Global Village Aufstand im Menschenzoo

In Thailand rebellieren burmesische Flüchtlinge dagegen, in Museumsdörfern zur Schau gestellt zu werden.

Von rechts schnaufen drei tätowierte britische Glatzköpfe auf Reitelefanten durch den Wald, von links nähert sich ein Schnellboot mit einer schnatternden spanischen Familie, und am Eingang des 300-Seelen-Dörfchens Huay Pu Keng, nahe der burmesischen Grenze, öffnet ein lächelnder Thailänder das Kassenhäuschen. Es ist 9.30 Uhr am Morgen, die Sonne frisst sich mühsam durch die Wolkendecke, der Arbeitstag beginnt.

Schmale Verkaufsstände werden mit Souvenirs bestückt, Frauen erscheinen in dörflicher Tracht. Auch Ma Pai, 40, hat das traditionelle Gewand übergeworfen: einen Rock, das einfache Baumwollhemd und die bunten Tücher, die kunstfertig um den Kopf gewickelt werden. Das Idyll kann seine Pforten öffnen.

Umgerechnet fünf Euro Eintritt zahlen die Fremden pro Person. Dafür spielen die Dörfler jeden Tag Stammesleben. Sie sind berühmt dafür, hauptsächlich die Frauen. Die tragen kiloweise Messingringe um den Hals, die im Laufe der Jahre Schulterblatt und Schlüsselbein immer weiter nach unten drücken. "Giraffenfrauen" werden sie deshalb genannt oder "Langhälse". Sie selbst nennen sich Kayan. 7000 soll es von ihnen geben. Ihre Heimat liegt auf der anderen Seite der Grenze: in Burma, wo eine Junta von paranoiden Generälen herrscht und ihre Minderheiten knechtet.

Ma Pai ist vor 19 Jahren nach Thailand gekommen. Mit ihrer Familie war sie vor dem brutalen Regime in ihrer Heimat geflüchtet, hatte nach vier Tagen Marsch Thailand erreicht und war in einem Flüchtlingslager gelandet. Die Thailänder waren freundlich zu Ma Pai. Sie kamen und befühlten das Messing um ihren Hals, und sie lachten viel. Was für ein seltsames Volk war da nur aus den Bergen gekommen?

Ma Pai erklärte den staunenden Fremden ihre Bräuche: dass Mädchen im Alter von fünf Jahren beginnen, die Messingringe um den Hals zu tragen, dass im Laufe der Zeit immer mehr Ringe dazukommen und dass ältere Frauen eine Last von fünf bis neun Kilogramm auf den Schultern tragen. Dass der Brauch wohl entstanden ist, weil in der Vergangenheit Kayanfrauen von anderen Stämmen gekidnappt wurden und sie mit den Ringen um den Hals auffälliger waren. Und dass sich daraus eine Tradition entwickelt hat und ein Schönheitsideal.

Thailand ist ein vielfältiges und ziemlich gastfreundliches Land. Die Insel Phuket haben die Thailänder zu einem Badeparadies zurechtbetoniert, Pattaya in ein Riesenbordell verwandelt, und dem Norden des Landes wurde eine Rolle als tropische Version aus Völkerschau bei Hagenbeck und Vogelpark Walsrode zugedacht: das ideale Trekkinggebiet für Rucksackreisende, die durch die Wälder streifen, um auf Elefantenrücken Bergstämme zu "entdecken". Da kamen die Langhälse gerade recht.

Nach einiger Zeit befreiten findige thailändische Geschäftsleute mit dem Einverständnis der Regierung die Flüchtlinge aus den Lagern und bauten ihnen ein paar Bergdörfer, wo sie leben sollten. Acht Stück sind es mittlerweile; das letzte wurde erst im Mai bei Pattaya, zwei Autostunden südlich von Bangkok, eröffnet. "Wir wussten ja nicht, wo wir sonst hinsollten", sagt Ma Pai, "und hier konnten wir wenigstens ein bisschen selbstgemachten Schmuck, Langhalspuppen und CDs mit unserer Musik verkaufen."

Eine Weile ging auch alles gut. Widerstandslos fügten sich die Flüchtlinge in das ihnen zugedachte Schicksal und spielten Eingeborene, musizierten und führten Volkstänze auf. Und den Fremden erklärten Schilder am Ortseingang, wie man sich an einem solchen Ort angemessen verhält: "Die Menschen sind an Besucher gewöhnt und lassen sich gern fotografieren." - "Das Anfassen der Dörfler ist unanständig." - "Füttern Sie die Kinder nicht mit Süßigkeiten." Das Geschäft mit dem Trekkermann-Tourismus brummte, es kam einiges Geld zusammen, und irgendwie ging es den Menschen in den Langhalsdörfern auch besser als den mehr als 120.000 Burmesen, die sich in den Flüchtlingslagern durchbringen lassen müssen.

Doch dann regte sich Kritik. "Das ist ein Menschenzoo", beschied Kitty McKinsey vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Thailand. Neuseeland erklärte sich schließlich bereit, die Kayanfrauen aufzunehmen. Die thailändische Regierung sperrte sich. "Wer Flüchtling ist, muss auch im Flüchtlingslager leben", sagte sie. Und: "Warum sollen die Langhälse besser behandelt werden als andere?" Da dämmerte auch den Menschen in Huay Pu Keng, dass vielleicht nicht nur reine Menschenfreundlichkeit im Land des Lächelns waltete, als die schmucken Museumsdörfer gebaut wurden.

"Wir merkten, dass wir gar keine Freiheit haben", sagt Ma Pai: "Wir dürfen uns außerhalb des Dorfs nicht erwischen lassen, sonst landen wir für zwei Wochen im Gefängnis. Wir haben keinen Pass und bekommen nur alle paar Monate etwas von den Eintrittsgeldern. Jetzt dürfen wir nicht mal in die Länder, die uns aufnehmen wollen." Die ersten Kayanfrauen nahmen aus Protest ihre Ringe ab und fühlten sich plötzlich wie Sklaven ohne Ketten. Für Frauen wie Ma Pai sind sie zu Heldinnen geworden.

Die Geschäftsleute in Thailands Norden hingegen fürchteten den Aufstand der "Giraffenfrauen" wie die Beachboys den Tsunami: Hoteliers und Reiseveranstalter, Bootseigner und Elefantenführer, Touristenguides und Taxifahrer. Sie sind von den Trekkingtouristen abhängig, weil die nun einmal "indigene Völker" sehen wollen.

Und die Gäste aus Großbritannien, die Besucher aus Spanien? Die fanden ihren Ausflug "fuckin' strange" beziehungsweise "impresionante". Im Großen und Ganzen hielten sie sich auch an die Anweisungen auf den Schildern.