AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2008

Bildung Riskante Scheuklappen

Die Hochschulen bieten immer neue Fächer an. Von Pferde- bis Tanzwissenschaft lässt sich fast alles studieren - Akademiker drohen zu Nischenkönnern zu verkommen.

Von Lenz Jacobsen und


Ihre akademische Karriere war vorgezeichnet, als Wiebke Pirsich noch ein Kind war. Da stieg sie erstmals in den Sattel. "Ich habe mit Pferden zu tun, solange ich denken kann", sagt die 26-Jährige.

Heute studiert sie an einer Elite-Universität und hat ihr Hobby zum Hauptfach gemacht. "Pferdewissenschaften" heißt der Studiengang an der Georg-August-Universität Göttingen. Vier Semester lang darf sich Pirsich unter anderem mit "Entmistungstechniken" und "Einstreumaterialien" beschäftigen. Im "speziellen Praxismodul", zu dem die Studienordnung verpflichtet, kann sie sich als Parcours-Chefin oder Rasse-Expertin beweisen.

Bald wird sich die Pferdenärrin mit dem Titel "Master of Science" schmücken und zur akademischen Elite zählen dürfen. Vorbei sind die Zeiten, als Goethes Faust noch, ach, Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studieren und damit die Wissenschaften seiner Zeit erfassen konnte. Heute kann man von Pferde- bis Tanzwissenschaft fast alles studieren.

Die Hochschulen ähneln zunehmend einem Gemischtwarenladen, in dem sich jeder nach seinen Wünschen bedienen kann. Für Akademiker, traditionell als Allzweckwaffen auf dem Arbeitsmarkt begehrt und wegen ihres Grundlagenwissens geschätzt, liegt darin allerdings auch ein Risiko. Setzen sie zu früh auf eine Nische, stehen sie schneller vor dem Nichts, wenn die Welt sich wandelt.

Die Spezialisten-Angebote können dazu verführen, Scheuklappen aufzusetzen und nicht mehr nach links und rechts zu schauen. Auch Pferdenärrin Pirsich fragt sich mittlerweile manchmal, "ob nicht etwas Allgemeineres besser gewesen wäre". Gerade schreibt sie an ihrer Abschlussarbeit, danach wird sie erfahren, ob die Welt auf geprüfte Pferdewissenschaftler gewartet hat oder nicht.

Wie viele Studienfächer es genau gibt, kann niemand mehr sagen, der Online-"Hochschulkompass" der Hochschulrektorenkonferenz verzeichnet mehr als 6000 Einträge. Die Organisation hat die genaue Zählung bereits vor mehr als drei Jahren eingestellt - auch weil die Lage so unübersichtlich wurde. Wer sich etwa für die Jurisprudenz interessiert, muss sich zwischen der guten alten Rechtswissenschaft und modernen Angeboten entscheiden. Die Technische Universität Dresden unterrichtet neuerdings "Recht mit seinen internationalen Bezügen zu Technik, Politik und Wirtschaft" und nennt den Studiengang "Law in Context".

Ein Grund für die bunten Mischungen ist die Bologna-Reform mit ihren neuen Abschlüssen. Vielen Studenten beschert sie ein Doppelstudium: Sie studieren nicht mehr ein einziges Fach von der Immatrikulation bis zum Diplom, sondern machen ihren Bachelor und Master in unterschiedlichen Gebieten. Zudem richten sich auch Universitäten teilweise stärker am Arbeitsmarkt aus und folgen damit den Fachhochschulen mit ihren oft maßgeschneiderten Programmen. Die Humboldt-Universität zu Berlin offeriert gemeinsam mit Fachhochschulen einen Abschluss in "Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession", die Fachhochschule Lausitz in "Klimagerechtes Bauen und Betreiben".

Die Vielfalt ist durchaus gewünscht, seit Hochschulen keine elitären Gelehrtenanstalten mehr sind und zunehmend miteinander konkurrieren. "Es muss den Universitäten die Möglichkeit gegeben werden, ihr Profil zu schärfen", sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel. Es gebe aber eine Grenze: "Die Studienfächer sollten nicht beliebig ausdifferenziert werden", sagt sie. Schließlich existiere "in jedem Fach ein Kanon des Wissens, der unverzichtbar ist".

Manchmal ist es freilich gar nicht so leicht zu erkennen, um welches Fach es sich handelt. Ist "Wirtschaft und Recht" dasselbe wie "Wirtschaftsrecht" und etwas anderes als "Recht der Wirtschaft" oder "Recht der Internationalen Wirtschaft"? Was hat "Sprache und Text", das "Language, Text and Information" nicht hat?

Studenten (in Göttingen): "Die Orientierungslosigkeit ist enorm"
DDP

Studenten (in Göttingen): "Die Orientierungslosigkeit ist enorm"

"Es fehlt an einem abgestimmten Beratungssystem in Schule, Uni und Arbeitsamt", kritisiert Sabine Behrenbeck vom Wissenschaftsrat. In die Lücken stoßen zunehmend kommerzielle Berater. Der Anbieter Telos aus Tübingen etwa verspricht, die persönlichen Interessen zu erforschen und passende Fächer zu empfehlen. Das kann sich über Monate hinziehen und mehr als 1000 Euro kosten. "Die Orientierungslosigkeit bei den Studienanfängern ist enorm", sagt Chefin Sabine Ertel. Die Konkurrenz von Studyselect offeriert sogar ein exklusives Seminar auf Sylt, um Interessenten die Welt der Hochschulen näherzubringen. Zwei Wochen kosten mindestens 1350 Euro - ohne Anreise, Übernachtung und Verpflegung.

Kostenlose Beratung bietet die Bundesagentur für Arbeit, die nach eigenen Angaben bundesweit über etwa 850 Experten verfügt. Selbst für erfahrene Mitarbeiter unter ihnen ist es "aufwendiger geworden, den Überblick zu behalten", sagt Matthias Neyer von der Hamburger Zweigstelle, der seit 17 Jahren Studieninteressierte berät.

"Manchmal verbirgt sich hinter englischen Begriffen nichts wirklich Neues", sagt Neyer, "Event Management klingt besser als Veranstaltungsorganisation und Business Administration besser als Betriebswirtschaftslehre."



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