in Sachen Demografie bietet, hat den demagogischen Gehalt des 'Schwarzen Kanals' von Schnitzler und der Propaganda von Goebbels", hieß es etwa. Das soll wohl schneidig geschrieben sein, offenbart aber nur ein weiteres Problem, mit dem viele Blogs kämpfen: David hat keinen Stein in der Schleuder. Also schmeißt er mit Dreck.

Wirklich schlimm ist Politically Incorrect, eine Plattform Islamophober, deren Empörung sich nur zu gern mit Ressentiments und Hass mischt. Die Autoren der Texte sind anonym, nach kritischen Berichten in der Presse ist die Seite mittlerweile ins Ausland umgezogen, wo die Betreiber nicht mehr so leicht zu erreichen sind.

Solcher Schlamm vermiest der Blogger-Szene den Ruf gründlich. Aber auch andere Blogger leiden darunter, dass es für die Leser schwer nachzuvollziehen ist, wie verlässlich deren Informationen sind. Was etwa ist von einem Blogger wie Jens Berger zu halten? Er macht den Blog Spiegelfechter. Aus Goslar schreibt der 35-Jährige ellenlange Texte über angebliche Verzerrungen der Massenmedien. Ihr Russland-Bild, ihr China-Bild, ihr Iran-Bild.

Es sind Leitartikel für den Hausgebrauch. Aber woher wissen die Leser, ob der Autor wirklich so omnikompetent ist? Im Hauptberuf macht Berger Öffentlichkeitsarbeit für einen Wasserversorger.

"Das Medium Blog hat nicht die größte Glaubwürdigkeit", räumt Berger ein. Aber lieber spricht er vom "Meinungsmonopolismus" der etablierten Medien. Von der Notwendigkeit eines "Contra zum Pro der Mainstream-Medien". Irgendwie scheint er zwischen etablierten Medien und Blogs eine Art Nullsummenspiel zu sehen. Wenn das Establishment verliert, gewinnen die Blogger - und umgekehrt. Die Denke ist für die Szene nicht untypisch. Auch "Don Alphonso" hämt: "Schlechter Journalismus - das ist eine Tautologie."

In den USA ist man längst weiter. Dort wechseln prominente Blogger bereits geschmeidig zu den von ihnen lange bekämpften "Mainstream Media". Und die überschlagen sich im Bemühen, mit eigenen Blogs neue Leser zu finden. Die Fronten zwischen Blogs und klassischem Journalismus verwischen.

"Es wird schwerer und schwerer zu erkennen, was noch Mainstream ist und was nicht", sagt Online-Fachmann Layne. Verwundert hat er registriert, wie neuerdings das Washingtoner Büro der Nachrichtenagentur AP neben nüchterner Agenturware bunte, vom Blog-Stil inspirierte Features sendet. "Die alte Garde des Hauptstadtjournalismus ist völlig entsetzt", sagt er.

Ach, wenn das hier ein Blog wäre, dann würde es nie enden, sondern Tag für Tag weitergehen. Etwa so:

Donnerstag, 17. Juli, 18.01 Uhr:

Noch ein schönes "Don Alphonso"-Zitat entdeckt: "Tatsächlich fällt mir kaum ein Blog ein, in dem ,Draußen' so was wie ein bestimmendes Thema ist. Eine ganze Reihe ,führender' deutscher Blogs bezieht seinen Inhalt weitgehend sekundär, schreibt Zeitungen ab und sucht irgendwelchen Entertainment-Müll im Internet."

Freitag, 18. Juli, 18.31 Uhr:

Dass die Deutschen keine Nation von Blog-Warten geworden sind, ist kein Grund zur Häme. Eher zur Selbstironie. So schwach die Deutschen im weltweiten Vergleich als Blogger abschneiden, so gut sind sie als Bildungshuber. Die deutsche Ausgabe des Internet-Lexikons Wikipedia ist die zweitgrößte weltweit. Die Deutschen sind vielleicht kein Volk von Volkstribunen, aber eines von Oberlehrern.