AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2008

Freeclimbing Model in der Wand

Sportklettern ist ein Boomsport. Die Wettkämpfe sind Events, die Akteure austrainierte Teenager. Der Star der Szene kommt aus Österreich.


Der Kletterer in der Wand bewegt sich nicht mehr. Er hängt dort einfach nur, wie ein großes Insekt. Es ist kein Griff, kein Tritt mehr in Reichweite. Die Lage scheint ausweglos. Auf der Wiese vor der Wand sitzen 1200 Menschen und blicken atemlos zu ihm hinauf.

David Lama, 18, fixiert einen kleinen Vorsprung, der sich gut zwei Meter neben ihm in der Wand befindet. Die Kante wirkt unerreichbar. Lama denkt nach. Dann stößt er sich ab wie eine Fliege, die einer schlagenden Hand ausweicht, im Sprung greift er nach der Kante. Im nächsten Moment baumelt er, an einem Arm hängend, wieder in der Wand. Das Publikum johlt.

An einem echten Berg hätte Lama bei dieser Übung ein Seil um den Bauch. Diese Wand ist nur fünf Meter hoch, sie besteht aus Kunststoff, unten liegt eine Sicherheitsmatte. Es ist der Boulder-Wettbewerb beim Kletter-Weltcup "Rock Master" in Arco am Gardasee. Ein paar guttrainierte Hobbykletterer versuchten vor Beginn des Wettkampfs, den künstlichen Felsblock, den "boulder", zu erklimmen. Sie kamen nicht einmal vom Boden weg.

Lama hat nach der Flugeinlage keine Mühe mehr, die Wand zu besteigen. Als er oben angekommen ist, winkt er, die Zuschauer erheben sich und applaudieren.

Jeder Sport hat seine Ausnahmetalente. David Lama ist das Wunderkind des Sportkletterns. Mit 15 Jahren gewann der Sohn eines nepalesischen Sherpas und einer Österreicherin den ersten Weltcup und seinen ersten Europameistertitel. Heute ist der Teenager mit den pechschwarzen Haaren das erste international bekannte Model der Kletterszene. Er hat einen eigenen Trainer, einen Manager und den Getränkehersteller Red Bull als Sponsor. Die Firma lässt ihn von einem Kamerateam begleiten. Lama ist Profi. Im Januar hat er die Schule abgebrochen, um sich auf seine Karriere konzentrieren zu können.

Nach dem Wettkampf steht Lama hinter einem Absperrgitter und verteilt Autogramme. Mädchen mit Zahnspangen machen Bilder mit der Handykamera, ein paar Jungen betrachten neidisch seinen Waschbrettbauch.

Sportklettern erlebt seit einigen Jahren einen Boom. Selbst in den Niederlanden, dem Land ohne Berge, gibt es 40.000 Freeclimber. Beim Deutschen Alpenverein sind mehr als 100.000 Sportkletterer eingetragen. In fast jeder deutschen Großstadt gibt es Kletterhallen. In Hamburg und Berlin haben sich die Sportler zusätzlich eigene Kletterreviere geschaffen, zum Beispiel an alten Bunkeranlagen. Die Wettkämpfe funktionieren nach einfachen Regeln. Es geht darum, möglichst weit nach oben zu kommen. Beim Speedklettern oder der Mann-gegen-Mann-Disziplin "Duell" gewinnt der, der am schnellsten die Wand erklimmt.

Sportklettern galt vor Jahren noch als Disziplin für kantige Bergfreaks und mutige Männer auf der Suche nach einem Kick. Heute wird der Weltcup von jugendlichen Athleten beherrscht. Manche dürfen noch nicht allein in die Discothek, so jung sind sie. Die Weltcup-Führende bei den Frauen, Johanna Ernst aus Österreich, ist 15 Jahre alt. Als das größte Talent der Szene gilt der Tscheche Adam Ondra, 15, der kommende Saison in den Weltcup einsteigt.

"In diesem Sport", sagt Lama, "zerreißt man mit 30 Jahren die Welt nicht mehr." Bei jungen Kletterern stimme das Verhältnis aus Maximalkraft und Körpergewicht. Lamas Körper, 68 Kilo schwer, besteht aus fein definierten Muskeln. Wenn zwei Finger einen kleinen Halt gefunden haben, ist er in der Lage, sich daran emporzuziehen. Hände und Arme funktionieren wie Greifwerkzeuge einer Baumaschine. Die Körperspannung, die Lama aufbringt, wenn er sich an einem Überhang entlangkämpft, ähnelt der eines Turners an den Ringen.

