Archäologie Pompeji der Steinzeit

Geologen haben am Mondsee in Österreich einen prähistorischen Bergsturz nachgewiesen. Rund 50 Millionen Kubikmeter Geröll stürzten in das Gewässer und erzeugten eine verheerende Flutwelle. Wurde dabei vor 5000 Jahren ein komplettes Dorf aus Pfahlbauten vernichtet?

Pompejis Untergang begann mit einer kleinen Rauchwolke, die aus dem Vesuv schmökte. Tags darauf lag auf dem römischen Villenort ein meterdickes Totenhemd aus Asche. Noch schlimmer wirkte der Riesenmeteorit, der vor 65 Millionen Jahren in den Golf von Mexiko stürzte und allen Dinosauriern den Garaus machte.

Derlei gewaltsame Vorgänge - Mensch und Tier als Spielball zerstörerischer Naturkräfte - erregen von jeher die Phantasie der Nachgeborenen. Manchmal allerdings gestaltet sich die Wahrheit auch weniger dramatisch. Dass die Maya nach Missernten verhungerten und die Paläste der Minoer von dramatischen Fluten zertrümmert wurden, stimmt ebenso wenig wie die Behauptung, Mörder hätten Tutanchamun ein Loch in den Kopf gehauen.

Nun steht ein neues Katastrophenszenario auf dem Prüfstand. Stimmt es, dass schwerer Steinschlag in den Alpen ein vorzeitliches Dorf vernichtet hat? Aufgestellt hat die These der Geologe und Feuersteinexperte Alexander Binsteiner. Betroffen von dem Unglück waren demnach Pfahlbauer, die am Ostzipfel des Mondsees nahe Salzburg lebten. 20 bis 50 Holzhütten, verputzt mit Lehm oder Kuhdung, standen dort auf Stützpfosten am Ufer. Die Frauen trugen Flachskleider, behängt mit Muscheln und Seeschnecken, die Männer Bastponchos und Flipflops. Wer cool sein wollte, mampfte Birkenpech. Es diente als urzeitliches Kaugummi.

Feuchtbodensiedlungen dieser Art gab es im 4. Jahrtausend vor Christus zuhauf. Vielerorts drängten sich im Alpengebiet auf grundnasser Scholle die leicht erhöhten Baracken - vom Lac de Paladru in Frankreich über die Gewässer der Schweiz und Österreichs bis hin nach Slowenien und zum Gardasee.

Die Leute vom Mondsee nahmen in diesem Kulturverbund offenbar eine Spitzenstellung ein. Sie verfügten über ein metallurgisches Wissen, das in Europa noch kaum verbreitet war. Geschickt suchten sie die Berge nach kupferführenden Gängen ab, schmolzen das Roherz in Tonöfen und fertigten aus dem Metall edle, rötlich schimmernde Waffen.

Mit Einbäumen paddelten sie - Indianern nicht unähnlich - über die Flussnetze und verkauften ihre Ware bis in die Schweiz und an die Verwandten am Bodensee. Auch Ötzi besaß eine Axt, hergestellt aus sogenanntem Mondsee-Kupfer.

Irgendwann um 3200 vor Christus, so Binsteiner, wurden die Meisterschmiede jedoch von einer "verheerenden Naturkatastrophe" heimgesucht. Mit dumpfem Knacken kündigte sich das Ganze an. Dann riss die 150 Meter hoch aufragende Steilwand am Südufer des Mondsees auf einer Länge von fünf Kilometern ab und plumpste ins Wasser.

Die geologischen Spuren des Unglücks kamen erst vor kurzem durch Zufall zutage. "Nach einem schweren Sturm sind hier jüngst Hunderte von Bäumen umgeknickt", erklärt Binsteiner. So wurde erstmals der Blick auf den Waldboden frei. Der Forscher steht neben geborstenem Wurzelwerk. Das Gelände ist von schweren Felsbrocken übersät, die sich bis ins Wasser ziehen.

