AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Sieben Leben

Wie eine eingemauerte Katze ihrer Herrin zum Glück verhalf

Von


Wie es Bonny gehe? "Gut", flüstert Monika Hoppert und schließt die Wohnungstür leise, "Bonny schläft gerade."

Bonny schläft normalerweise bis halb fünf oder fünf, das wären noch gut vier Stunden von jetzt an, und Monika Hoppert aus Stadthagen in Niedersachsen, 60 Jahre alt und seit dem Tod ihres Mannes, der Katzen immer gehasst hatte, im Besitz zweier Katzen, sagt: "Sie liegt da vorn im Kleiderschrank, das macht sie oft, seitdem es passiert ist."

Monika Hoppert, eine kleine Frau mit kinnlangem, dunklem Haar und einem breiten, warmen Lächeln, zieht den Kleiderschrank vorsichtig auf, und da liegt sie, zwischen Decken und Plastiktüten, Bonny, viereinhalb Jahre alt und pechschwarz.

Bonny hat es, das kann man sagen, nie leicht gehabt in ihrem Leben. Es fing schon bei ihrer Geburt an. Ihre Mutter, eine reinrassige Perserkatze, war fremdgegangen und erwartete nun einen Mischling, aber die Besitzerin wollte keinen Mischling und setzte Bonny aus, in der Nähe von Garbsen.

Bonnys zweite Familie hatte zwei Hunde, die Bonny Angst machten, die dritte Familie besaß vier Kater, das machte es auch nicht besser. Dann kam Bonny zu Monika Hoppert.

Bonnys Leben wurde schöner, eine Zeitlang jedenfalls, und auch ihrer Besitzerin ging es langsam besser; Monika Hoppert hatte noch einen Kater dazugekauft, Gulliver, sie fühlte sich jetzt nicht mehr einsam. Sie hatte auch wieder Beschäftigung, nachdem sie jahrelang jeden Tag im Regionalzug von Bückeburg nach Haste gefahren war, um an den Bahnhöfen die Steige und die Unterführungen zu putzen, und dann, viel zu plötzlich, pensioniert war.

Sie kaufte ein Katzenklo, einen Kratzbaum, später einen ganzen Kratzbaumpark, und wenn Monika Hoppert am Morgen Frühstück machte, deckte sie unter dem Tisch zwei Sets für die Katzen und servierte ihnen einen Happen Thunfisch. Tagsüber spielte Bonny viel mit Gulliver, sie waren wie ein Liebespaar, sagt Monika Hoppert.

Dann kam der Wasserrohrbruch.

Setzte die Küche unter Wasser, und den Herrmanns, die eine Etage tiefer wohnten, durchspülte es die Decke, auch die im Badezimmer.

Also kamen viele Handwerker in das Mehrfamilienhaus, stemmten und hämmerten, später kam auch ein Klempner. Die Wohnungstüren standen immer weit offen. An einem Freitag im Juni, zehn Tage nach dem Rohrbruch, war Bonny verschwunden.

Monika Hoppert suchte sie überall. Erst nur in der Wohnung, dann unten bei den Herrmanns, sie stieg auf das Fahrrad und fuhr durch die Straßen und rief in die Gärten nach Bonny.

Auch am Abend ging Monika Hoppert hinaus, es war die Zeit während der EM. In einer Garage saßen die Nachbarn zusammen und sahen die Spiele, und immer fragten sie, ob Bonny zurück sei. Aber immer schüttelte Monika Hoppert den Kopf, und nach vier Wochen beendete sie die Suche.

Nach sieben Wochen klingelte es an ihrer Wohnungstür. Es war Frau Herrmann. Sie sagte, sie habe beim Duschen das Miauen einer Katze gehört, unter der Wanne, und ein Kratzen am Mörtel. "Jede Katze hat einen anderen Ton", sagt Monika Hoppert. Als sie vor der neuen weißen Wanne der Herrmanns stand, wusste sie sofort, dass es Bonny war, denn Bonny miaut nicht, sie piept.

"Wie kommen wir da jetzt dran?", fragten sich die Frauen. Sie erinnerten sich an den Klempner, einen starken Mann, hemdsärmelig, der die Wanne angeschlossen hatte und der, als alles fertig war, eine Abdeckung aus Plastik davorgesetzt hatte. Der Klempner kam dann schnell, löste die Abdeckung, blickte dahinter und sagte: "Die ist tot."

Aber Bonny war nicht tot. Sie saß zwischen dem Kalt- und dem Warmwasserrohr, abgemagert von sieben auf zwei Kilo, aber sie atmete.

Viele Haare lagen um sie herum, sonst nichts, kein Kot, kein Urin. Davon werde sie sich ernährt haben, möglicherweise auch noch von Kondenswasser, sagte später die Tierärztin, die das alles für ein Wunder hält, weil Katzen zwei Tage ohne Wasser leben können und vielleicht zwei Wochen ohne Fressen, im Höchstfall. Sie versuchte, eine Infusion mit Kochsalzlösung zu legen, denn das Tier war schwach, aber die Ärztin fand keine Ader. Es sei besser, die Katze einzuschläfern.

Wieder schüttelte Monika Hoppert den Kopf. Sie dachte, wenn Bonny jetzt stirbt, dann ist es meine Schuld.

Zu Hause gab sie Bonny Thunfisch, zwängte der Katze das Futter durch den Schlund, denn sie wollte erst nicht fressen. Nachts stellte sie sich die Eieruhr, so, wie gute Mütter es tun würden für ihr krankes Baby, stündlich stopfte Monika Hoppert nach. In der dritten Nacht fraß Bonny allein und trank Milch.

Sie musste auch das Laufen neu lernen, Monika Hoppert schob sie dazu mit beiden Händen durch die Wohnung.

Am fünften Tag lief Bonny allein. Am sechsten Tag ging sie auf das Katzenklo. Am siebten Tag saß sie auf dem Sofa, am achten auf dem kleinen Kratzbaum. Mittlerweile wiegt Bonny wieder vier Kilo, alles ist wie vorher - beinahe.

Bonny ist ängstlicher geworden, sagt Hoppert, sie spielt nicht mehr, sie und Gulliver sind kein Liebespaar mehr, und Bonny schläft viel.

So beschloss Monika Hoppert, wieder zu arbeiten, sie hatte ja Zeit. Sie putzt jetzt die Tourismusecke und das Trauzimmer in der Stadtverwaltung, die Arbeit tue ihr gut, da treffe sie Leute, vielleicht sei es auch das, was ihr eigentlich gefehlt habe, sagt sie.

Es gehe ihr endlich wieder richtig gut.



© DER SPIEGEL 43/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.