Kino Fundamentalisten des Films

In Hollywood gewinnen die Fans immer mehr Macht und entscheiden inzwischen über den Erfolg von Blockbustern wie dem Batman-Spektakel "The Dark Knight". Über Web-Seiten im Internet setzen sie Studios und Regisseure unter Druck, nehmen Einfluss auf Drehbücher und Besetzung.

Für Joseph McGinty Nichol, genannt McG, ist es der vielleicht schwerste Gang seiner Karriere. Der Regisseur dreht gerade für rund 200 Millionen Dollar den Film "Terminator Salvation", eine der teuersten Produktionen aller Zeiten. Doch im Kongresszentrum von San Diego tritt er auf die Bühne wie ein Angeklagter. Mehr als 6500 Fans sitzen im Saal, aber kaum einer mag ihn, McG.


Als die Fans seine Referenzen prüften, stießen sie auf ein Vorstrafenregister: "Drei Engel für Charlie", Teil 1 und 2, hat McG für die Leinwand inszeniert, Mädelsfilme also, überdreht, quietschbunt und klamaukig. Der "Terminator", Teil 1 bis 3, mit Arnold Schwarzenegger, ist dagegen filmgewordenes Testosteron, hartes Männerkino, düster, grau und brutal. McG hatte noch keine Einstellung gedreht, da hatten ihn die Fans auf Web-Seiten im Internet schon schuldig gesprochen.

Nun, bei der Unterhaltungsmesse Comic-Con, zu der jedes Jahr Fans aus aller Welt nach San Diego strömen, um sich über neue Comics, Computerspiele, TV-Serien und Kinofilme zu informieren, steht McG vor mehreren tausend Richtern - und verteidigt sich. Sie pfeifen, er erwidert: "Alles fängt damit an, dass man zuhört. Und ich habe auf die Fans gehört." Im Saal wird es still.

Sie hätten, so sagt er, alles Recht der Welt, sich zu fragen, wer dieser Kerl McG eigentlich sei. "Doch ich wollte", fährt er fort und hebt die Stimme, "den Film und euch alle beschützen. Deshalb habe ich für die Hauptrolle den glaubwürdigsten Schauspieler seiner Generation verpflichtet: Christian Bale." Frenetischer Applaus. Bale wird von den Fans abgöttisch verehrt.

In der Rolle des Superhelden Batman schlägt der Schauspieler gerade mit dem Film "The Dark Knight" Kassenrekorde. Tagelang hatten die Fans vor den Premierenkinos ausgeharrt, bis zu 150 Dollar für eine Eintrittskarte bezahlt, um Bale und seinen von Heath Ledger verkörperten Gegenspieler zu sehen. Nun wird Bale in "Terminator Salvation" den Erlöser John Connor spielen, der die Menschheit vor dem Angriff der Maschinen retten soll. Was für eine Frohbotschaft!

Als McG in San Diego die Bühne verlässt, haben die Fans ihn mehrheitlich freigesprochen: nicht schuldig, in allen wichtigen Punkten der Anklage.

Wie McG reisen mehr und mehr Regisseure, Schauspieler und Autoren jedes Jahr Ende Juli von Hollywood nach San Diego. Dort, wo 125.000 Fans zur Comic-Con zusammenkommen, stellen sie sich mit ihren neuen Projekten dem harten Kern des Publikums. "Die Hardcore-Fans stellen zwar nur einen kleinen Teil der Zuschauer dar, aber sie beeinflussen die gesamte Fan-Kultur, die Journalisten, die Wall Street", glaubt Avi Arad, Produzent der "Spider-Man"-Filme. "Du willst nicht, dass sie dein Projekt ruinieren."

Deshalb hofiert Hollywood den Fan inzwischen wie den Kunden, der immer König ist. Denn oft entscheidet er über das Schicksal von Filmen und Karrieren. Fans machen Stars, bestimmen über Trends und Hunderte Millionen Dollar.

