AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 51/2008

Kino Es bleibt in der Familie

Heinrich Breloers "Buddenbrooks" ist die vierte Verfilmung von Thomas Manns deutschem Jahrhundertroman. Sie beschleunigt das Werk mit den Mitteln des Unterhaltungskinos - und drückt sich atemlos davor, die Frage nach seiner heutigen Bedeutung zu stellen.

Von Nikolaus von Festenberg


Weihnachten. Es wird das letzte Fest für die alte Konsulin Bethsy Buddenbrook werden. Noch einmal wird sich die Salontür im ersten Stock zum brennenden Weihnachtsbaum hin öffnen. Noch einmal werden die Chorknaben zu Füßen der herrlich geschwungenen Treppe singen, noch einmal wird das arme Volk im Lübecker Kaufmannshaus zulangen dürfen. Und der Prinzipal Thomas Buddenbrook schreitet selbstzufrieden durch die Räume, während sein missratener Bruder Christian schon bald in den Club aufbrechen wird. Der hält das alles nicht aus, die gediegene Langeweile, die Selbstzufriedenheit der Verwandtschaft und die Verachtung für ihn, den Versager.

So war es, so ist es, so wird es nicht bleiben. Das weiß der Betrachter des neuen "Buddenbrook"-Films von Heinrich Breloer schon vorher. Denn ein grandiosschauriges Bild verrät gleich am Beginn der Weihnachtsszene: Der Tod wird mitfeiern.

Da legt die Konsulin, das würdige Oberhaupt der Familie, ihre Festperücke an. Und für einen kurzen Augenblick ist ihr Schädel zu sehen. Shocking - ein ergrauter, alter, dem Ende naher Vogel steckt unter der Perücke. Wie aus einem Gespensterfilm wirkt das. Die Geier des Verfalls, heißt die Leinwandmetapher, sind längst eingetroffen.

Der Kinodebütant Breloer, 66, bittet den Zuschauer zum Totentanz. Der Kameraschuss auf den Schädel ist viel schneller als Thomas Manns Gang durch die Prosa, viel direkter als das, was der Dichter in tausendundeinem seiner Schachtelsätze ausdrückt. Aber auch viel gnadenloser.

Die Kamera fährt, hokuspokus, dem Dichter über den Mund, schafft eine Erwartung und schneidet dem Zuschauer so den Weg zur eigenen Einfühlung ab, weil er längst schon weiß, was er fühlen wird, fühlen soll.

Breloer wirft sich in seiner "Buddenbrooks"-Adaption so manches Mal zum Beschleuniger des Dichters auf, zum schlauen Zauberlehrling, der in seinem Erstling dem Meister auf die Sprünge helfen will.

Ja und? Darf das Kino das nicht? "Buddenbrooks", so viel ist sicher, ist der deutsche Roman des 20. Jahrhunderts, ein Opus magnum unseres unbestrittenen Großdichters, in dem sich eine ganze Kultur mit ihren Traditionen, ihren Werten und ihren Ängsten spiegelt. Was da auf Hunderten von Seiten geschildert wird, sperrt noch heute viele intellektuelle Menschen, etwa den "Turm"-Dichter Uwe Tellkamp, 40, in ein herrliches Gefängnis, in dem sie, verurteilt zu lebenslanger Faszination ohne Bewährung, gern einsitzen.

Darum ist eine "Buddenbrooks"-Verfilmung immer mehr als nur ein Bilderfest - sie ist eine halbe Staatsaffäre, was sich schon daran zeigt, dass die Welturaufführung am Dienstag dieser Woche in Essen in Anwesenheit des Bundespräsidenten Horst Köhler stattfindet. (Am ersten Weihnachtstag läuft der 150-minütige Film dann in den deutschen Kinos an.) Und jede Verfilmung ist zugleich ein Spiegel der Zeit, in der sie entsteht, denn sie muss sich ins Benehmen setzen zu einem Stoff, einer Welt, die uns immer ferner wird. Sie muss auch die Frage beantworten: Wozu überhaupt noch einmal die "Buddenbrooks"?

Breloer, der große Fernsehessayist, ist sich jedenfalls sicher, dass er Mann ein bisschen auf die Sprünge helfen darf. Persönlich sowieso: Hat Breloer nicht lange genug vor dem großen Dichter auf den Knien gelegen? Gehört er nicht gleichsam zu dessen geistiger Familie, seit er 2001 "Die Manns" drehte, eine Chronik über die wechselvolle Geschichte des Dichterclans?

