AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2008

Gastronomie Schuld und Düne

Innerhalb von 30 Jahren verwandelte Herbert Seckler die Bretterbude "Sansibar" am Strand von Sylt in ein Kultrestaurant. Jetzt will der Exilschwabe richtig Kasse machen.

Von Beat Balzli und


Montag vergangener Woche war wieder einer dieser Tage für das Küchenteam der "Sansibar". Es ging um den Erdbeerkuchen, zum x-ten Mal um den Erdbeerkuchen. Der Erdbeerkuchen nämlich ist einer der Verkaufsschlager des Restaurants, was den Besitzer aber nicht davon abhält, ständig an der Rezeptur herumzukritteln. Diesmal war die Glasur nicht klar genug. Der Chef entdeckte eine leichte Trübung kurz vor der Obstschicht. Kann man das nicht verbessern?

Manchmal ist es nicht leicht mit Herbert Seckler. Der Sansibar-Chef ist einfach nie mit sich zufrieden. Warum nur?

Immerhin ist dem Mann, den es vor 34 Jahren aus Schwaben nach Sylt verschlug, ein Geniestreich gelungen: Er hat aus einem Erbsensuppenkiosk in den Dünen nahe Rantum ein Restaurant mit allerhöchstem Kultstatus gemacht. Da mögen sich die Lokale im feinen Kampen noch so aufmüllern mit designtem Interieur und Marmorpissoirs: Nirgendwo auf der luxusumwehten Nordseeinsel fühlen sich Promis, Unternehmer, Mediengrößen und Top-Manager so heimisch wie in der unprätentiösen Teerpappendachbude namens Sansibar.

An 364 Tagen im Jahr balgt sich das Stammpersonal von "Bunte" und "Gala" um Plätze an einem der groben Holztische. Da sitzt dann schon mal eine elegante Designerin Rücken an Rücken mit Schlagerprolet Dieter Bohlen. Entertainer Mike Krüger schiebt sich an ZDF-Moderator Johannes B. Kerner vorbei. Versandhaus-Milliardär Michael Otto und Fußball-Erklärer Günter Netzer zielen derweil auf ein ruhiges Plätzchen in der Ecke.

Draußen auf der Terrasse lagern die regulären Sylt-Touristen, die nach der Bootsfahrt zu den Seehundbänken auch noch ein paar Promis sichten wollen. Die Bedienung bringt ihnen Bratkartoffeln an Currywurst mit der gleichen Liebenswürdigkeit, mit der drinnen Sashimi von weißem Thunfisch kredenzt wird, wenn's sein muss samt 700-Euro-Wein. Dazu knattert vor dem Fenster die Sansibar-Flagge mit den gekreuzten Piratensäbeln im Wind.

"Dies ist der schönste Ort, den es gibt", findet der Boxer Darius Michalczewski. Und das alles wegen Seckler, bei dem sie alle das Gefühl haben dürfen, sich nicht verstellen zu müssen. Als Mensch und so. Ihm müssen sie schließlich nichts vormachen. Und wenn sie mal ins Kissen weinen, sich auf die Holzdielen übergeben oder mit der falschen Dame in den Dünen verschwinden, wird es niemand erfahren, nicht von ihm, niemals.

Das ist seine Geschäftsidee: Bescheidenheit und Demut. Bloß nicht besser sein wollen als die Kundschaft. Auch deshalb trägt er immerzu Jeans mit Turnschuhen. Geht nie in eine Talkshow, lässt sich nie feiern, meidet die Kampener Promi-Partys. Oft vergleicht er sein Gasthaus mit einem Sechser im Lotto, einem Wunder gar.

Und weil er trotzdem noch von früh bis spät arbeitet, neidet ihm keiner seiner berühmten Gäste den Erfolg. Im Gegenteil: 2005 erhielt Seckler vom Bauer-Verlag den Medienpreis "Goldene Feder". Für sein Talent, Medienmenschen einen Raum für Begegnungen zu geben. Darauf muss man erst mal kommen.

Secklers Stammgast Andreas Fritzenkötter ist eben auch Kommunikationschef des Verlags und war einst Kohls Medienberater. Das bürgt für Kreativität.

Seit Mitte Juni nun gibt es im Bauer-Kochmagazin "Lecker" eine neue Weinkolumne. Die schreibt - Überraschung - Herbert Seckler.

Diese symbiotische Leichtigkeit kommt an im Dünenbiotop. Einmal etwa fragte der Wirt einen Manager der Deutschen Bahn, der bei ihm tafelte, weshalb es eigentlich in Zügen eine solch grausige Weinplörre gebe. Ergebnis: Er bekam den Auftrag, für besseren Wein zu sorgen. Für die Billigfluglinie Air Berlin von Stammgast Joachim Hunold kreiert Seckler Woche für Woche die Mahlzeiten. Und nimmt den Airline-Boss in Schutz, wenn andere über den zunehmenden Billigtourismus auf der Insel lästern und Air Berlin daran die Schuld geben.

