AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 47/2008

Spionage Dicker Fisch

Ein estnischer Regierungsbeamter hat offenbar jahrelang intimste Geheimnisse von Nato und EU an Russland verraten. Für Brüssel ist der Fall eine Katastrophe.

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Die Kommunikation zwischen dem mutmaßlichen Top-Spion und seinem Führungsoffizier verlief wie einst im Kalten Krieg. Um Nachrichten mit seinem russischen Kontaktmann auszutauschen, nutzte Herman Simm, 61, laut Ermittlern ein umgebautes Radio, das auf den ersten Blick nichts zu sein schien als ein altmodisches Relikt aus der Welt der Unterhaltungselektronik von gestern. Doch das, was der graumelierte Este Simm, ein wichtiger Beamter im Verteidigungsministerium von Tallinn, offenbar über Jahre Richtung Moskau transferierte, war höchst aktuell.

Nato-Hauptquartier in Brüssel: "Historischer Schaden"
AP

Nato-Hauptquartier in Brüssel: "Historischer Schaden"

Die bislang weitgehend unter Verschluss gehaltene Geschichte des mutmaßlichen Spitzels, der am 21. September in seinem Haus zusammen mit seiner Frau Heete verhaftet wurde, spielt in der estnischen Hauptstadt Tallinn - aber sie betrifft vor allem die Europäische Union und die Nato in Brüssel. Weil Simm in Tallinn zuständig war für den Umgang mit geheimen Verschlusssachen, hatte er Zugang zu nahezu allen Dokumenten, die innerhalb der EU und der Nato ausgetauscht wurden. Auf diese Weise sei "praktisch alles" an den russischen Auslandsgeheimdienst SWR abgeflossen, was zwischen den Mitgliedstaaten kursiert, vermutet ein mit dem Vorgang vertrauter Beamter - wohl bis hin zu vertraulichen Analysen der Nato zur Kosovo-Krise, dem Georgien-Krieg und zum Raketenabwehrprogramm. Simm, glaubt ein Beamter, sei ein "dicker Fisch".

Mittlerweile sind mehrere Ermittlerteams von EU und Nato nach Tallinn geflogen, um den geheimdienstlichen GAU umfassend aufzuklären, federführend ist die Sicherheitsabteilung der Nato, die von einem US-Beamten geleitet wird. Je mehr die Fahnder herausfinden, desto größer wird die Dimension des mutmaßlichen Verrats. Von einer "Katastrophe" spricht ein deutscher Regierungsbeamter, einen "historischen Schaden" fürchtet der estnische Abgeordnete Jaanus Rahumägi, der das Parlamentarische Kontrollgremium für die Sicherheitsbehörden leitet. In Brüssel macht der Vergleich mit Aldrich Ames die Runde, den der russische Geheimdienst KGB jahrelang in der CIA plaziert hatte. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat es keinen Spionageskandal mit derart flächendeckenden Auswirkungen mehr gegeben.

Der Fall ist ein Exempel dafür, wie verwundbar die Ausweitung von Nato und EU nach Osteuropa die Allianz gemacht hat. Als der Beschluss gefallen war, dass der 1,3-Millionen-Einwohner-Zwergstaat Estland und sechs weitere Länder 2004 der Nato und der EU beitreten sollten, jubelte der damalige deutsche Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) über den großen "Schritt auf dem Weg zu einem ungeteilten und freien Europa, zu mehr Sicherheit" und zu "einer gestärkten Nato".

In Tallinn wird nun die Kehrseite der politischen Erfolgsstory sichtbar. Estland wird innerhalb des Bündnisses, was sensible Informationen betrifft, kaum anders behandelt als etwa Italien oder Deutschland. Für eine Großmacht wie Russland, die die Nato von jeher ablehnt und die politische Ausdehnung der EU nach Osten mit Misstrauen betrachtet, ist der Umweg über das Baltikum ein perfektes Entree, um mit überschaubarem Risiko bis ins Herz von Brüssel vorzustoßen. Mit Simms Hilfe gelang das offenbar mühelos.

Die Ermittler gehen mittlerweile davon aus, dass Simm bereits Ende der achtziger Jahre Kontakt zum russischen Geheimdienst unterhielt. Estland strebte seinerzeit bereits nach Unabhängigkeit, es war absehbar, dass Moskau das Baltikum verlieren würde. Nun ging es darum, Einfluss zu sichern. "Richtig wurde Simm Mitte der neunziger Jahre von der russischen Regierung geworben", glaubt Parlamentarier Rahumägi, als erstmals die Nato-Mitgliedschaft Estlands diskutiert wurde. Einiges spricht dafür, dass es anfangs eine eher lockere Beziehung war, womöglich führte der KGB-Nachfolger SWR Simm als "Schläfer".

Und der machte steile Karriere: 1994 wurde er estnischer Polizeichef, später wechselte er als Abteilungsleiter ins Verteidigungsministerium, wo er verantwortlich für die geheime Koordination mit Nato und EU zeichnete. 2004, nach dem Beitritt Tallinns, hatte er damit eine Position inne, die für Moskau Gold wert war.

Ob Geld für Simm ein mögliches Motiv war, ist derzeit noch unklar. Auffallend ist, dass der leitende Ministerialbeamte aus Tallinn ein halbes Dutzend Grundstücke und Immobilien besitzt, darunter einen Bauernhof in der Nähe der Ostsee und ein weiß getünchtes, hochwertig saniertes Domizil im Städtchen Saue bei Tallinn, das die Ermittler zu beobachten begannen, als sich vor einigen Monaten die Hinweise auf Simms mutmaßlichen Kontaktmann verdichteten. Nach Angaben der estnischen Staatsanwaltschaft, die Anfang 2009 Anklage erheben will, handelt es sich um einen SWR-Offizier, der mit einem gefälschten europäischen Pass umherreiste, angeblich getarnt als Spanier.

Der Nato ist nun vor allem daran gelegen, "die Handschrift der Russen zu entschlüsseln", wie es in Brüssel heißt. Anschließend soll der Fall zu weitreichenden Konsequenzen für den Umgang mit klassifiziertem Material innerhalb der Allianz führen - und zu einer umfangreichen Suche nach weiteren Löchern in Osteuropa. "Man muss davon ausgehen", sagt ein Beamter, "dass der russische Geheimdienst in den baltischen Republiken noch einige Simms führt."



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