Zeitgeschichte "Mogadischu hat an meiner Seele gezerrt"

Bruno Schrep über Ängste und Alpträume der "Landshut"-Geiseln

Die ehemalige Schönheitskönigin Beate Keller, heute Halbtagskraft in einem Büro, steuert ihren Opel Kadett jeden Werktag am Hamburger Untersuchungsgefängnis vorbei. Seit Ende November 1995 empfindet sie dabei Genugtuung.

Jedesmal beim Vorüberfahren hält sie im stillen eine kleine Rede, gerichtet an eine Gefangene, die in einer Einzelzelle auf ihren Prozeß wartet.

"Du sitzt jetzt dort drin fest, wie wir damals festgesessen haben. Das gönne ich dir. Hoffentlich mußt du viel leiden, genau wie wir damals. Und hoffentlich mußt du noch lange sitzen, vielleicht die nächsten 20 oder 25 Jahre."

Die Ansprache gilt Souhaila Andrawes, 42, jener Palästinenserin, die 1977 an der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" mitwirkte, fünf Tage später die Befreiungsaktion in Mogadischu als einziges Mitglied des Terrorkommandos überlebte.

Vor der Entführung war das Dasein so unbeschwert: Beate, die damals noch Zerbst hieß, hatte im September 1977 bei einem Schönheitswettbewerb des Tanzlokals "Graf Zeppelin" auf Mallorca gesiegt, zur Belohnung eine Woche Urlaub auf der Insel gewonnen.

Fotos von der Siegerehrung zeigen ein blondes, schlankes Mädchen im Badeanzug: einen riesigen Blumenstrauß im Arm, lachend. Im Gesicht die Zuversicht einer 20jährigen, die weiß, daß sie gut aussieht und gut ankommt, die, obwohl sie einen Job als Bürokauffrau hat, ein bißchen auf ein Engagement beim Film oder Fernsehen hofft, die keine Angst vor der Zukunft kennt.

Ihren gewonnenen Urlaub verbringt Beate mit fünf anderen Disco-Königinnen vom "Zeppelin". Die jungen Frauen, die alle aus bescheidenen Verhältnissen stammen, feiern und tanzen die Nächte durch. Von so einem Leben haben sie immer geträumt. Für Politik interessiert sich keine.

Die Abschiedsparty in der Nacht vor der Rückreise dauert so lange, daß kaum Zeit zum Kofferpacken bleibt. Die Mädchen verpassen beinahe die Maschine, kommen erst Minuten vor dem Abflug der "Landshut" angehetzt.

An Bord spotten sie, noch übermütig vom Feiern, über das unmögliche, lila karierte Jackett eines fremdländisch aussehenden Passagiers, der sich immer wieder nervös umguckt. Zu komisch, dieser Typ.

Knapp eine Stunde später sitzt Beate Keller auf ihrem Sitz hinten links und zittert vor Angst am ganzen Körper. Stundenlang kann sie nicht aufhören, Arme und Beine gehorchen ihr nicht.

Der Mann mit dem lila Jackett, der sich Captain Mahmud nennt, gibt jetzt Befehle: "Hände über den Kopf." "Alle aufstehen." "Wer spricht, wird erschossen."

Auch die anderen Mädchen aus der Disco lachen nicht mehr. Der lustigen Diane, die am frechsten über das Jackett gelästert hat, hält der jähzornige Terroristenchef ständig seine Pistole an den Kopf. Diane fleht um ihr Leben.

Simone, mit 16 Jahren die jüngste, reißt bei über 50 Grad Hitze ihre hellblaue Samthose und ihre modische Bluse in Fetzen, um nach dem Ausfall der Klimaanlage mehr Luft zu bekommen. Trotzdem fällt sie kurz darauf ohnmächtig von ihrem Sitz.

Fast genauso wie den Anführer fürchten die Mädchen die fanatische Terroristin, die von den Passagieren als "die Dicke" bezeichnet und später als Souhaila Andrawes identifiziert wird.

Beate Keller beobachtet, wie die Palästinenserin eine Frau schlägt, eine andere mit der Handgranate bedroht. Sie selbst wird von der "Dicken" derart hart gefesselt, daß sie mehrere Blutergüsse bekommt.

"Frauen sind manchmal schlimmer als Männer", flüstert sie in einem unbewachten Moment ihren Nachbarn zu.