Unter Freunden greift man sich schließlich unter die Arme. Herbert ist der Freund von allen. Und so registriert kaum einer der illustren Gästen, dass sie selbst allmählich zur Kulisse werden für ein Geschäft, das weit mehr Gewinn verspricht als all ihre Seeteufel-Orgien und Champagner-Schlachten. Denn Seckler hat gelernt, den Glanz in seiner Hütte in bare Münze umzuwandeln. Aus dem kleinen Koch ist ein großer Geschäftemacher in eigener Sache geworden. Doch das klappt nur, wenn die Puppen weiter tanzen.

Begonnen hat alles mit Secklers Leidenschaft für Wein. Unter dem Restaurant ließ er einen Keller in den Dünensand graben. 40.000 Flaschen fasst das Gewölbe, dort lagern die besten und teuersten Weine der Welt. Ab und zu gab der großzügige Wirt seinen Gästen einen guten Tropfen mit, zum Probieren. Bald bestellten sie bei ihm und empfahlen ihn weiter. Der Handel kam in Schwung.

Seckler ließ Flaschen bei ausgesuchten Winzern exklusiv für die Sansibar abfüllen, mit dem eigenen Piraten-Logo. Das schlug ein: Die Magnum-Proseccoflasche, drei Liter in schwarz-goldener Pulle, avancierte zum Erkennungszeichen der Schickeria.

Mittlerweile zählt Secklers Weinvertrieb für Privatkunden zu den großen der Republik, der Umsatz soll ähnlich hoch sein wie der des Restaurants. Doch auch in seinem Kerngeschäft muss sich der Schwabe schon lange nicht mehr mit den eher mageren Margen klassischer Gastronomie zufriedengeben. Denn mit zunehmender Promi-Dichte wurde die Nordseehütte mit ihrer kaufkräftigen Klientel für Werbetreibende interessant.

Wer sich heute die paar hundert Meter vom Parkplatz bis ins Restaurant vorarbeitet, muss ähnlich viel Markenwerbung über sich ergehen lassen wie während eines Boxkampfes auf RTL. "Ich lasse mir inzwischen alles sponsern!", erklärte der geschäftstüchtige Wirt der "Park Avenue". Und wirklich: Die bescheidene Hütte des kleinen Kochs scheint bis unters Dach überhaupt nur noch von Reklame zusammengehalten zu werden.

Schon auf dem Parkplatz lauern ein- bis zweimal im Jahr glänzende Mercedes-Limousinen auf potentielle Testfahrer - und deren Kundendaten. Neben der Sansibar-Flagge weht der Stern aus Stuttgart. In zwei Findlinge, die den Weg durch die Dünen markieren, ist der Name einer Biermarke gemeißelt, für die Seckler zudem als Werbefigur auftritt. Am Ziel angekommen, warten weitere Daimler-Modelle mit Sansibar-Logo, ein Schild verkündet: Hier dürfen nur Mercedes parken.

Ein an die Wand genageltes Surfbrett wirbt für Eis, die Sonnenschirme für Zigaretten. Wer die steife Brise nicht verträgt, hüllt sich in eine Mercedes-Wolldecke oder holt sich ein Sitzkissen der Firma Hunter, die edles Lederzeug für Tiere anfertigt. Selbst die Streichhölzer werden von einem Hamburger Immobilienmakler gesponsert.

Die Strandkörbe am Meer tragen die Aufschrift MS "Europa". Auch da besteht eine Kooperation: Auf dem TUI-Traumschiff, das vergangenen Freitag wie die Jahre zuvor zur großen Promi-Sause vor Secklers Strandabschnitt ankerte, befindet sich eine Dependance der Sansibar.

Nicht einmal am stillen Örtchen hat man seine Ruhe vor Werbebotschaften. Der Gang dorthin ist gepflastert mit Prospekten von Werbepartnern, neben dem Waschtisch wirbt eine Parfümerie.

Geld fließt bei dem ganzen Markengebimmel wohl keines. Die Währung ist Ware. So stellt beispielsweise Mercedes dem Kneipenwirt einen Wagen zum Eigengebrauch vor die Tür sowie einige Kleinbusse als Gäste-Shuttle.

Aber natürlich werden alle Logos und Labels, denen die Kundschaft ausgesetzt ist, überstrahlt von dem einen, dem einzigen: den gekreuzten Säbeln der Sansibar. Sie blinken von Gläsern, von Flaschen, vom Villeroy&Boch-Geschirr.

Die Kundschaft liebt das Piratenlabel. Es gilt als Zeichen der Zugehörigkeit zum Club der Auserwählten. Also bot Seckler zunächst Essig und Öl mit dem Logo an, Gewürze, Schokolade, ein Messerset. Das Zeug wurde ihm aus der Hand gerissen.



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