Seine Dominanz hat Lama jedoch schon verloren. In Arco unterlag der Innsbrucker seinem Landsmann Kilian Fischhuber. Immer mehr Konkurrenten drängen in den Weltcup, angelockt vom immer größer werdenden Markt.

Kletter-Weltcups sind Spektakel. Im Kletterstadion in Arco, eingerahmt von steilen Bergwänden und hohen Tannen, dröhnte während der Wettkämpfe aus den Lautsprechern House-Musik. Zum Weltcup in Chamonix pilgerten im Juli 15.000 Fans. Bei der Europameisterschaft im Oktober in Paris, die mit Lasereffekten und Bühnenshow aufgezogen wird wie ein Rockspektakel, erwarten die Veranstalter über 30.000 Zuschauer.

Nur bei der Vermarktung schlägt Lama immer noch alle. Es gibt Videos, die ihn beim Klettern im kalifornischen Yosemite-Tal oder im Himalaya zeigen. Nächstes Jahr startet er eine Show-Kletter-Tour durch Deutschland. Neben PR-Auftritten schärfen Expeditionen Lamas Profil als Meister am Felsen. So durchstieg er kürzlich eine 800-Meter-Wand im österreichischen Valsertal. Kommendes Frühjahr plant Lama eine spektakuläre Erstbesteigung in Patagonien.

In ein paar Jahren will sich Lama auch den ersten hochalpinen Herausforderungen im Himalaya stellen. Denn eine Vita des perfekten Bergsteigers erlangt nur, wer einmal auf einem Achttausender stand. Er habe Lust darauf, sagt Lama. Im Sportklettern stoße er langsam an die Grenzen. Und gegen die heute 15-Jährigen habe er in drei Jahren ohnehin kaum mehr eine Chance.

"Man wird ja nicht jünger", sagt Lama.



insgesamt 456 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Hilfskraft 14.07.2008
1. Zugspitze
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
Sie suchten die Herausforderung und ihre Grenzen. Beides haben sie ja wohl auch gefunden. Ein Wunder, dass es nur 2 Tote waren. Wie banane muß man eigentlich sein? Hilfskraft
lpino 14.07.2008
2. Bei allem Bedauern.
Aber hier geht es um Eigenverantwortung. Man kann nicht nur halbnackt bei Schlechtwetter ins Hochgebirge laufen, sich bis zur Erschöpfung verausgaben, nur um den Kick der Leistungsgrenze zu erfahren. Man kann auch bei Anzeichen der Unterkühlung und schlechter werdenden Bedingungen den Lauf SELBST einfach abbrechen. Aber das liegt zuerst in der Verantwortung jedes Einzelnen.
marc_malone 14.07.2008
3.
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
Die Organisatoren haben zwei Menschen auf dem Gewissen. Diese Verantwortung mögen sie juristisch vielleicht abschütteln können, dennoch werden sie auf immer damit zu leben haben. Die Organisatoren sind schuld, definitiv. Man wird ansonsten daraus lernen müssen, so etwas Irres niemals wieder zu veranstalten. Die Teilnehmer täten in Zukunft gut daran zu verbergen, dass sie an diesem Schwachsinn überhaupt teilgenommen haben.
tanni95, 14.07.2008
4. So...
Zitat von sysopDas Unglück beim diesjährigen Zugspitz-Lauf sorgt für Diskussionen. Ambtionierte Athleten suchen die Herausforderung, oft ohne die Gefahren wirklich zu kalkulieren. Müssen allzu risikobereite Sportler vor sich selbst geschützt werden?
...schlimm das Ganze ist, muss doch jeder auch selbst wissen, auf was er sich einlässt. Offenbar können das viele nicht. Alles auf den Veranstalter abzuwälzen ist wohl am einfachsten. "Idiotische" Wettbewerbe sollten verboten sein, aber man darf ja nicht zuviel verbieten, sonst heißt es wieder "Der böse böse Staat, der alles verbietet und die Menschen in ihrer Freiheit beschneidet". In kürzester Zeit auf einen Berg rennen, das erinnert mich irgendwie an die Wettbewerbe, wenn jemand 50 Hamburger in 5 Minuten in sich hineinstopft und dann verwundert ist, wenn er wegen Überfressens tot umfällt.
iGoA 14.07.2008
5.
Eigenverantwortung wird hier mal wieder ganz ganz klein geschrieben. Dafür Sündenbock groß.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 38/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.