AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 41/2008

Städtebau Steine des Anstoßes

In ganz Europa, vor allem in Deutschland, sind mehrere hundert neue, oft prachtvolle Moscheen geplant. Die Architektur wird zum Austragungsort des erbitterten ideologischen Streits darüber, welchen Platz die westliche Gesellschaft ihren muslimischen Bürgern einräumen soll.


Vor ein paar Minuten stand die junge Architektin Mubashra Ilyas noch auf ihrer staubigen Baustelle, jetzt schreitet sie in eleganten schwarzen Stiefeln durch eine Hinterhofgalerie in Berlin-Mitte. Der Raum füllt sich langsam, Ilyas fällt schon deshalb auf, weil sie als einzige Frau ein Kopftuch trägt.

"Moscheen, Migration und Mythos" sollen hier an diesem Abend diskutiert werden, da will die 30-jährige Architektin nicht fehlen. Von Ilyas stammt der erste Moscheeneubau im Osten Berlins, sogar im Osten Deutschlands, und er ist so gut wie vollendet. Mitte nächster Woche, am 16. Oktober, wird die Eröffnung begangen.

Darum, dass die sogenannten Hinterhofmoscheen bald der Vergangenheit angehören werden, geht es in den nächsten Stunden in der Architekturgalerie, um die Ästhetik der neuen Moscheen, um traditionelle und moderne Stile. Und vor allem darum, dass die Muslime in Deutschland sichtbar werden wollen. Stein auf Stein, Moschee für Moschee, eine gebaute Präsenz im Stadtbild, wie es sie bisher nicht gibt.

Man kann, zu Recht, von einer Konfliktarchitektur sprechen. Denn an ihr wird deutlich, wie groß die Kluft zwischen Mehrheits- und Migrationsgesellschaft ist.

Dass lauter Wahrzeichen des Islam entstehen, könnte die Gesellschaft verändern - und noch weiß keiner, wie. Die einen fordern Gelassenheit angesichts dieser Entwicklung, die anderen warnen vor dem wachsenden Einfluss fundamentalistischer Gruppen. Beide Standpunkte sind nachvollziehbar, das macht jede Auseinandersetzung so heikel.

Kein Land in Europa kann sich der Debatte einfach entziehen. In Deutschland währt die Geschichte der Migration schon 50 Jahre, und nun muss auch die hiesige Gesellschaft mit den zugewanderten Muslimen endlich eine Bevölkerungsgruppe integrieren, deren Glaube ihr fremd geblieben ist. Zugleich darf sie nicht in falschverstandener Toleranz ihre eigenen Werte aufweichen, mit dem Argument der Glaubensfreiheit sogar ideologische Attacken gegen die Grundordnung des Westens hinnehmen. Ebenso wenig aber - und das wird oft vergessen - sind Vorverurteilungen erlaubt. Es wird also eher heikler als leichter, und es steht viel auf dem Spiel: Auch dafür sind Moscheen Symbole.

Mubashra Ilyas wird sich heute Abend nicht in die Debatte einmischen. Sie ist es nicht gewohnt, Fragen zu stellen, dafür umso mehr, welche zu beantworten "und mich als Muslimin verteidigen zu müssen".

In der Galerie diskutieren vor allem Architekten, und darum diskutieren sie vor allem über Architektur, über Ästhetisches. Doch wie die Moscheen aussehen, ist zurzeit fast egal. Die ungeheure Herausforderung, die der Moscheenbau für die europäische Stadtplanung bedeutet, ist eine andere: Sie liegt schlicht darin, dass es diese neuen Gebetshäuser gibt. Wie am deutlichsten am Kölner Moscheestreit zu erkennen war, machen sie einen gesellschaftlichen Wandel konkret sichtbar, mit dem die Bevölkerung längst noch nicht ihren Frieden geschlossen hat.

Der Begriff Moschee bezeichnet einen "Ort des Niederwerfens". Aber den vielen Gegnern der neuen Gebetshäuser erscheinen diese als pure Anmaßung, und sie halten den Blick auf ein Minarett für unerträglicher als die freie Sicht auf die nächste Tankstelle.

Das gilt für Italien und Norwegen, für die Schweiz oder auch für Großbritannien, wo mehr als 270.000 Menschen eine Petition gegen eine erst vage geplante Mega-Moschee unterzeichneten - und es gilt insbesondere für Deutschland, wo die meisten islamischen Gebetshäuser errichtet werden sollen: knapp 200. Auch dieses Land ist nicht gerade arm an Bürgerinitiativen, die gegen das Entstehen neuer Moscheen vorgehen.

An den vielen Versuchen, die Neubauten zu verhindern, zeigt sich, wie auf dem Felde der Architektur ein Konflikt ausgetragen wird, der ansonsten im Verborgenen schwelt. Das Streitmuster ist fast überall dasselbe. Erst werden Eingriffe ins urbane Gefüge verhandelt, da geht es um Standorte und die Höhe von Kuppeln und Minaretten, um 15, 20, 55 Meter, womöglich auch - wie etwa in München - um die ästhetische Konkurrenz mit einer benachbarten Kirche. Dann landet man beim großen Ganzen: bei Hasspredigern, Terroranschlägen, beim Dschihad - und dem Vorwurf, Europa beuge sich mit jedem Minarett der Macht von Mekka.

Mubashra Ilyas ist die Tochter pakistanischer Einwanderer, sie ist in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen, sie hat sich schon während ihres Studiums in Darmstadt mit Moscheen als "Fremdkörpern in der Stadt" beschäftigt. Nun bereitet sie eine Promotion zur Architektur der Gebetshäuser vor. Wegen der Arbeiten auf der Baustelle komme sie nicht so schnell voran wie gewünscht, gesteht sie.



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