Kino "Ewiger Student des Kinos"

Der Jungstar Heath Ledger in einem seiner letzten Interviews vor seinem Tod über seinen frühen Ruhm und seine Rolle als Joker im Film "The Dark Knight".

SPIEGEL: Herr Ledger, Michael Caine, Ihr Co-Star in "The Dark Knight", sagt, ihm habe es vor Schreck die Sprache verschlagen, als er Sie erstmals als Bösewicht des neuen Batman-Films sah. Was macht die Figur des Jokers so furchteinflößend?


Ledger:
Dieser Joker, so wie ihn Regisseur Christopher Nolan und sein Bruder in ihrem Drehbuch interpretieren, ist ein radikaler, verbrecherischer Freigeist. Ihn scheren keine Konsequenzen, er handelt ohne die geringste Empathie für andere. Er wirkt berauscht wie ein Süchtiger, wenn er Terror verbreiten und die Angst seiner Opfer fühlen kann.

SPIEGEL: Welche Vorgaben erhielten Sie von Nolan für Ihre Figur?

Ledger: Er gab mir völlige Freiheit und ließ mich vor der Kamera machen, was ich wollte. Vorgegeben war lediglich die Kostümierung, bei der Chris eine Mischung aus verrottetem Junkie-Schick und Punkrock-Attitüde vorschwebte. Alles andere blieb mir überlassen. Die Maskierung entstand zum Beispiel bei privaten Experimenten mit Make-up und verschmiertem Lippenstift.

SPIEGEL: Hindert oder befördert es die schauspielerische Entfaltung, wenn man hinter einer Maske spielt?

Ledger: Das eigentliche Spielen ist nach all der Recherche reinster Zuckerguss. Ich habe noch nie mehr Spaß mit einer Rolle gehabt. Sobald ich in meiner Maske steckte, was mit den Silikonnarben und einem künstlichen Mundstück etwa anderthalb Stunden dauerte, wuchs auch der Mut zum Risiko. Weil mein Gesicht verborgen ist, fühle ich mich unbeobachteter und kann freier mit meinem Wahnsinn umgehen.

SPIEGEL: Regisseur Nolan hat nur ein Wort für Ihre Darstellung: Furchtlosigkeit.

Ledger: Das ist nett von ihm, aber tatsächlich empfand ich beim Spielen eine Mischung aus Versagensangst und kreativem Hunger. Was immer mich ängstigt, ist zugleich meine stärkste Motivation - ich muss dabei nur ein tapferes Gesicht aufsetzen und so tun, als hätte ich ein paar Asse im Ärmel.

SPIEGEL: Fürchten Sie Vergleiche mit Jack Nicholson, der die Figur des Jokers 1989 in "Batman" berühmt machte?

Ledger: Der Druck ist beträchtlich, mit etwas halbwegs Ikonografischem aufzuwarten, das es noch nicht gab. Ich brauchte allein vier Wochen, um eine Stimme zu finden, die nicht nach Jack klingt. Zur Vorbereitung schloss ich mich in ein Hotelzimmer ein, verfasste ein Tagebuch des Jokers und lief einen Monat wie ein Wahnsinniger auf und ab, um an seiner Stimme und Körpersprache zu arbeiten. Am Ende fand ich einen Zugang, der ungleich sinistrer als Nicholsons Version ist. Mein Joker ist kein Scherzbold, sondern ein eiskalter Psychopath und Soziopath.

SPIEGEL: Wie haben Sie sich in eine so nihilistische Figur hineingedacht?

Ledger: Das ist leichter, als man denkt, denn ein bisschen Brutalität steckt in jedem von uns. Der Trick beim Spielen besteht darin, den Joker auch bösartig wirken zu lassen, wenn er banale Dinge unternimmt. Isst er zum Beispiel ein Kanapee, dann habe ich mir beim Spielen vorgestellt, gerade ein Stück rohes Fleisch zu verschlingen. Sofort ändert sich der Ausdruck in den Augen, man kaut verbissener, und die Figur wirkt animalisch, obwohl eigentlich nichts Gefährliches passiert.

SPIEGEL: Wie wichtig ist dabei das Zusammenspiel mit den anderen Darstellern?

Ledger: Der Joker macht nahezu jedes Treffen mit einem anderen Lebewesen zu einem psychologischen Duell auf Leben und Tod. Dementsprechend elektrisierend ist die Arbeit mit den Kollegen. Die normale Reaktion beim Anblick eines Mannes im Fledermauskostüm wäre schallendes Lachen, doch Christian Bale gibt seiner Darstellung so viel Aggressivität, dass die symbiotische Spannung zwischen uns konstant hoch bleibt.

SPIEGEL: Stellt der Joker die schwarze Seite des dunklen Ritters Batman dar?

Ledger: Richtig, sie können nicht ohneeinander leben und wollen nichts weniger, als den anderen tot zu sehen. Es ist fast so, als wüssten sie nichts mit ihrem Leben anzufangen, wenn es den anderen nicht als Antagonisten gäbe.

SPIEGEL: Ist Ihnen Ihr Ruhm suspekt?

Ledger: Popularität kann eine Todesfalle sein. Es gibt Leute, die Millionen Dollar verdienen und dennoch nicht wagen, ihre Villen oder Privatjets zu verlassen. Sie sind in ihrem Reich gefangen, ein wahrer Teufelspakt. Ich will das nicht. Am liebsten wäre es mir, wenn ich immer ein lernbegieriger Student des Kinos bliebe.


Das Interview führte Roland Huschke.