Wochenlang hat der Geologe die Bruchzone untersucht, vergangenen Freitag reichte er beim Bürgermeister der Gemeinde seinen Arbeitsbericht ein. Die abgehende Gesteinsmasse schätzt er auf "50 Millionen Kubikmeter". Die nachfolgende Flutwelle sei in einer Höhe von mindestens fünf Metern auf das Gegenufer zugelaufen und habe die Siedlung überflutet.

"Sehr spannend" findet der führende deutsche Pfahlbaukenner Helmut Schlichtherle die Theorie vom "alpinen Tsunami". Der für die Region zuständige Linzer Archäologe Erwin Ruprechtsberger nennt den Felssturz "eine völlig neue Fährte, die viele Rätsel der Mondseekultur lösen könnte".

"Wir wissen, dass die Siedlungen hier um 3200 vor Christus jäh abbrachen", sagt Binsteiner, "das Gebiet wurde für fast tausend Jahre geräumt, es war menschenleer." Galt es womöglich nach der Katastrophe als verflucht?

In dieser Woche will sich der Bürgermeister der Alpengemeinde bei der Landesregierung um Geld für eine archäologische Grabung bemühen. Womöglich wartet auf die Forscher ein neues, alpines Pompeji.

Solch ein Strahllicht in die ferne Welt der Pfahlbauer wäre bitter nötig. Seit Jahren schon stochern die Archäologen intensiv im Schlick, Froschmänner holen immer neue morsche Pfosten aus dem Wasser. Nach den Gräbern, Tempeln und Götterstatuen der Früheuropäer sucht die Zunft bislang allerdings vergeblich.

Vorliebe fürs Feuchte

Selbst einfachste Grundfragen lassen sich nicht klar beantworten. Warum zum Beispiel zogen die Pfahlbauer auf Landspitzen, Inseln und in die flachen Zonen der Seen? Schon die Anfahrt über morastige Bohlenwege muss genervt haben. Hinzu kamen die Mückenplage, klamme Wäsche und das ständige Glucksen in der Wohnstube. 15 Jahre hielten die Hütten, dann waren sie morsch.

Manche Forscher erklären die Vorliebe fürs Feuchte mit dem Schutzbedürfnis der Bewohner. Die Zeit um 3000 vor Christus sei kriegerisch gewesen, man habe sich hinter immer dickeren Palisaden versteckt. Richtig ist: Im Neolithikum nahm die Arbeitsteilung zu, Unterschiede zwischen Arm und Reich bildeten sich heraus, es kam zu Verteilungskämpfen und Raubzügen.

Oder wurden die Seeufer wegen der guten Verkehrsanbindung gewählt? "Die Flüsse waren die Autobahnen der Steinzeit", meint der Schweizer Archäologe Urs Leuzinger. Mit ihren Booten paddelten die Siedler über die Donau bis ins Schwarze Meer. Sie holten Schmuckschnecken von der Adria und - über Rhein und Elbe - Bernstein aus dem Norden.

So genial das Tauschnetz in dieser Steinzeit-EU war, so schlecht stand es um Ackerbau und Viehzucht. Milch und Käse wurden in den frühen Stelzendörfern kaum hergestellt, Heu war als Tierfutter unbekannt, ebenso Schafwolle zum Kleidermachen. Die Äcker warfen wenig Erträge ab. Der Pfahlbauer ging lieber angeln und Hirsche jagen. Oder er briet sich einen Hund.

Zudem: Überall in den Dörfern lag Abfall herum. Bei Darmdrang erleichterte man sich vom Steg aus. Auch wollte offenbar keiner Geschirr abwaschen. Archäologen fanden Töpfe mit verkrusteten Essensresten und im Ton eingebrannte Fischgräten.

Den Mondsee erreichten die urigen Halbwilden etwa um 3600 vor Christus. Wahrscheinlich kamen sie vom Balkan, darauf deutet ihre mit Kreisen verzierte Keramik hin. Mit Steinbeilen fällten sie Eichen und Weiden und legten die ersten Hausschwellen in den Ufermorast.

