AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2008

SPIEGEL-Gespräch "Mafia ist immer großes Drama"

Die in Venedig lebenden Autorinnen Petra Reski und Donna Leon über Kriminalität in Italien und Deutschland, die heimliche Macht der Frauen im organisierten Verbrechen und die Liebe zu ihrer schwierigen Wahlheimat.


SPIEGEL: Frau Leon und Frau Reski, Sie beide schreiben über die Mafia. Das kann durchaus unangenehm werden. Sie, Frau Reski, sind von drei Leuten, denen Sie in Ihrem gerade erschienenen Sachbuch Nähe zum organisierten Verbrechen attestieren, verklagt worden. Bei zwei Verfahren ergingen Ende vergangener Woche die Urteile. Bei einem bekamen Sie vollständig Recht, beim zweiten teilweise. Die dritte Verhandlung steht noch aus. Was lernen Sie aus den Scherereien - Finger weg von der Mafia?

Beobachterinnen bei einer Beerdigung von Mafia-Opfern im kalabrischen San Luca: "Die Mütter bestimmen alles"
AP

Beobachterinnen bei einer Beerdigung von Mafia-Opfern im kalabrischen San Luca: "Die Mütter bestimmen alles"

Reski: Nein, ich lasse mich nicht einschüchtern.

SPIEGEL: Haben Sie zu leichtfertig Anschuldigungen in die Welt gesetzt?

Reski: Ich kann sehr gut zu meinem Buch stehen. Alles ist mit Dokumenten belegt. Was mich aber eigentlich schockiert: wie sicher sich die Mafia im deutschen Rechtssystem fühlt.

SPIEGEL: Es heißt, Sie wurden bei einer Lesung in Erfurt bedroht. Wie hat man sich das vorzustellen?

Reski: Wenn jemand während meiner Lesung aufsteht und dreimal sagt, wie sehr er meinen Mut bewundert, sich über den und den zu äußern, und wenn ein anderer mich als Mafiosa tituliert, dann ist die Botschaft eindeutig.

SPIEGEL: Klingt erst mal sonderbar.

Reski: Die typische Mafia-Sprache klingt immer harmlos. In Italien sagt man: Wer versteht, versteht. Es bedeutet: gesteigerte Alarmstufe. Man hat mir geraten, meine Lesungen nicht mehr ohne Polizeischutz abzuhalten.

Leon: Man darf nicht unterschätzen, wie gefährlich diese Leute sind. Das Bild, das die meisten Menschen von der Mafia haben, ist völlig überholt: Den dicken Mafioso, der mit Zigarre neben dem Tomatenstrauch in der Sonne sitzt, den gibt es nicht mehr. Das sind heute smarte Geschäftsleute mit Doktortitel und Verbindungen in die ganze Welt. Da studiert die Tochter in Harvard Internationale Beziehungen, und der Sohn besucht eine Business School in London. Diese Leute kennen die internationalen Gesetze und wissen sie zu nutzen.

SPIEGEL: Sie beide haben sich hier in Venedig miteinander angefreundet. Und es heißt, schon bei Ihrem ersten Treffen sei es um die Mafia gegangen. Warum interessieren Sie sich ausgerechnet für diese finstere Männerbündelei?

Reski: Wieso Männerbündelei? Ich beschäftige mich als Journalistin seit 20 Jahren mit der Mafia - und Mafia ist immer erst mal großes Drama. Zunächst waren es die Familiengeschichten, die mich faszinierten. Es sind ja Perversionen von Familiengeschichten, kaum fassbare psychologische Abgründe. Ich habe mein erstes Buch über Rita Atria geschrieben, eine junge Frau, die gegen die Mafia ausgesagt und sich dann umgebracht hat. Ihre Mutter hatte sie wegen ihrer Aussage sowieso schon verstoßen und ging dann noch auf den Friedhof und zertrümmerte den Grabstein. Wie kann so etwas sein? Oder wie kann eine Mutter ungerührt zusehen, wie ein Sohn den anderen erschießt?