Als Mahmud am fünften Tag anordnet, die Passagiere mit Alkohol zu übergießen, damit sie besser brennen, gibt Beate Keller die Hoffnung auf: " Ich hatte mit meinem Leben abgeschlossen, glaubte, jetzt hat die Stunde Null geschlagen. Ich wollte nur noch, daß es schnell geht. Und ich dachte: Wenn es einen Gott gibt, warum hilft er uns nicht? "

Tage nach der Befreiung bekommt Beate Keller eine rätselhafte Lähmung, ihre linke Gesichtshälfte wird völlig taub. Sie träumt von arabisch aussehenden Verfolgern, vor denen sie wegzulaufen versucht, bis sie schreiend und schwitzend aufwacht. Danach liegt sie jedesmal stundenlang wach.

Als sie eines Morgens die Motorhaube ihres Autos geöffnet vorfindet, vermutet sie ein Attentat, alarmiert die Polizei. Die Beamten können nichts Verdächtiges finden.

Die Lähmung geht zurück, die Alpträume kommen seltener, die Ängste lassen nach. Nur die Illusion, daß die Welt mehr oder weniger in Ordnung sei, daß einem eigentlich nichts Böses widerfahren könne, wenn man selbst nicht böse sei, ist zerstört für immer.

Beate Keller verläßt ihren Freund, dessen Wünsche nach einer gemeinsamen Zukunft ihr lästig werden, dessen Eifersucht sie plötzlich stört.

Der Freund versucht, die Beziehung zu retten: "Laß es uns doch noch mal probieren, bitte." - "Das bringt nichts, jedenfalls mir nicht." - "Du bist hart geworden, so kenne ich dich nicht." - "Ich habe mich geändert, verstehst du."

Die junge Frau wird von der Vorstellung getrieben, das wirkliche Leben bisher verpaßt zu haben, Versäumtes ganz schnell nachholen zu müssen: viele andere Menschen kennenzulernen, auch andere Männer, sich mehr zu leisten als bisher. Ganz schnell, das hat sich bei ihr eingegraben, kann alles vorbei sein.

Sie wird als Geiselopfer eingeladen, muß immer wieder ihre Geschichte erzählen, ist ständig unterwegs. "Was soll das eigentlich?" fragt eine Freundin. Die Antwort: "Ich will intensiv leben."

An einem Februartag 1996, mehr als 18 Jahre nach der Entführung, steht Beate Keller auf der Leiter und tapeziert mit ihrem Ehemann die Wände ihrer Dreizimmerwohnung am Hamburger Hafenrand.

Vormittags, bis 11 Uhr, hat sie im Büro einer Großbäckerei gesessen, abends zapft die frühere Disco-Königin ab und an noch Bier in einer Kneipe. Der Sohn aus ihrer ersten Ehe, der 14jährige Florian, kommt aus der Schule und verlangt sein Mittagessen.

Die meisten Abenteuer erlebt die Familie im Wohnzimmer, beim Angucken der Videofilme, die sorgfältig gestapelt sind. Von Mogadischu erzählt Beate Keller höchstens, wenn am Stammtisch mal ein Neuer danach fragt.

Zeitungsausschnitte von der Geiselnahme sind in einem Ordner einsortiert, Bilder von damals in Klarsichthüllen abgelegt und ganz hinten in einer Schublade der Schrankwand vergraben.

"Ich glaubte, das sei für immer erledigt", sagt Beate Keller. Doch als sie von der Enttarnung Souhaila Andrawes' in Oslo hört, spürt sie ein zunächst kleines Gefühl übermächtig werden.

So lebendig wie in ihrem Haß hat sie sich lange nicht mehr gefühlt: Was, die wohnt dort schon seit Jahren unbehelligt? Hat auch ein Kind? Fühlt sich selbst als Opfer? Wegen ihrer Schußverletzungen?

Den Hamburger Prozeß gegen die Palästinenserin will Beate Keller als Zuschauerin verfolgen, ob sie als Zeugin geladen wird oder nicht.

Dafür ist sie sogar bereit, ihren Urlaub zu opfern.

Sag mal, Birgitt, was ist denn nun schon wieder los? Warum weinst du denn?" Die Freundin schaut ratlos und ungeduldig auf Birgitt Röhll, die still in sich hineinschluchzt.

"Meine Güte, ich habe doch nur ganz normal gefragt, warum du erst jetzt kommst. Nicht mehr, nicht weniger: Warum kommst du so spät? Die Frage wird doch wohl erlaubt sein. Oder?"

