AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2008

Eishockey Die letzte Eiszeit

von Cathrin Gilbert

2. Teil: Alles hat mit einer leichten Verspannung im Nacken begonnen



Begonnen hat alles im Herbst 2006 mit einer leichten Verspannung im Nacken. Müller hat das damals nicht ernst genommen, Gehirnerschütterungen sind nichts Besonderes im Eishockey. Doch das Ziehen im Nacken wurde stärker, es kroch hoch in seinen Kopf, die Schmerzen dröhnten und ließen ihn erbrechen wie bei einem Migräne-Anfall.


Er spielte damals in Mannheim und war einer der besten Torhüter im Land. Während die Vereinsärzte begannen, nach den Ursachen der Kopfschmerzen zu suchen, lernte seine Umgebung neue Wesenszüge an ihm kennen. Robert wurde ruhiger, antwortete kaum, manchmal brauste er grundlos auf oder war einfach nur lustlos. "Um auszuschließen, dass es was Schlimmeres ist", so sagt es Müller, "haben sie mich dann in die Röhre geschoben."

Am 13. November 2006 bezog Robert Müller das Zimmer 229 auf der Station für Neuroonkologie in der Heidelberger Kopfklinik. Einen Tag später sägte der Neurochirurg Andreas Unterberg Müllers vordere Schädeldecke in einem Bogen oberhalb der Stirn auf. Er entfernte den Tumor so großflächig wie möglich und ließ das Gewebe untersuchen.

Als Robert Müller aufwachte, erklärten ihm die Ärzte, dass er einen schnell wachsenden Tumor im Stirnhirn trage. Der Chirurg habe ihn nur teilweise entfernen können, weil jeder weitere Vorstoß eine gravierende Veränderung der Persönlichkeit bewirkt hätte.

Schon damals, sagt Wick, sei es nur noch darum gegangen, das Leben seines Patienten zu verlängern.

Gemeinsam entschieden sie sich für eine Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie für Müller, um den Rest des Tumors zu bekämpfen. "Man muss sich den Tumor wie ein Pilzgeflecht vorstellen", sagt Wick. "Die Pilze, die wir auf den Kernspinbildern erkennen können, sind nur die Fruchtkörper." Das Wesentliche spiele sich unsichtbar im Waldboden ab. Er habe sofort gewusst, dass Müllers Stirnhirn voller Tumorzellen sitzt. "Leider", sagt er leise.

Fragt man Robert Müller, wie es ihm geht, antwortet er: "Gut." Es ist schwierig, mit ihm über seine Krankheit zu sprechen. "Ich bin keiner, der über seine Gefühle redet, das war ich noch nie, und außerdem ändert es nichts an der Diagnose." Robert Müller, sagt Wick, sei kein Patient, der nach dem Warum frage. Und auch nicht nach dem Wie-lange-noch.

Er war 3, als er das erste Mal auf dem Eis stand, mit 17 bekam er seinen ersten Vertrag beim EHC Klostersee, mit 18 spielte er in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft. Eishockey-Torwart, das ist sein Beruf. Was Müller wissen wollte von seinem Arzt: Kann er zurück aufs Eis? Und wann?

Zehn Tage nach dem Eingriff verließ er die Heidelberger Klinik, acht Wochen nach der Operation begann er mit dem Training. Einen Monat später, im Februar 2007, feierte er sein Comeback beim All-Star-Game in Mannheim, einem Einladungsspiel, für das die Deutsche Eishockey Liga einmal im Jahr die besten Spieler beruft.

Während er schon wieder trainierte und für die Adler auf dem Eis stand, begann fünf Monate nach der Operation die Chemotherapie. Temodal heißt das Medikament aus den USA, das Wick ihm gab, um die weitere Teilung der Krebszellen zu verhindern. Die Behandlung erstreckte sich über mehrere Monate, fünf Tage lang täglich drei bis vier Kapseln, dann 23 Tage Pause, damit sich der Körper entgiftet, und dann wieder von vorn.

Müller spürte keine Nebenwirkungen. Von den Bestrahlungen und von der Chemotherapie spricht er wie andere von der Krankengymnastik. Er konnte trainieren und fühlte sich bald schon so fit wie vor der Operation. Ein Tumor im Hirn mag die Persönlichkeit eines Patienten verändern, aber Müller war immer noch in der Lage, Pucks zu fangen, die mit 140 km/h auf ihn zurasen. Patienten mit einem Gehirntumor können durchaus Leistungssport treiben, sie können sogar unter den besten Eishockey-Torhütern Deutschlands sein.

Das Gute an dem Krebs von Müller ist, dass er ihm keine Schmerzen bereitet. Das Tückische ist, dass man den Feind im Körper unterschätzt.

Die Adler Mannheim setzten ihn kaum ein, nur dreimal durfte er noch in der Saison 2006/07 aufs Eis. Im Finale forderten die Mannheimer Fans seinen Einsatz, 31 Sekunden vor Schluss kam er ins Tor. 31 Sekunden, eine Geste, mehr nicht. In der Sommerpause holten die Mannheimer einen neuen Torwart. "Das war der schlimmste Schmerz während meiner ganzen Krankheit", sagt Müller.

Die Mannheimer ließen ihn kaum spielen, weil ihnen das Risiko zu groß war. Müller hatte vor seiner Operation einen epileptischen Anfall erlitten, kurz danach einen zweiten. "Kein Arzt konnte uns zu 100 Prozent sagen, ob das nicht wieder passiert", sagt Daniel Hopp, der die Adler seit 1998 managt. "Stellen Sie sich vor, er bekommt während eines Spiels einen Anfall - vor 12.000 Zuschauern in der Halle, live im Fernsehen, und kein Spezialist in der Nähe." Niemand in Mannheim fühlte sich in der Lage, die Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie wollten ihn schützen, nicht abschieben, aber Müller wollte keinen Schutz.

Im Oktober 2007, nach nur fünf Einsätzen in der neuen Saison, wechselte er zu den Duisburger Füchsen, einem Team, das keine Chance hat, um die Meisterschaft mitzuspielen, aber Müller wollte wieder in Form kommen. Er wurde sofort eingesetzt, zwölfmal spielte er für die Füchse, bis ihn die Kölner Haie verpflichteten, eine Top-Mannschaft der Liga.

Im Eishockey gibt es keine Transferperioden wie im Fußball. Jeder Spieler kann von einem Tag auf den anderen den Verein wechseln. Die Kölner riefen ihn am Nikolausabend an, weil der damalige Torwart den Verein verlassen wollte. Am Morgen danach unterzeichnete Müller seinen neuen Vertrag. "Natürlich wusste ich, dass er an Krebs erkrankt war", sagt Kölns Geschäftsführer Thomas Eichin, der als Fußball-Profi 180 Bundesligaspiele für Borussia Mönchengladbach bestritten hat, "aber die genaue Diagnose war mir zu diesem Zeitpunkt egal." Er sei fit gewesen, "und ehrlich gesagt habe ich mich auch nicht für irgendwelche Überlebensstatistiken interessiert".

Müllers Verpflichtung war ein Erfolg, er bekam nur wenige Gegentore, die Krankheit war kaum mehr ein Thema. Die Haie qualifizierten sich für die Play-offs, im Viertelfinale trafen sie ausgerechnet auf die Mannheimer Adler, Müllers früheren Verein. In den Wochen zuvor waren wieder Geschichten zu lesen von dem Eishockey-Torhüter, der den Krebs besiegt habe und in die Nationalmannschaft zurückgekehrt sei, und auch darüber, dass die Mannheimer ihn wohl hätten fallenlassen.



© DER SPIEGEL 46/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.