Leon: Mich fasziniert generell, wie Leute rechtfertigen, was sie tun. Und bei der Mafia ist das besonders aufschlussreich. Mafiosi rechtfertigen das Morden, weil sie sich als Soldaten im Krieg verstehen - ein Clan gegen den anderen. Ich glaube, selbst die schlimmsten Verbrecher suchen nach einer moralischen Überhöhung ihrer Taten. Sie wollen einen Sinn.

SPIEGEL: Haben Frauen einen anderen Blick auf das Thema als Männer?

Reski: Wenn Männer über die Mafia berichten, neigen sie dazu, nur die gefährlichen Bosse wahrzunehmen und dabei zu übersehen, dass hinter einem gefährlichen Boss eine mindestens so gefährliche Frau steht. Ich habe viel über die Frauen in der Mafia recherchiert und bin mir sicher: Ohne seine Frau macht der Boss überhaupt nichts. Viele Frauen wollen unbedingt, dass ihre Männer bei der Mafia sind, und das ist verständlich, denn sonst wären sie in ihren Dörfern, in denen zum Teil mehr als 90 Prozent der Einwohner zur Mafia gehören, völlig isoliert. Zur Mafia gehören zu wollen hat auch handfeste wirtschaftliche Vorteile: Darum treiben die Frauen die Männer an. Italien ist ein Matriarchat, und je weiter man nach Süden kommt, desto stärker zeigt sich das.

Leon: Der italienische Mann kehrt jeden Abend pünktlich nach Hause zurück - hier können Sie echte weibliche Macht besichtigen. Viele Italiener sind zeit ihres Lebens abhängig von ihren Müttern.

Reski: Sie sind ihnen symbiotisch ergeben, denn eine italienische Mutter beherrscht ihren Sohn mit ihrer Liebe. Die Mütter bestimmen alles. Deswegen hätte die Mafia nie einen Schritt ohne die Frauen machen können. In der kalabrischen Mafia, der 'Ndrangheta, kommt der Clanchef und schneidet einem Neugeborenen die Nägel. Das ist ein Initiationsritual. Danach wird neben das Baby ein Schlüssel gelegt und ein Messer. Was es als Erstes berührt, das ist dann seine Bestimmung. Der Schlüssel steht für den Schergen, den Polizisten, das Messer für die Mafia. Die Mütter legen das Messer so hin, dass die Babys es zuerst berühren. Mütter wollen immer das Beste für ihre Kinder, und das Beste für ihre Kinder bedeutet in weiten Teilen des südlichen Italiens leider, zur Mafia zu gehören. Man denke nur an den Jahresumsatz der 'Ndrangheta: geschätzte 44 Milliarden Euro.

SPIEGEL: Frau Reski, Sie haben mit vielen Mafiosi Interviews geführt. Sind Sie da so angezogen wie jetzt: kurzer Rock, High Heels, tiefer Ausschnitt?

Reski: Na klar. So sehe ich immer aus, erst recht bei der Arbeit. Das ist auch ein Zeichen von Respekt den Leuten gegenüber, die man interviewt.

Leon: Und blond ist sie auch. Das ist in Italien besonders nützlich!

Reski: Das stimmt, es ist immer gut, wenn man unterschätzt wird. Journalisten machen oft den Fehler, sich selber zu wichtig zu nehmen. Man darf im Grunde nicht mehr sein als ein Spiegel, in den der Interviewpartner hineinredet, dann erfährt man am meisten. Meine Fotografin ist übrigens auch blond, wir lachen gern, wir sind immer gute Gesellschaft, und da legen die Leute ihr Misstrauen ab.

SPIEGEL: Sie verstellen sich, verbergen vor den Mafiosi Ihre Verachtung?

Reski: Meine Meinung ist in einem solchen Augenblick kaum von Belang. Es ist kontraproduktiv, wenn ich die Person, von der ich etwas erfahren möchte, gegen mich aufbringe. Ich habe mal einen wirklich gefährlichen Mafioso interviewt, bei dessen Namen alle in Neapel zusammenzucken. Der ist auch Musikproduzent, schreibt Lieder. Ich habe nur gesagt: Sie sind ein Dichter. Und er hat das durchaus als Kompliment aufgefasst.



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