AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 39/2008

Literatur Blutspur im Schnee

Christian Kracht, früher als Popliterat gefeiert, entwirft in seinem neuen Roman eine beunruhigende Vision von einer totalitären Welt und immerwährendem Krieg.

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Wer in den vergangenen Tagen den Autor Christian Kracht auf dem Handy anrief, vernahm am anderen Ende der Leitung ein fremdartig brummendes Freizeichen. Keine Antwort. Kracht war nicht zu erreichen. Womöglich war er wieder auf der Flucht, wie die Helden seiner Romane, die Kracht gern weg und immer weiter weg laufen lässt. Sein Verleger sagte dann, Kracht sei in Malawi.

Das könnte stimmen, schließlich stammt der Ich-Erzähler des neuen Kracht-Romans ebenfalls aus Malawi. Es könnte aber auch, wie alles beim Schriftsteller Kracht, genauso gut nicht stimmen, es könnte perfekt organisierte Desinformation sein, ein Verwirr- und Versteckspiel, ein stetiges Schaffen von Verunsicherung.

Diese Strategie verfolgt nicht nur die Person Kracht; sie zieht sich auch durch seine Texte: Nach seinen Romanen "Faserland" (1995) und "1979" (2001), auf deren vermeintlich seichte Oberflächenstruktur die meisten Kritiker hereinfielen, nach ein paar sehr sonderbaren Interviews, in denen er etwa dem Taliban-Führer Mullah Omar Respekt zollte, und nach einigen kürzeren Stücken, die sich mit dem Okkultisten Aleister Crowley oder Nordkoreas Diktator Kim Jong Il befassten, lässt sich sagen, dass Kracht es liebt, Fallen zu stellen. Sie sollen ihn schützen vor dem Zugriff anderer.

Wer dem immer höflichen, oft schüchternen Kracht begegnet, in seiner merkwürdig ältlichen Kleidung, die ihn manchmal aussehen lässt wie den Weltreisenden Tim aus "Tim und Struppi", der glaubt zunächst an eine Inszenierung. So kann ja niemand sein. Zwischen seinen Höflichkeiten redet Kracht am liebsten abwegiges Zeug, oft von Menschen, von denen sein Gegenüber noch nie gehört hat, die aber irgendetwas Bahnbrechendes erfunden haben, eine Glasglocke zum Beispiel, die - wenn man sie über einer Stadt aufspannt - so viel Wärme sammelt, dass die Stadt vom Boden abhebt. In solchen Momenten wird klar, hier hat einer seine Inszenierung, wenn es je eine war, so verinnerlicht, dass sie von seinem Selbst nicht mehr zu trennen ist.

Wenn man über den amerikanischen Phantom-Schriftsteller Thomas Pynchon nichts weiß, weil man wirklich kaum etwas weiß, dann weiß man über Kracht nichts, weil man zu viel weiß: zu viel von ihm Behauptetes, wieder Zurückgenommenes, von seinen vielen Anhängern Lanciertes. Mal soll er dem Rechtsokkultismus verfallen sein, dann wieder dem Sowjetkommunismus, manchmal soll er in Nepal leben oder in Argentinien, dann in Berlin oder doch München, jetzt also in Malawi.

Christian Kracht, 41, war Redakteur bei "Tempo" und berichtete auch kurze Zeit für den SPIEGEL aus Indien. Sein dritter Roman in 13 Jahren, der an diesem Montag erscheint, borgt seinen pathetischen wie irreführenden Titel von einem englischen Volkslied: "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten"*.

Das Buch wird auf den ersten Blick all jene bestätigen, die wie die "Süddeutsche Zeitung" oder "Die Zeit" dem Autor eine Faszination für das Mystisch-Faschistoide unterstellt haben: Die Handlung spielt heute, doch in einer von Totalitarismus und Krieg beherrschten Welt. Alles, was Halt geben könnte - Zivilisation, menschliche Nähe, technischer Fortschritt -, ist verschwunden. Obendrein wählt Kracht für diese Vision eine Sprache, die sehr offensichtlich und gekonnt dem Duktus von Ernst Jünger nachspürt, wie er aus "Strahlungen" bekannt ist, Jüngers Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg: Menschliches Leid, das so anteilslos wie präzise auserzählt wird, findet seinen Widerpart in ästhetisierten Naturbeschreibungen.

Diese Sprache, die auf merkwürdige Weise alt und ungeheuer modern zugleich klingt, gepaart mit den Themen Krieg und Totalitarismus - das ist eine äußerst riskante Konstruktion. Ist sie bloß einer dunklen Faszination für das Böse, das Kranke, das Verbotene geschuldet? Dann ließe sich das Buch vergessen. Oder ist Krachts Sprache in der Lage, das zu leisten, was Literatur im besten Fall kann, Ängste und Alpträume freischälen, neue Denkarten eröffnen? Dann wäre das Buch brillant.



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