Birgitt Röhll beruhigt sich nur langsam, antwortet leise: "Bin extra früher aufgestanden, um pünktlich zu sein. Und nur, weil ich im Stau gesteckt habe, bin ich zehn Minuten zu spät. Und da polterst du gleich los, als hätte ich ein Verbrechen begangen."

Die 54jährige Frau fühlt sich schon bei geringen Anlässen angegriffen, zu Unrecht beschuldigt, zurückgesetzt, gedemütigt. Verliert dann, ob sie will oder nicht, die Selbstbeherrschung.

In Dubai, wo die "Landshut" zwei Tage und zwei Nächte steht, kommandiert Terroristenchef Mahmud, außer sich vor Wut, Birgitt Röhll nach vorne in die erste Klasse, läßt sie vor sich niederknien. Er hat im Handgepäck der Berlinerin einen Füllfederhalter der Marke Montblanc gefunden. Das weiße, sechszackige Firmenlogo hält Mahmud für den Davidstern.

"Du bist eine dreckige Jüdin."

"Ich bin nicht jüdisch, ich bin nicht jüdisch."

"Du meldest dich morgen früh um 8.30 Uhr zum Erschießen, verstanden?"

"Lassen Sie mich am Leben, bitte."

Wenig später, Birgitt Röhll sitzt wieder an ihrem Platz, rennt Mahmud durch den Gang, schwenkt den Reisepaß seines Opfers. Das ist der Beweis", schreit er, "dein Mädchenname ist Grünewald. Du bist eine Jüdin." Vor den Augen des zehnjährigen Sohnes, der steif vor Angst nebendran hockt, setzt Mahmud der Frau die Pistole an die Schläfe, ohrfeigt sie links und rechts, spuckt ihr ins Gesicht. "Dreckige Jüdin."

Als Birgitt Röhll austreten möchte, verstellt ihr die "Dicke" den Weg: "No." - "I'm sorry, but I have to go to the toilet." - "Go back to your seat immediately, you bloody daughter of a bitch."

Mit ihren Handgranaten pufft die Palästinenserin der Deutschen auf die Oberarme, bis diese zurückweicht. Die Terroristen ordnen an, daß die Geiseln nacheinander zur Toilette dürfen. Die vermeintliche Jüdin kommt als letzte an die Reihe.

"Die Geiselnahme hat mein Leben verändert", sagt die 54jährige, "Mogadischu hat an meiner Seele gezerrt."

Vor der Reise mit Sohn Stephan gilt die Lufthansa-Angestellte, damals 35, als optimistische Frau, die auch komplizierte Lebenssituationen durchsteht: Sie verkraftet die Trennung vom Ehemann, meistert ihre neue Situation als berufstätige, alleinerziehende Mutter.

Hinterher sind Freunde und Bekannte erschüttert: Birgitt Röhll hat ihre pralle Zuversicht verloren, ihr Selbstbewußtsein eingebüßt. Sie reagiert überempfindlich, schon eine harmlose Bemerkung kann sie schwer kränken.

Sohn Stephan, während der Entführung ausgesprochen tapfer, muß in psychologische Behandlung. Der Junge, der schon die fünfte Klasse besucht, macht wieder ins Bett.

Angehörige bemerken, daß sich Birgitt Röhll eine eigene Zeitrechnung aufgemacht hat. "Ach ja, das war damals vor 1977", erzählt sie im Tonfall älterer Leute, die ihre Erinnerungen in Ereignisse vor und nach dem Zweiten Weltkrieg einteilen.

Dabei fällt auf, daß die ehemalige Geisel viele Begebenheiten vor der Entführung vergessen hat, unter Gedächtnislücken leidet wie eine alte Frau. Die Einzelheiten des Geiseldramas bleiben dagegen unauslöschlich.

Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen hält Birgitt Röhll nach der Entführung nicht mehr aus: Sie geht anfangs nicht ins Kino, nicht ins Theater, besucht Restaurants auch nur dann, wenn sie nicht mit dem Rücken zum Eingang sitzen muß. Aufzüge, in die unterwegs andere Menschen einsteigen, verläßt sie noch heute sofort.

Ein Konzert in der Berliner Philharmonie, zu dem sie sich von einer Freundin überreden läßt, wird zur endlosen Qual: Birgitt Röhll hört nichts von der Musik. Wie unter Zwang starrt sie zwei Stunden lang auf die Saaltüren, als müsse sie sich vergewissern, daß sie jederzeit fliehen könne.

