AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2008

Tierzucht Ferngesteuerte Fische

2. Teil: Mit dem Aquapod zur Hochsee-Fischfarm


Die Schmarotzer sind inzwischen von den Farmlachsen auf die Wildlachse übergegangen, so das Ergebnis einer unlängst im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichten Studie. Demnach sind die freilebenden Populationen der imposanten Buckellachse bereits schlimm verlaust: Die Bestände könnten in vier Generationen dahingerafft sein.

Manche Experten glauben, dass solche Probleme lösbar wären, wenn man die Aquakulturen auf hoher See errichten würde. Dort herrschen starke Strömungen, welche die Anlagen mit frischem Wasser versorgen und den Ausbruch von Seuchen verhindern.

Eine für die mobile Fischfarm benötigte Gerätschaft hat der Ingenieur Cliff Goudey vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge erfunden. Es ist ein runder Käfig, 20 Meter im Durchmesser - und ausgerüstet mit zwei Schiffsschrauben.

Goudey ist erst kürzlich aus Puerto Rico zurückgekehrt. Aufgekratzt erzählt er in seinem Büro am MIT, wie er den "Aquapod" getestet hat. Seine Videoaufnahmen zeugen von einer aufregenden Tauchfahrt: Gelbe Schiffsschrauben schieben den Käfig wie ein Raumschiff durch das blaugrüne Wasser. In seinem Innern schwimmen Seebrassen umher.

"Unsere Tests haben gezeigt, dass es technisch machbar ist, einen Käfig aus der Ferne zu steuern", sagt Goudey. Allerdings sei der Aquapod noch nicht ausgereift: Den Strom für die 6-PS-Motoren liefert derzeit ein Dieselgenerator, der in einem Boot über dem Käfig dümpelt. Goudey zufolge muss der Generator noch durch einen Antrieb ersetzt werden, der seine Energie aus Wind, Wellen oder Sonne gewinnt.

Dann aber wäre der Aquapod seetauglich und autonom: Man würde den Käfig, bestückt mit Jungfischen, aufs Meer hinausfahren, in eine günstige Strömung manövrieren und den Motor ausstellen. Vom Büro aus könnte der Fischfarmer seine Schützlinge mit Kameras und Navigationssystem überwachen. Den ferngesteuerten Käfigantrieb schaltet er nur in Ausnahmefällen an, etwa für eine Kurskorrektur oder um einen Wirbelsturm zu umschiffen.

Ein vor Trinidad ausgesetzter Käfig mit kleinen Seebrassen wäre neun Monate bis nach Miami, Florida, unterwegs. Die bis dahin ausgewachsenen Seebrassen könnten lebend oder schlachtfrisch verkauft werden. 30 bis 60 Tonnen Fisch ließen sich aus einem Aquapod ernten - pro Kubikmeter wären das 10 bis 20 Kilogramm Fisch.

Das Experiment läuft noch

Um diese Ausbeute zu erreichen, müssten die Fische jedoch gefüttert werden. Technisch könnte man das zwar mit einer speziellen Futterboje bewerkstelligen; jedoch wäre das teuer und würde ein Kardinalproblem der Aquakultur nicht lösen. Denn Mastfische werden in aller Regel mit Pellets gefüttert, die ihrerseits aus Fischen hergestellt werden. Um etwa ein Kilogramm Thunfischfleisch zu produzieren, braucht man bis zu 20 Kilogramm Futterfische - und die werden wie bisher mit gewaltigen Netzen vom Grund des Ozeans geräumt.

Genau hierin sieht Scott Lindell den Vorteil der pawlowschen Fische. Um die Erinnerung an die Essensglocke wach zu halten, bekämen diese nur einmal pro Monat ein wenig Futter, würden sich ansonsten aber auf nachhaltige und natürliche Art und Weise im Meer ernähren.

Ob das seinen Schützlingen im Atlantik tatsächlich gelungen ist, wird der Meeresbiologe bald erfahren. Ende Oktober, wenn das Wetter vor Neuengland zu kalt und unberechenbar wird, erklingt die Essensglocke das letzte Mal; dann geht es an die Auswertung des Experiments. Die wichtigsten Daten liefert eine Unterwasserkamera. Den ganzen Sommer lang hat sie gefilmt, wie viele Fische jeweils auf den akustischen Reiz hin herbeigeschwommen sind.

Einiges spricht für eine hohe Rückkehrerquote. Die Zackenbarsche sind von Natur aus ortsfest und dürften sich nicht allzu weit entfernt haben. Der Lockton, obwohl hundertmal leiser als ein Außenbordmotor, ist für sie noch in einer Entfernung von 800 Metern zu hören.

Vielleicht aber ist es den Dressur-Fischen doch nicht so gut ergangen. In dem Gebiet leben nämlich räuberische Blaufische - und womöglich haben auch die mittlerweile gelernt: Sie brauchen nur einem merkwürdigen Summton zu folgen und stoßen dann auf ganz viele Barsche, an denen sie sich satt fressen können.



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