Für diese Entwicklung ist Hollywood selbst verantwortlich. Seit Jahren adaptieren die Studios immer mehr Fantasy-Romane wie "Der Herr der Ringe" oder "Die Chroniken von Narnia", Comics wie "Hellboy" oder "Iron Man" und TV-Serien wie "Transformers" oder "Get Smart", die über große Fan-Gemeinden verfügen.

Wer einen Roman verfilmt, kann auf dessen Leserschaft als Kinogänger bauen. Ein Originalstoff dagegen birgt unabsehbare Risiken. Immer häufiger bekommt der Zuschauer deshalb im Kino etwas zu sehen, was er schon kennt, entweder aus einem anderen Medium oder sogar von der Leinwand. Denn Hollywood setzt seit Jahren verstärkt auf Remakes und Fortsetzungen, jedes Studio träumt von einem Franchise wie der James-Bond-Serie, die sich scheinbar endlos fortsetzen lässt.

Im Kino sitzen schon lange keine "kleinen Ladenmädchen" mehr, wie sie die altehrwürdigen Kritiker der Kulturindustrie, Siegfried Kracauer und Theodor W. Adorno, einst heraufbeschworen. Die Fans von Bond, Batman und Bilbo sind Experten. Hollywood hat sie sich systematisch herangezogen - nun wachsen sie Hollywood über den Kopf.

Noch in den achtziger Jahren galt der Fan, der jede Woche sehnsüchtig auf seine Comic-Hefte in der Post wartete oder die Tage bis zum Start des neuen 007-Abenteuers zählte, als Sonderling. Wenn er Glück hatte, traf er ein paar Gleichgesinnte und hatte das Gefühl, mit seiner Leidenschaft nicht ganz allein zu sein.

Das Internet veränderte das Bewusstsein grundlegend. Auf Web-Seiten und in Chatrooms schlossen sich die Fans nun rund um den Erdball zusammen und erkannten, wie mächtig sie sein können.

"Fans wollen sicherstellen, dass die Studios die Comics getreu der Vorlage umsetzen", sagt Mirko Parlevliet, auf dessen Web-Seite superherohype.com über neue Filmprojekte ausführlich debattiert wird. Manche Websites veröffentlichen auch schon mal Drehbücher von Filmen, die noch nicht gedreht sind, zur allgemeinen Prüfung durch die Fans - illegal natürlich.

Zurzeit geistert gerade eine Fassung von "Inglorious Bastards", dem neuesten Projekt von Quentin Tarantino, durch das Internet und wird von den Fans des Regisseurs heftig diskutiert. Es basiert lose auf dem italienischen Actionfilm "Ein Haufen verwegener Hunde" von 1978, in dem ein paar US-Deserteure im Zweiten Weltkrieg deutsche Truppen dezimieren - fern jeder Moral und militärischer Ehre.

"Wenn jemand verrückt genug ist, den Film zu finanzieren, wird er großartig", schwärmte ein Fan im Internet, nachdem er das mit einem handschriftlichen Deckblatt versehene Drehbuch von Tarantinos Remake gelesen hatte. Dass darin Hitlers Vorname mit "ph" geschrieben wird, es "Gerring" statt "Göring" heißt, "Churchell" statt "Churchill", dass die Figuren zum Nachtisch "terri misu" verzehren, gilt als Echtheitsbeweis: Tarantino hat, wie seine Fans wissen, eine Rechtschreibschwäche.

Das 167 Seiten umfassende Skript, das der Regisseur ab Mitte Oktober mit Brad Pitt in einer der Hauptrollen unter anderem in Berlin und den Babelsberger Studios verfilmen will, lässt eine wüste Mischung aus Söldnerspektakel, Widerstandsdrama und Hommage an das europäische Kino erwarten: Bei einer Filmpremiere im Paris des Jahres 1944 soll Hitler mit seiner Führungsclique in die Luft gejagt werden, ein kleines Kino wird zum weltpolitischen Ort. Wahr ist davon nichts. "Es war einmal in einem von den Nazis besetzten Frankreich", heißt es im Skript.

