AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Der Aufsteiger

Wie ein Amerikaner seinen Gartenstuhl zum Fliegen brachte

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Kent Couch glaubt an Gott und an hartgekochte Eier, er glaubt ans freie Unternehmertum und an die Tugend frühen Aufstehens. Um kurz vor fünf Uhr jeden Morgen klingelt sein Wecker, eine halbe Stunde später ist er an seiner Tankstelle in Bend, Oregon, im Nordwesten der USA.

Kent Couch: Am Gartenstuhl wassergefüllte Kanister befestigt
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Kent Couch: Am Gartenstuhl wassergefüllte Kanister befestigt

Er sitzt im Bistro, blickt auf die Zapfsäulen und frühstückt, immer zwei Eier, hartgekocht, eine Tasse Kaffee, etwas Milch, niemals Zucker. Die ersten Kunden fahren vor. Couch beobachtet, wie sie tanken, wie seine Angestellten die Windschutzscheiben putzen, Luft prüfen, freundlich sind. Das Geschäft läuft gut; aber in seinen Gedanken ist er ziemlich oft ziemlich weit weg.

In seinen Gedanken sitzt er in einem Gartenstuhl und fliegt - fliegt nicht metaphorisch, denn er ist kein Dichter, sondern im Tankstellengeschäft, deshalb fliegt er buchstäblich, schwebt etwa über den Ayers Rock in Australien, 868 Meter über dem Meeresspiegel, glutrot im Abendlicht.

Kent Couch, Besitzer einer Tankstelle, 48 Jahre alt, hat einen tollkühnen Kindertraum, eine Mission auf Erden: sie zu verlassen. Und dazu setzt Couch sich, so wie neulich, gern in einen Gartenstuhl, an den über hundert Luftballons gebunden sind, gasgefüllt. Ich bin dann mal weg.

An jenem Sonnabend stand Couch noch früher auf als sonst, hatte gefrühstückt, das Übliche, als um vier Uhr morgens die Helfer eintrafen, Freunde, Bekannte, 55 Helfer in grünen T-Shirts. Gegen sechs Uhr waren 154 Heliumballons bereit, jeder auf einen Durchmesser von mehr als einem Meter gefüllt und an den grünen Gartenstuhl geknotet. Auf den T-Shirts der Helfer stand "Dream Big".

Noch war der Gartenstuhl am Boden verankert.

Die Ausrüstung des Kent Couch: Höhenmesser, Satellitentelefon, Dörrfleisch. Navigationsgerät. Decke, Fallschirm, Leuchtfeuerpistole, Schokolade. Gewehr. Und hartgekochte Eier; Couch würde wahrscheinlich nicht sein Leben riskieren, wenn er nicht wenigstens hartgekochte Eier dabei hätte. Am Gartenstuhl waren wassergefüllte Kanister befestigt.

700 Schaulustige waren gekommen. Um 6.41 Uhr saß Couch in seinem Gefährt, die Seile wurden gekappt. Helium, ein seltenes Edelgas, nur zu 0,00046 Volumenprozent in der Atmosphäre vorhanden, ist ungefähr siebenmal leichter als Luft. Die Ballons zogen Couch sanft in die Höhe, etwa dreimal so sanft wie ein Hochhausfahrstuhl.

Um 7.24 Uhr befindet er sich bereits in 5067 Meter Höhe, als es geschieht.

Ein Knall, scharf, ohrenbetäubend.

Ein Ballon ist geplatzt, Couch erschrickt, der Gartenstuhl gerät in Schieflage, Couch reißt es fast aus seinem Gefährt. Couch verschiebt die Ballons, drückt und rückt sie zurecht, arbeitet hart, den schaukelnden Gartenstuhl zu stabilisieren, schafft es.

Höher darf er nicht steigen, die Lektion hat Couch jetzt gelernt, sonst platzen zu viele Ballons, sonst droht der Absturz.

Weiterfahren. Und Balance halten. Das ist erst mal das Wichtigste. Jetzt - und in den folgenden 8 Stunden und 27 Minuten.

Die Flugbahn, die Kent Couch bis zum Ort Cambridge, Bundesstaat Idaho, zurücklegen wird, ist ein einziger Balanceakt: Nicht zu hoch, nicht zu tief, ständig pendelt er aus, zerschießt Ballons mit seinem Gewehr, wenn die Aufwinde ihn zu hoch tragen; lässt Wasser aus den Kanistern ab, wenn er unter 3350 Meter sackt. Ein Höhenmesser ist Gold wert, wenn man im Liegestuhl Amerika überfliegt.

Manchmal, ganz leise, Geräusche. Etwas, was klingt wie eine Autotür. Ansonsten: weiches Schweben mit dem Wind, Wolkenfetzen, eine winzige Eisenbahn dort unten. Wäre Couch ein Dichter, könnte er wahrscheinlich Sonette verfassen, so sagt er: "Es war unbeschreiblich."

Der Einfall kam Couch vor fünf Jahren. Im Wissenschaftssender Discovery Channel sah er eine Sendung, in der analysiert wurde, dass eine Luftballonfahrt möglich sei - theoretisch.

Meldung aus der "Welt"

Meldung aus der "Welt"

Weil Couch jedoch zum Praktischen tendiert, außerdem Geduld aufbringen kann, außerdem einen Kumpel hat, einen mathematisch begabten Althippie, der ihm bei den Kalkulationen half, versuchte er es halt. Zweimal misslang der Start, dies ist der dritte Versuch.

Um halb vier am Nachmittag, er schwebt über den Kartoffelfeldern von Idaho, entschließt er sich zur Landung. Günstige Topografie, viele Felder, wenige Strommasten. Er knallt vier weitere Ballons ab, schwebt auf eine Wiese. Leute kommen gelaufen. Man küsst ihn, haut ihm auf die Schulter, reicht ihm eine Dose Budweiser. Knapp 400 Kilometer hat er zurückgelegt.

Kent Couch aus Bend, Oregon, glaubt an Gott, an die Tugend frühen Aufstehens und daran, dass Träume wahr werden können. Seine Frau, die zeitweise nicht wusste, ob sie ihn für kindisch oder verrückt halten sollte, hat sich sehr deutlich gegen weitere Flüge ausgesprochen. Ausnahme: Australien, Ayers Rock, der rote Berg; sollte Kent den überfliegen, will sie mit. Also steht er jeden Morgen früh auf, fährt zur Tankstelle, isst seine Eier und macht so seine Pläne.



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