Bei Dunkelheit wagt sich die Berlinerin auch 18 Jahre nach der Entführung nicht allein auf die Straße: Sie hat Angst, Gesinnungsgenossen der Geiselnehmer könnten ihr auflauern.

"Birgitt, das ist doch lange vorbei", versucht kürzlich ein Bekannter zu beruhigen, "hör doch auf, dich verrückt zu machen." "Das geht nie vorbei", antwortet Birgitt Röhll.

Sein Vorname hat Rhett Waida aus Stade immer gefallen. Die Figur des Rhett Butler aus dem Roman "Vom Winde verweht", die seine Eltern zur Namensgebung inspirierte, imponierte auch ihm.

So wagemutig wie der Romanheld, der Blockaden bricht, alle Gefahren besteht und die geliebte Scarlett aus dem brennenden Atlanta rettet, möchte auch Rhett Waida reagieren, wenn es einmal darauf ankommt.

Im Augenblick höchster Gefahr, als die Terroristen die Sprengung der "Landshut" ankündigen, sitzt Rhett Waida hilflos auf seinem Platz in der zweiten Reihe und heult.

Er ist an beiden Händen gefesselt, ebenso wie sein dreijähriger Sohn daneben, der nicht versteht, welche eigenartigen Spiele die Erwachsenen da aufführen. Das Kind schreit nicht, sitzt ganz still und guckt.

Terroristenchef Mahmud hat gerade erklärt, daß die deutsche Regierung sein letztes Ultimatum zum Austausch der Geiseln verstreichen ließ, daß nun das Ende bevorstehe. Die Entführerin Souhaila singt leise zu einer kleinen, fremd klingenden Melodie: "Wir werden jetzt alle zusammen sterben."

Rhett Waida ist nicht der einzige, der die Haltung verliert. Die meisten Männer, von den Terroristen vorsorglich auf die abgelegenen Fensterplätze dirigiert, können sich schlecht beherrschen.

"Die Männer weinen ja alle", flüstert die Berliner Studentin Iris Roggenkamp ihrer Schwester zu. Einige klammern sich an ihre Partnerinnen wie Kinder an ihre Mütter, suchen Halt, statt Halt zu geben. Die Frauen sind die Stärkeren.

Neben Iris Roggenkamp sitzt zeitweise ein spanischer Pilot, der tagelang nur ein Wort herausbringt: "Wasser." Die Studentin gibt ihm immer wieder von ihrem Vorrat ab, damit er sich beruhigt.

Zwei Reihen weiter hinten schubst ein junger Ehemann seine Frau beiseite, schnappt ihr ein Glas Saft weg, trinkt das Glas in einem Zug aus.

Als sich die Frau später in einem Weinkrampf windet, Anführer Mahmud ihr mit Hinrichtung droht, guckt der Ehemann vor Angst beiseite, als gehöre er nicht dazu, läßt die Lebensgefährtin von fremden Passagieren trösten. Noch während der Geiselnahme beschließt die Frau, sich scheiden zu lassen, wenn sie lebend herauskommt.

Seine Hilflosigkeit in der "Landshut" quält Rhett Waida immer noch. Daß er ohnmächtig zuschauen mußte, wie die Entführer ihn und die anderen Geiseln drangsalierten, macht ihn wütend, nagt an seinem Selbstbild. "Dieser Kerl hat mich so in Todesangst versetzt, da komme ich nicht mit zurecht."

Dabei ist er größer und kräftiger als der Anführer, muß einen Gegner wie Mahmud unter anderen Bedingungen nicht fürchten: "Wenn der keine Waffen gehabt hätte, da hätte ich nicht einfach dagesessen und geheult. Dann hätte ich gesagt: ,Geh nach Hause, verschwinde, das hier ist zehn Nummern zu groß für dich.' "

Manchmal überlegt Rhett Waida, ob er womöglich etwas versäumt hat. Wie einen Film spult er in seiner Phantasie die Einzelheiten der Entführung ab, sucht im nachhinein nach Möglichkeiten zum Eingreifen. Aber wann und wie?

An einer Szene bleibt der inzwischen 47jährige stets hängen: Der zweite Terrorist Nabil Harb schläft irgendwann auf einem wenige Meter entfernten Sitz für Momente ein, die Pistole fällt ihm aus der Hand. Rhett Waida könnte die Waffe nehmen und ihn erschießen.

