AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 46/2008

Eishockey Die letzte Eiszeit

von Cathrin Gilbert

3. Teil: "Uns fehlen Typen wie Robert"



Im Play-off-Viertelfinale muss ein Team vier Siege haben, um sich für die nächste Runde zu qualifizieren. Nach zwei Spielen stand es 1:1, das dritte Spiel fand in Köln statt, es dauerte insgesamt sechseinhalb Stunden, die beiden Teams lieferten sich eine Schlacht vor 17.000 aufgeputschten Zuschauern, die Schilder mit einer 80 hochhielten, der Trikotnummer von Robert Müller. Das Spiel dauerte so lange, dass Kölner Betreuer mit dem Fahrrad zum Trainingszentrum in der Nachbarschaft der Kölner Arena fuhren, um die erschöpften Spieler beider Mannschaften mit Müsliriegeln, Coca-Cola und Energy-Drinks zu versorgen. Die Kölner siegten schließlich 5:4. In der amerikanischen Eishockey-Liga gab es im Jahr 1936 mal eine Partie, die länger dauerte. Köln gegen Mannheim am 22. März 2008 war ein Jahrhundertspiel, und im Tor stand Robert Müller, ein tumorkranker Profi.


Normalerweise bekommt ein Torhüter in 60 Minuten 30 Schüsse aufs Tor, in diesem Spiel waren es 100. "Eishockey bis zum Umfallen", schrieb der "Kölner Stadt-Anzeiger". Müller fiel nicht. Es war sein Sieg, es war das Spiel seines Lebens, und als die Kölner in Mannheim das vierte Spiel gewannen, riefen draußen vor dem Stadion ein paar Adler-Fans: "Wärst du besser nicht gesund geworden."

Am Ende der Saison wurde Köln Vizemeister. Dank Müller, dem besten Torhüter der Liga.

15 Wochen nach dem verlorenen Finale gegen die Eisbären musste Robert Müller zu einer Routine-Untersuchung nach Heidelberg. Er fühlte sich gesund, wie immer, er war gut gelaunt, beinahe hätte er den Termin vergessen. Keine Schmerzen, keine Beschwerden, sein letzter epileptischer Anfall lag da fast zwei Jahre zurück.

Doch der Kernspin zeigte eine neue Geschwulst, die in nur wenigen Tagen um das Achtfache gewachsen war. Am 18. August wurde Müllers Schädel ein zweites Mal aufgesägt. Sein Arzt Wick sagt, dass Krebspatienten in so einer Situation oft sehr stark reagierten, wütend werden oder traurig oder beides. Robert Müller, sagt Wick, habe nur kurz geschluckt, aber keine Fragen gestellt.

Seitdem wissen auch die Kölner, wie es wirklich steht um Müller. "Aber das ändert nichts", sagt Geschäftsführer Eichin. Anders als die Mannheimer haben die Kölner einen neuen Torwart nur als Zwischenlösung verpflichtet, der Vertrag läuft bis Ende November. Sollte Müller länger brauchen, werde der Vertrag des Ersatzmanns um vier Wochen verlängert, sagt Eichin. "Ich weiß, dass Robert zurückkommt."

Eichin braucht Müller. Die Kölner haben bisher nur 7 von 19 Spielen gewonnen, sie stehen auf dem zwölften Tabellenplatz. "Uns fehlen Typen wie Robert", sagt Eichin. Er müsste nach einem neuen Torwart suchen, aber er hat Müller versprochen, dass er wartet.

Und wenn es nicht klappt mit dem Comeback?

"Darüber denke ich nicht nach", sagt Eichin.

Robert Müller ist ein Fänger. Er hat gelernt, Dinge festzuhalten. Ein Torwart hält den Puck, er verteidigt die Führung auf dem Eis, ein Torwart verhindert, dass etwas passiert. Nun hält er einfach fest an seinem Plan. Er will zurück aufs Eis, er hat es ja schon einmal geschafft. Nichts wird ihn aufhalten, auch nicht, dass jetzt alle wissen, wie krank er wirklich ist.

Vor knapp zwei Wochen hatte er einen leichten epileptischen Anfall, den ersten seit November 2006, für ein paar Minuten konnte er seine Zunge nicht mehr bewegen. Am selben Tag zeigte eine neue Kernspintomografie, dass sich die Reste der im August operierten Geschwulst trotz Strahlen- und Chemotherapie nicht zurückgebildet haben, wie Wick sich das erhofft hatte.

Das Problem sei, sagt der Arzt, dass die Zellen bereits gegen alle Formen der Therapie resistent seien. "Aber ich werde ihn nicht daran hindern, zurückzukehren in den Sport."

Robert Müller hat sich entschieden, zu Hause in Rosenheim ein Haus zu kaufen für seine Frau und seine beiden Kinder. Er ist 28 Jahre alt, trainiert jetzt jeden Tag, im Wald oder auf dem Eis. Seine Reflexe sind noch nicht wieder da, seine Bewegungen zu langsam, der Weg zurück aufs Eis sei lang, sagt er. Er weiß auch nicht, ob es reicht.

Wie geht es Ihnen, Herr Müller?

"Gut", sagt er.



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