An sich war der Platz klug gewählt. Neben dem Dorf floss ein kleiner Bach hinüber zum Attersee und nahm die stinkenden Abwässer und Fäkalien mit. Wegen der eng zusammenlaufenden Hänge wehte hier ständig ein Luftzug wie im Windkanal. Das blies die Kupferöfen an, die Betriebstemperaturen von rund 1100 Grad Celsius brauchten.

Was die Siedler nicht wussten: Am Mondsee wirken tektonische Titanenkräfte. "Das schroffe alpine Kalksteinmassiv des Schafberg-Tirolikums am Südufer drückt gegen die gegenüberliegenden weichen Gesteine des Flysch", fachsimpelt Binsteiner. Millimeterweise schieben sich die Hänge immer steiler empor, bis sie überhängen - und irgendwann abrutschen.

Das geschieht zwar nur alle Jubeljahrtausende einmal. Dann aber sind die Folgen verheerend, wie vergleichbare Bergstürze zeigen. 1958 zum Beispiel plumpste in Alaska eine zackige Felswand in die Lituya-Bucht. Die Welle spritzte 500 Meter hoch. 1963 krachten in den Vajont-Stausee in Norditalien 260 Millionen Kubikmeter abgeplatztes Gestein. Etwa 2000 Menschen starben.

Der Zürcher Geologe Flavio Anselmetti hat sich darangemacht, Spuren von derlei Desastern nachzuweisen. Mit Schall tastete er den Grund des Vierwaldstätter Sees ab und ortete dabei unzählige Steinbrocken, verursacht durch Bergstürze und "subaquatische Rutschungen".

"Um 1000 vor Christus gab es hier eine schlimme Flutwelle", sagt er, "und am Lauerzersee wurde im Jahr 1806 ein Dorf mit 500 Einwohnern vernichtet."

Dass es einst auch am Mondsee krachte, belegen alte Bohrkerne aus dem Sediment. Sie zeigen, dass die Steinlawine den Abfluss des Mondsees verstopfte. Sprunghaft stieg der Pegel um zwei bis vier Meter an.

Nur bei der Datierung hapert es noch. "Bislang weiß man nur, dass sich der Bergsturz irgendwann nach dem Ende der letzten Eiszeit um 10.000 vor Christus ereignete."

Das ist nicht gerade exakt. Vielleicht polterten die Brocken schon talwärts, als am Mondsee überhaupt noch niemand wohnte.

Immerhin kann sich Binsteiners Geröll-Apokalypse noch auf andere Indizien stützen. Bereits 1872 war die Pfahlbausiedlung im Flachwasser entdeckt und brutal mit langen Baggerschaufeln ausgehoben worden. Über 10.000 Artefakte kamen ans Licht. Sie gehören zum Feinsten, was die Jungsteinzeit zu bieten hat.

Schon bei den entdeckten Waffen schlägt der Ort alle Rekorde. 595 Steinbeile, Keulen und "Knaufhammeräxte" holten die Greifer empor. Hinzu kommen 451 abschussbereite Pfeilspitzen sowie ein Dutzend Beile und sechs Dolche aus Kupfer. Diese Metallgeräte dienten in der Jungsteinzeit als edelste Statussymbole, die sich selbst manch ein Fürst nicht leisten konnte.

Warum also lag das teure Arsenal im Dreck? "Bei einem friedlichen Abzug hätte man solche Schätze niemals liegen gelassen", meint der Linzer Archäologe Ruprechtsberger.

Auf ein abruptes Ende deuten auch die unzähligen "inkohlten" Früchte, die im Schlick der Siedlung lagen. Es sind schwärzliche, verhärtete Haselnüsse, Getreideähren und sogar Apfelhälften, allesamt bestens erhalten, weil sie schnell unter Luftabschluss gerieten. Wurden sie durch die Schlammwelle des Tsunamis konserviert?

Angesichts der vielen Verdachtsmomente drängt die Zunft nun auf zügige Aufklärung. "Wir brauchen ein neues großes Grabungsprojekt am Unglücksort", meint Binsteiner. "Vielleicht finden wir hier sogar Mumien."

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