Doch der Gastwirt aus Stade hat Angst. In den Sekunden, in denen er sich entscheiden könnte, fallen ihm nur Gegenargumente ein: "Die drei anderen haben Handgranaten." "Ich kann nicht allein auf bewaffnete Leute losgehen." "Die rächen sich an meinem Sohn."

Aus nächster Nähe muß Rhett Waida mit ansehen, wie Terrorist Mahmud, ein Bein lässig auf einer Sitzlehne, den vor ihm knienden Piloten Jürgen Schumann in Aden erschießt. Der Pilot, in den Kopf getroffen, fällt direkt neben Waida vornüber in den Gang.

Der laute Knall erschreckt Waidas Sohn so sehr, daß der Junge erstmals zu weinen beginnt. Sein Vater drückt ihm ein Kissen vor den Mund.

Vor Schußgeräuschen hat der damals jüngste Passagier heute keine Angst mehr: Der 21jährige leistet gerade seinen Wehrdienst ab, bei der Marine in Eckernförde. Spätschäden, prophezeiten Psychologen kurz nach der Entführung, seien bei der stabilen Konstitution des Kleinen nicht zu befürchten.

Die Tage im Flugzeug sind für den jungen Mann fern wie ein Traum, von dem immer mal wieder winzige Erinnerungsfetzen ins Bewußtsein dringen. Am deutlichsten tritt die Figur der Stewardess Gaby Dillmann hervor, die den kleinen Jungen auf den Arm nimmt, ihm Spielzeug schenkt, als einzige Erwachsene auch mal lächelt.

Vater Waida hat hinterher nie verschwiegen, daß Rhett Waida nicht Rhett Butler war: "Ich hätte die Arme auch fünf Stunden hochgehalten, wenn die Entführer das verlangt hätten. Und ich wäre mit meinem Sohn durch ganz Afrika gerannt, bloß um wegzukommen."

Noch Jahre nach der Geiselnahme guckt der Gastwirt beim Autofahren alle paar Sekunden in den Rückspiegel. "Verfolgungswahn", diagnostiziert ein Arzt, "wird sich nach und nach legen."

Rhett Waida, heute Chef eines Partyservice, hat mit Dutzenden Menschen über das Drama diskutiert, mit Politikern, mit Neugierigen aus seiner Heimatstadt, die sogar Autogramme wollen vom "Mogadischu-Rhett".

Nur seiner Ehefrau, die 1977 zu Hause um Mann und Sohn bangte, dabei die Gastwirtschaft geöffnet hielt, hat er keine Einzelheiten geschildert.

"Sie hat auch nie gefragt", sagt Rhett Waida.

Die Frage, ob Menschen ihr Leben selbst bestimmen oder ob Biographien nur eine Anhäufung von Zwängen, Zufällen und Schicksalsschlägen sind, beschäftigt Monika Schumann schon als junges Mädchen. Obwohl sie dazu viele philosophische Bücher liest, findet sie keine überzeugende Lösung. Eine Antwort bekommt sie im Oktober 1977: Am Telefon teilt ihr ein Lufthansa-Angestellter mit, der Tote aus dem entführten Flugzeug sei ihr Ehemann Jürgen Schumann, der Pilot der "Landshut".

Eine andere Antwort hat sie sich in den vergangenen 18 Jahren selbst gegeben.

1977 noch Hausfrau im hessischen Babenhausen, Mutter von zwei kleinen Söhnen, spürt Monika Schumann nach dem ersten Schock Energien in sich, die ihr bis dahin nicht bewußt waren.

Sie unterdrückt Trauer und Schmerz, steckt sich drei Ziele: den Kindern künftig Vater und Mutter zu sein. Einen Beruf auszuüben. Die untadelige Haltung ihres Mannes bei der Entführung nachzuweisen.

Ihr Kampf beginnt schon bei der Gedenkfeier auf dem Frankfurter Flughafen. Wie eine Statue sitzt sie zwischen Spitzenpolitikern, hört regungslos die Reden und Beileidsbeteuerungen an. Die Frau mit der großen, dunklen Brille, die Millionen Fernsehzuschauer rührt, ist innerlich erstarrt.

Gekommen ist sie vor allem aus Mißtrauen. "Wenn die jetzt 'ne Freudenfeier mit den befreiten Geiseln machen", erklärt sie vorher zu Freunden, "dann werde ich da sein."