Seit Wochen wird Tarantino in seinem Berliner Hotel von Anhängern belagert. Sie lieben ihn, denn es gibt keinen anderen Regisseur, der sich selbst so sehr als Fan versteht. Tarantino kennt die Filmgeschichte in- und auswendig, er bewundert eine Edgar-Wallace-Adaption von Alfred Vohrer nicht weniger als ein Psychodrama von Ingmar Bergman. Die Fans vertrauen ihm. Aber diese Ehre wird inzwischen nur noch wenigen Regisseuren zuteil.


"Die besonders hartgesottenen Fans", schreibt das Branchenblatt "Entertainment Weekly", "glauben, sie hätten einen Anspruch darauf zu erfahren, was Hollywood gerade mit heiligen Kühen wie ,Star Wars' oder ,X-Men' anstellt."

Nun schauen die Studiobosse verwirrt auf ihre Gemeinden und wundern sich, dass sie sich nicht mehr wie Schafe in die Kinos treiben lassen. Doch die Fans gehören in Hollywood zu den Playern des neuen Jahrtausends, die mitreden und mitbestimmen. Harry Knowles, Gründer der Web-Seite aintitcool.com, die jeden Monat millionenfach angeklickt wird, wurde deshalb von einigen Produzenten bereits als Berater engagiert.


Das "Time Magazine" nennt diese Meinungsführer "Alpha Fans", der "Hollywood Reporter" behauptet, sie würden Marketing-Kampagnen und sogar kreative Entscheidungen maßgeblich prägen.

Ist das Kino in das Zeitalter einer radikalen Demokratisierung eingetreten, in dem der Konsument zum Co-Produzenten wird, damit gewährleistet ist, dass er genau die Ware bekommt, die er haben will?

In Hollywood jedenfalls geht die Angst um vor der wachsenden Marktmacht der Fans. Bei der Comic-Con in San Diego räumte Produzent Brad Fuller ein, er habe sich davor "gefürchtet", den Fans Ausschnitte seines neuen Films vorzuführen. Dabei gilt Fuller nicht als Feigling: Er zeigte Szenen aus einem Remake des Splatter-Klassikers "Freitag, der 13.".

Doch Fuller weiß, dass die Fans massiv in die Personalpolitik Hollywoods eingreifen. Vor zwei Jahren geriet der Regisseur Peter Jackson mit dem Studio New Line, das seine "Herr der Ringe"-Trilogie finanziert hatte, in einen erbitterten Rechtsstreit über Gewinnbeteiligungen. Gleichzeitig führte er mit New Line Verhandlungen über ein Nachfolgeprojekt, die Adaption von J. R. R. Tolkiens Roman "Der kleine Hobbit". Plötzlich teilten die Studiobosse Jackson mit, dass er an dem neuen Film nicht beteiligt sein werde.

Daraufhin wandte sich Jackson in einem offenen Brief an die Fans. Das Studio, so Jackson, habe ihm angeboten, die Gewinnbeteiligungen zu zahlen, aber nur, wenn er die Regie des "Hobbit" übernehme. Auf diesen Deal wollte er sich nicht einlassen, denn es sei "Leidenschaft, Leidenschaft allein, die einem Film Phantasie und ein Herz gibt". Prompt riefen die Fans eine Petition für ihn ins Leben und bombardierten das Studio mit Briefen, in denen sie androhten, eine "Hobbit"-Adaption, an der ihr Idol nicht beteiligt sei, zu boykottieren. Am Ende einigte sich New Line mit Jackson und vertraute ihm die Produktion des Films an.

