AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2008

Institutionen Engel im Kasten

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2. Teil: "Wir haben am Rande des Wahnsinns gearbeitet"


Mittag- und Abendessen müssen in 15 Minuten eingenommen werden, Störer werden zur Strafe draußen vor die Tür geschickt. Geweckt wird um 6.30 Uhr, der Tag ist vollgestopft mit dem Schulunterricht, der im gegenüberliegenden Thomas-Gymnasium absolviert wird, mit Proben, Übungen, Auftritten und der "strengen Arbeitszeit" für die Hausaufgaben, wie es in der Hausordnung heißt. Der persönliche Raum ist minimal: gut ein Meter Schreibtisch nebst Schrank. Fünf bis sechs Kinder und Jugendliche teilen so ein 20-Quadratmeter-Zimmer. Die Hausordnung muss beim "coetus" (zu deutsch: Versammlung) unterschrieben werden. Die Fassung, auf der die Betriebserlaubnis beruht, hat 22 engbeschriebene Seiten mit Vorschriften zum "Tagesablauf", zum "Orts- und situationsabhängigen Verhalten", zur "Persönlichen Ordnung", zum "Zeitabhängigen Verhalten", zu den "Diensten" und den "Bestrafungen".

Dass sich Kinder einem solchen Regime fügen, lässt sich am ehesten mit ihrer Leidenschaft für den Gesang erklären. "Man gewöhnt sich daran", sagt ein Zwölfjähriger und senkt den Blick: "Wenn ich singe, vergesse ich das aber alles." Andere hingegen erinnern sich noch Jahre nach ihrer Zeit im "Kasten" an die bitteren Lektionen, die sie von den älteren Mitschülern erteilt bekamen. So wurde ein Zehnjähriger von seinen Kameraden in einen Koffer gesperrt. Ein anderer Jungthomaner musste auf dem Fenstersims im ersten Stock so lange still stehen, bis die älteren das Stubenfenster wieder öffneten. "Gerade in solchen Situationen", erinnert sich Mark, ein Ex-Thomaner, "wo man rausging, um in einer stillen Ecke zu heulen, fehlten oft die erwachsenen Erzieher."

Die Folge: Ein Drittel der Kinder hält die neun Jahre nicht durch und verlässt das Internat vorzeitig. Die Gründe scheinen vielfältig. So wurden 2003 sexuelle Übergriffe eines 16-Jährigen auf jüngere Schüler bekannt. Der jüngste Missbrauchsverdacht ist kaum acht Wochen her. Während einer Konzertreise soll es eine zweideutige Szene zwischen einem Knaben und einem erwachsenen Sänger gegeben haben. "Das wurde aber zwischen den Beteiligten einvernehmlich geregelt, da war wohl nichts", beteuert Girardet.

Sexueller Missbrauch im "Kasten", urteilt ein Psychologe der Jugendhilfe Leipzig, sei nicht die individuelle Schuld Einzelner, sondern "ein Symptom, in dem sich das ganze System ausdrückt". Missbrauch geschehe aus dem berechtigten Bedürfnis nach Zuwendung heraus - und nähre sich schlicht "aus dem Machtunterschied, der in den Altersgruppen der Stuben angelegt ist". Der Psychologe kennt die Lage im Internat aus Gesprächen mit Eltern und Kindern, die Hilfe suchen.

Er findet die Gesamtsituation "seit Jahren psychologisch prekär". Es herrsche ein doppelt so hoher Leistungsdruck wie bei normalen Schülern, für die schon Pubertät und Gymnasium genug Stress bedeuten. "Wer schlecht singt, dem drohen zusätzliche Konsequenzen. Wer die vielen Regeln nicht einhält oder sie als nicht mehr zeitgemäß kritisiert, dem droht nicht nur Bestrafung, sondern Ausgrenzung."

Ein langjähriger Internatsmitarbeiter, der ungenannt bleiben möchte, beklagt, für die Ängste der jüngeren Kinder nicht wirklich Zeit gefunden zu haben: "Wir haben am Rande des Wahnsinns gearbeitet." Girardet bestreitet solche Vorwürfe strikt: "Unser Hochleistungschor setzt eben eine gewisse Robustheit voraus, der ist nichts für Sensibelchen."

Unbestritten ist die musikalische Ausbildung der Thomaner erstklassig; die Frage ist nur, welchen Preis sie hat. Der Berliner Erziehungswissenschaftler Manfred Kappeler, 68, erkennt in Leipzig eine "menschenverachtende Ignoranz gegenüber den Entwicklungsanforderungen von Jugendlichen in der Pubertät". Nach seiner Ansicht müsse die Betriebserlaubnis überprüft und gegebenenfalls ohne Scheu entzogen werden. Eine solche Betriebserlaubnis gibt es für das Internat erst seit 2003. Nach dem Bach-Jahr 2000 hatten sich Eltern wegen der Häufung von Konzertterminen bei der Gewerbeaufsicht beschwert. Das Amt, das nicht der Stadt Leipzig, sondern dem Land Sachsen untersteht, schritt wegen Kinderarbeit regulierend ein.

Aufgeschreckt von der breiten Kritik sieht sich die Thomaner-Führung zu Änderungen genötigt. Internatsleiter Thoralf Schulze und Geschäftsführer Stefan Altner verweisen auf eine Überarbeitung der Hausordnung und das Bauprojekt "forum thomanum". Eine Sporthalle, neue Proberäume und eine musikalisch orientierte Kindertagesstätte sollen entstehen. Bis 2012, zum 800. Geburtstag des Chores, sind zudem mehr Personal, die Erweiterung sowie Renovierung des Internats versprochen.

Aber ob mit einem neuen Anstrich der alte pädagogische Geist verschwindet? Die Elterninitiativen sind skeptisch, zu enttäuschend verliefen Gespräche und Korrespondenz. Kritiker Jäger hat eine einfache Reformidee: "Was die Thomaner an frommen Liedern singen, brauchen sie doch bloß auf sich selbst anzuwenden", schlägt er vor, "dass Menschen kaputtgehen, kann weder im Sinne Bachs noch zum Ruhme Gottes sein."

So bekommt Johann Sebastian Bachs Kantate aus dem 18. Jahrhundert für die Stadt Leipzig wieder Aktualität: "Was könnt uns Gott wohl Bessres schenken/ Als dass er unsrer Obrigkeit/Den Geist der Weisheit gibet ..."



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