Im Alter von 38 Jahren beginnt Monika Schumann nach kurzer Einarbeitungszeit, Fernsehfilme für den Hessischen Rundfunk zu drehen. Kollegen sind skeptisch: Keine Erfahrung vor der Kamera, keine Erfahrung hinter der Kamera - die Frau, prophezeien sie, packt das nicht.

Monika Schumann arbeitet meist bis spät nachts. Sie lernt, präzise zu formulieren, Bilder und Texte in Einklang zu bringen, wichtige von unwichtigen Nachrichten zu unterscheiden. Ihre Beiträge werden bald auch von "Tagesschau" und "Tagesthemen" gesendet.

Jahrelang arbeitet sie bei "3 aktuell", einer Nachrichtensendung, die in Hessen bis 1992 als Alternative zur "Tagesschau" ausgestrahlt wird. Die Seiteneinsteigerin bestimmt mit über Themen und Bildauswahl, moderiert auch selbst.

Die Zuschauer sehen eine Journalistin, die kühl und sachlich wirkt. Sie informiert über Opfer von Hungersnöten und Erdbeben, über Folterungen und Terror - doch das Schicksal der Betroffenen berührt sie in den ersten Jahren nicht.

"Manchmal denke ich, neben mir könnte ein Kind umgebracht werden, ohne daß ich mich besonders aufrege", gesteht sie Kollegen. "Dabei war ich übersensibel."

Nicht der Beruf hat sie abstumpfen lassen. Hart gegen sich, mitleidlos gegen andere macht sie das grausame Ende ihres Mannes.

Immer wieder stellt sie sich seine letzten Minuten in der entführten Maschine vor - gedemütigt, alleingelassen, wehrlos. Und immer wieder fallen ihr die gleichen Fragen ein:

Warum hat ihm niemand geholfen? Wieso ist dem Mörder niemand in den Arm gefallen? Weshalb haben die Passagiere bei der Erschießung zugeschaut wie eine Schafherde?

Ihr Mann, hat sich die Witwe geschworen, soll wenigstens nach seinem Tod mutig verteidigt werden.

Zwar wird in offiziellen Berichten Jürgen Schumanns Haltung während der Entführung als beispielhaft gelobt. Einige Passagiere äußern jedoch Zweifel.

Sie mutmaßen, der Pilot habe sich nach einer Notlandung in Aden womöglich absetzen wollen. Schumann war von einer Außeninspektion des Flugzeugs erst nach etwa einer Stunde zurückgekehrt - für Anführer Mahmud Anlaß zur Tötung des Kapitäns, dem er einen Fluchtversuch vorwarf.

Ob Schumann Hilfe holen wollte, mit den jemenitischen Behörden verhandelte oder nach Befreiern spähte, ist bis heute rätselhaft. Für die Witwe steht nur fest: Weglaufen wollte er nicht.

So einen Partner hätte Monika Schumann auch nicht akzeptiert: "Ich kann damit leben, daß er tot ist, aber seine Verantwortung wahrgenommen hat. Ich könnte nicht damit leben, daß er sich auf Kosten anderer gerettet hätte. Damit könnte er auch selbst nicht leben. "

Monika Schumann reist zu Treffen von "Landshut"-Passagieren nach Berlin und Bonn, entschlossen, jeden zur Rede zu stellen, der die Fluchtversion zu verbreiten wagt. Das glaubt sie auch ihren Söhnen, die im Internat aufwachsen, schuldig zu sein.

Sie trifft ehemalige Geiseln, die von der Zivilcourage ihres Mannes berichten, von seinen heimlichen Botschaften nach draußen, die eine Befreiung erst möglich gemacht hätten.

Die innere Erstarrung der Witwe löst sich langsam. Erst nach Jahren spürt sie, daß sie nicht mehr nur aus Bitterkeit lachen kann. Und es kommt ihr wie eine Erlösung vor, wieder Mitleid oder Freude zu empfinden.

Manchmal denkt sie tagelang nicht an die "Landshut" - bis Souhaila Andrawes in Norwegen enttarnt wird. "Ich möchte wissen, was das für ein Mensch ist", sagt sie zu ihren erwachsenen Söhnen. Witwe Schumann reist zu einem Treffen mit der Entführerin nach Oslo.

Auch die ehemalige Geisel Brigitte Pittelkov, heute Studienrätin in Berlin, fährt nach Norwegen. Sie will die Frau sehen, die ihr eine Pistole in den Rücken drückte, sie bedrohte und beschimpfte.