Tatsächlich wäre ein "Hobbit"-Film ohne Jackson für die Gemeinschaft der Tolkien-Anhänger ein Sakrileg gewesen. Denn der Neuseeländer ist in ihren Augen einer von ihnen - nein, der Größte von ihnen: der Fan aller Fans. Seiner unermüdlichen Missionsarbeit in Hollywood ist es zu verdanken, dass Tolkiens Mammutwerk in drei Teilen auf die Leinwand kam - so nah an der Vorlage wie möglich.

Treue gegenüber dem Original - ob Comics, Fantasy-Romane oder TV-Serien - ist für die meisten Fans das oberste Gebot jeder Verfilmung. Weil sie nicht selten ihre eigene Identität an das bewunderte Werk knüpfen, das sie besser kennen als sich selbst, empfinden sie Abweichungen manch- mal gar als persönliche Angriffe.

Fans wie die eingefleischten Tolkien-Anhänger sind die Fundamentalisten der Popkultur, die wörtlich nehmen, was geschrieben steht, und nicht dulden, dass es von Andersgesinnten interpretiert wird. "Wer es den Fans recht machen will", schreibt das "Time Magazine", "läuft Gefahr, von ihnen in kreativer Hinsicht gefangen genommen zu werden."

Wer es ihnen nicht recht macht, erlebt ihren Zorn. Der deutsche Regisseur Uwe Boll, der sich in den USA auf die Verfilmung von Videospielen spezialisiert hat, brachte die Fans so gegen sich auf, dass sie die Internet-Petition "Stop Uwe Boll" ausriefen. "Abscheulich" sei seine Arbeit, von keinerlei Sachkenntnis der Spiele getrübt. Deshalb solle Boll aufhören, Regie zu führen, zu produzieren, in jedweder Form Hand an einen Film zu legen. Fast 300.000 Unterschriften kamen bislang zusammen. Bei einer Million, so Boll, höre er auf.

Wie also werden die Fans Hollywood verändern? Werden sie das Kino wirklich erneuern? Oder sind sie nicht eher eine starke konservative Kraft?

Fans sind konservativ in dem Sinne, dass sie sich an das klammern, was sie kennen, und Veränderungen oft ablehnen. Diesen Konservatismus übernimmt Hollywood zunehmend. Viele der großen Franchise-Filme der jüngsten Zeit, von "Batman Begins" bis zum letzten James Bond "Casino Royale", gehen zurück zu den Anfängen, graben nach den Wurzeln ihrer Helden.

Ein heiliger Ernst macht sich in "The Dark Knight" bisweilen auf der Leinwand breit, eine Ironiefreiheit, die in der verspielten Postmoderne nur noch eine glücklicherweise überwundene Dekadenzphase der Kunst erblicken kann. Eine halbe Milliarde Dollar hat "The Dark Knight" allein in den USA bald eingespielt - das schaffte bisher nur James Camerons "Titanic".

Kein Wunder also, dass Hollywood die Fans nun auch zu Kinohelden macht. In einem Monat wird in den USA der Film "Fanboys" anlaufen, in dem ein paar Jugendliche 1998 eine Kopie des "Krieg der Sterne"-Prequels "The Phantom Menace" von der Skywalker-Ranch des Regisseurs George Lucas stehlen, um sie ihrem todkranken Freund zu zeigen.

Allerdings sollte auch "Fanboys" schon lange angelaufen sein. Bei einer Präsentation im Sommer 2007 in London wurde er gefeiert. Das Studio war weniger begeistert und engagierte einen neuen Regisseur, der zusätzliche Szenen drehte. Die melodramatische Krankheitsgeschichte entfiel.

Als die Fans davon erfuhren, machten sie mobil: 300.000 Protest-Mails gingen beim Studio ein, das im Mai dieses Jahres schließlich einlenkte und versprach, den Film in der ursprünglichen Fassung ins Kino zu bringen.

Wie die Fans auf der Leinwand dargestellt werden, das bestimmt niemand außer ihnen selbst.