AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 49/2008

Weltkonjunktur Verschlossene Werkstore

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2. Teil: Chinas Wirtschaftspolitik gleicht einer Fahrt auf einer Achterbahn


Symbole der Zuversicht sind gefragt: In Shanghai legten die örtlichen Funktionäre vergangene Woche den Plan für einen neuen Wolkenkratzer vor. Das verwegene Design ist einem Drachen nachempfunden, mit 632 Metern soll es der höchste Turm im Reich der Mitte werden. Damit wird er auch das World Financial Center überragen, das kürzlich in Shanghai eröffnete - und das wegen der Krise zur Hälfte leer steht.

Dabei dürfte alles noch viel schlimmer kommen, warnen Ökonomen von der Volksuniversität in Peking in ihrem jüngsten Bericht. Die konjunkturelle Anpassung werde so zackig verlaufen wie der Buchstabe "W": Im kommenden Jahr werde das Wachstum stärker einbrechen als befürchtet, 2010 werde es sich leicht erholen, doch dann erneut tief absacken.

Dieses Horrorszenario will Peking abwenden, fast täglich verkündet es neue Konjunkturmaßnahmen: Am vergangenen Mittwoch senkte die Zentralbank zum vierten Mal in kurzer Folge die Zinsen um mehr als einen Prozentpunkt - so radikal handelte China seit der Asien-Krise 1997 nicht mehr.

Chinas Wirtschaftspolitik gleicht derzeit einer Fahrt auf einer Achterbahn: Bis ins Frühjahr hatte Peking die Zinsen noch mehrfach erhöht - auf diese Weise wollte es die Inflation in den Griff bekommen. Die Preise wurden angeheizt durch den erhöhten Wechselkurs des Yuan zum Dollar sowie durch steigende Kosten für Rohstoffe und Lebensmittel. Doch von Inflation redet jetzt keiner mehr - die Weltfabrik zittert nun vor der Deflation, also vor einem stetigen Verfall der Preise.

Die Krisenmanager um Premier Wen kämpfen gleich an mehreren Fronten. Schon vor der globalen Finanzkrise mühten sie sich, ein lautstarkes Platzen der aufgeblähten Wirtschaftsblase zu verhindern.

So brach die Shanghaier Aktienbörse innerhalb eines Jahres um über die Hälfte ein, der Immobilienmarkt gab gewaltig nach.

Zudem muss Wen mit seiner Truppe eine riesige strukturelle Herausforderung meistern: Drei Jahrzehnte nachdem der legendäre Erneuerer Deng Xiaoping die Volksrepublik durch seine Politik der Reformen für den Kapitalismus öffnete, erweist sich die chinesische Billigfabrik als historisches Auslaufmodell. Auf Dauer - das ahnen die Strategen in Peking - kann ein System kaum funktionieren, bei dem China wie besessen produziert und der Rest der Welt fast nur konsumiert.

Deshalb hatten die Planer in Peking behutsam begonnen, ihr Land auf die Ebene einer Hightech-Nation zu hieven: Durch ein schärferes Arbeitsgesetz, durch die Rücknahme von Exportsteuern und strengere Umweltschutzauflagen sorgte die Regierung mit dafür, dass allein im ersten Halbjahr rund 67.000 Billigfabriken etwa für Schuhe oder Textilien im Perlfluss-Delta dichtmachten. Einige Betriebe zogen in noch billigere Länder wie Vietnam oder Bangladesch weiter.

Doch dann verlief der Wandel plötzlich rasanter als geplant. Erst wirbelte ein verheerender Schneesturm die schönen industriepolitischen Pläne durcheinander, dann bebte die Erde in Sichuan - und dann kamen die Olympischen Spiele.

Eigentlich sollte Olympia Chinas weiteren industriellen Aufstieg kräftig befeuern. So hatten es Japan 1964 und Südkorea 1988 vorgemacht. In China aber dämpften die Spiele das Wachstum: Um für blauen Himmel über Peking zu sorgen, ließ die Obrigkeit schon Wochen vor den Spielen zahllose Fabriken in Nordchina schließen. Und aus Furcht vor Terroranschlägen verbot sie den Transport von Chemikalien und anderen gefährlichen Gütern. Von der verordneten Zwangspause haben sich etliche Betriebe bis heute nicht erholt.

Und den Rest besorgt die Weltfinanzkrise, die sich derzeit zu einer Weltrezession auszuweiten droht.

Von einer tatsächlichen Rezession - also einer schrumpfenden Wirtschaft - ist China zwar weit entfernt. Aber das Land muss jedes Jahr zehn Millionen Wanderarbeiter zusätzlich mit neuen Jobs versorgen, die in die Großstädte strömen.

Um die sinkende Nachfrage aus dem Ausland zu ersetzen, will Peking jetzt den Binnenkonsum ankurbeln. Als potentielle neue Verbraucher fasst die Partei die 800 Millionen Bauern ins Auge. Künftig sollen sie über das staatliche Land, das sie bewirtschaften, freier verfügen dürfen. Doch privater Verbrauch - er trägt erst 40 Prozent zu Chinas Bruttoinlandsprodukt bei - lässt sich nicht einfach befehlen. Damit die Chinesen mehr ausgeben und weniger sparen, muss Peking die soziale Sicherheit verbessern, die meisten Landsleute besitzen weder Krankenversicherung noch Altersvorsorge.

Die aktuelle Krise dürfte auch die Handelsspannungen zwischen der Weltfabrik und ihren größten Abnehmern, EU und USA, verschärfen. Im Oktober kletterte Chinas Handelsüberschuss auf die Rekordmarke von über 35 Milliarden Dollar - vor allem weil China im Zuge der Krise drastisch weniger einführte als im Vormonat. Stoff für bilaterale Gespräche gäbe es also genug. Dennoch sagte Peking einen für diesen Montag geplanten Gipfel mit der EU in Lyon ab - aus Zorn über das geplante Treffen von Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy mit dem Dalai Lama.

Denn trotz der Krise treibt die Großmacht ihre globalen Ambitionen unbeirrt voran: In Anwesenheit von Staatschef Hu unterzeichneten die Bosse des staatlichen chinesischen Schifffahrtskonzerns Cosco vergangene Woche ein Abkommen mit Griechenland. Für 4,3 Milliarden Euro will Cosco in Piräus einen eigenen Containerterminal bauen - als strategisches Sprungbrett für den chinesischen Handel mit Osteuropa.



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