Brigitte Pittelkov ist gläubig. Sie betet, als keine Hoffnung mehr zu bestehen scheint. Sie betet, als am Flugzeug Blendgranaten bersten, deutsche Stimmen - "Kopf runter!", "Wo sind die Schweine?" - ertönen, die Grenzschützer von der GSG 9 drei der vier Terroristen töten. Nach der Befreiung dankt sie Gott.

In Oslo will sie prüfen, ob sie auch vergeben kann: Daß sie jahrelang nicht schwanger werden konnte, psychiatrische Behandlung brauchte, sich 17 Jahre nicht zu fliegen traute. Und daß sie allein lebt.

Der Ehemann von Brigitte Pittelkov, der ebenfalls in der "Landshut" saß, starb mit 56 Jahren an Herzversagen. Sein früher Tod, glauben Freunde und Verwandte, war eine späte Folge der Entführung.

"Die Widerstandskraft war gemindert", sagt die Witwe. Ihr Mann habe das Ganze nie verarbeitet, "er hing da noch total mit drin". Nachrichten über neue Geiselnahmen hätten ihn in höchste Aufregung und Wut versetzt. Arbeitskollegen berichteten der Witwe nach der Trauerfeier: "Mogadischu hatte Ihr Mann nicht abgehakt."

In Norwegen kommt es zu zwei unterschiedlichen Begegnungen mit der Palästinenserin.

Witwe Monika Schumann nimmt eine Frau wahr, die sich nicht wirklich geändert hat, sondern nur eine neue Rolle spielt:

"Plötzlich will jemand, der andere so gepeinigt, das Leben so vieler Menschen verändert hat, so was Liebes und Braves geworden sein. Guckt nur noch flehentlich nach oben, stellt sich als armes Opfer dar, als verführtes Mädchen, das nicht wußte, was es tat."

Die Pilotenfrau fühlt sich abgestoßen, sucht die Konfrontation: "Warum sind Sie eigentlich in ein westliches Land wie Norwegen geflüchtet, obwohl Sie früher so fanatisch gegen den westlichen Imperialismus kämpften?"

Souhaila Andrawes ändert den Ton, greift die Deutschen an, die Palästina an die Israelis verraten hätten. Und erklärt, daß sie damals als Soldatin ihres Volkes auch selbst getötet hätte, wenn ihr das befohlen worden wäre.

Die Deutsche verweigert die dargebotene Hand, will keine Versöhnungsgeste. Nur als die Palästinenserin ihre zehnjährige Tochter Leila bedauert, die bei einer Gefängnisstrafe ohne Mutter aufwachsen müsse, zeigt die Pilotenwitwe Verständnis: "Ich begreife das sehr gut. Meine Söhne hätten auch ihren Vater gebraucht."

Bei Brigitte Pittelkov überwiegt Mitleid. Die Frau, die an Krücken auf sie zukommt, infolge der Schußverletzungen von Mogadischu lebenslang behindert, erinnert sie nur noch entfernt an die junge, agile Peinigerin von einst.

Die beiden Frauen diskutieren, was schwerer auszuhalten ist: Opfer zu sein, oder mit Schuld leben zu müssen.

Die Studienrätin aus Berlin besucht Souhaila Andrawes zu Hause, begegnet auch Ehemann und Tochter der Entführerin. Und entschließt sich nach langem Zögern, die Bitte um Verzeihung anzunehmen.

Sie erklärt aber auch, welche Überwindung sie das kostet: "Ein ganz, ganz schwerer Schritt."

Die 1970 gebaute "Landshut", infolge von Notlandung und Schußwechsel schwer beschädigt, fliegt nach ihrer Instandsetzung noch bis Mitte der achtziger Jahre im Liniendienst der Lufthansa. 1985 wird die Boeing 737-230 C in die USA verkauft, auf den Namen "John Adams" getauft und von der Leasing-Gesellschaft Asco für Flüge auf dem amerikanischen Kontinent ausgeliehen.

In den neunziger Jahren startet die Maschine wieder in Europa, fliegt mit französischer Zulassung für die Aeropostale, bevor sie im Februar 1995 nach Fernost veräußert wird. Dort steht die Boeing, betrieben von der malaysischen Fluggesellschaft Transmile Air Service, derzeit im Dienst der Firma Poslaju Kurier.

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