Als Mann-Kenner darf sich Breloer nun einiges leisten. Manchmal entsteht Hinnehmbares, manchmal wird er aber auch frech. Warum müssen wir sehen, wie Thomas Buddenbrook mit seiner schönen Frau Gerda koitiert? Weil wir zu dumm sind, um zu begreifen, dass es auch vor 150 Jahren Sex gab? Damit wir genießen, wie die kühle Geigenkünstlerin über anfänglichen Schmerz zum Orgasmus findet?

Im Roman steht davon nichts, der "Zauberer", wie die Mann-Familie ehrfürchtig ihr Oberhaupt nannte, hat die Leserschaft in diesem Roman bei der Orgasmusfrage alleingelassen. Vielleicht ahnte er, dass uns Geheimnis und Auslassung schärfer machen, als es die Naivität eines sexuellen Materialismus tut.

Schon früh hat sich das Kino dem literarischen Jahrhundertdenkmal angenähert. "Eine verunglückte Angelegenheit", urteilte der Kinoliebhaber Thomas Mann noch selbst über den Ufa-Stummfilm von Gerhard Lamprecht, der 1923 in Berlin Premiere hatte.

Nicht mehr miterleben konnte er die zweite deutsche "Buddenbrooks"-Verfilmung, Regie: Alfred Weidenmann. Die wurde 1959 in der Lübecker Stadthalle uraufgeführt, bestand aus zwei Teilen und trug den Untertitel: "Frei nach dem Roman von Thomas Mann". Frei ging es wirklich zu. Vor der Kamera versammelte sich die Elite von Papas Kino, unter anderen Lil Dagover, Wolfgang Wahl, Liselotte Pulver, Hansjörg Felmy, Nadja Tiller und Hanns Lothar. Nicht dem Roman hatten diese Stars zu dienen, es war umgekehrt: Good old Lübeck sollte den Ruhm der Leinwandlieblinge vermehren.



insgesamt 15 Beiträge
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Monark, 16.12.2008
1. Thomas Mann wird überschätzt
Ja, natürlich, er weiß wie kein anderer deutscher Schriftsteller des 20. Jahrhunderts mit unserer Sprache umzugehen. Und sonst? Ich habe sieben Romane von ihm gelesen und mich bei jedem einzelnen fürchterlich geärgert. "Buddenbrooks" war noch der einzige, der so etwas wie Handlung aufweisen konnte, und viel war das auch nicht. Was passiert denn im "Zauberberg"? Der europäische Adel langweilt sich zu Tode. "Der Tod in Venedig" - ein zum Gähnen langweiliges Dokument von Manns eigener unterdrückter Homosexualität. Großartige Form, null Inhalt, das ist Thomas Mann. Wen soll es wundern, wenn eine Verfilmung der "Buddenbrooks" uns heute nichts mehr zu sagen hat? Thomas Mann war schon zu seiner Zeit überholt, ein Überbleibsel des bürgerlichen Zeitalters. Sein Bruder Heinrich war gedanklich viel weiter als er. Und der begabteste Spross der Familie Mann hieß Thomas. Dessen Romane sollte man verfilmen, dann hätte man auch kein Problem mit Aktualität.
Monark, 16.12.2008
2. Thomas Mann wird überschätzt
Entschuldigung, ich meinte natürlich: "Der begabteste Spross der Familie Mann hieß Klaus."
marks & spencer 16.12.2008
3. re
Die Verfilmung braucht keiner - das weiß ich schon, ohne sie gesehen zu haben. Ich weiß auch nicht, was Breloer für die Arbeit prädestiniert. Solche Verfilmungen taugen nur, wenn sie von sehr guten Regisseuren gemacht werden, z.B. Visconti, Fassbinder.
Ben-99, 16.12.2008
4. Breloer - wer sonst?
---Zitat von marks & spencer--- Ich weiß auch nicht, was Breloer für die Arbeit prädestiniert. ---Zitatende--- ... oh, Vorsicht bitte! Heinrich Breloer gehört zum Besten, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu bieten hat. Haben Sie etwa nicht die famosen Zweiteiler “Todesspiel” und “Speer und Er” gesehen? Auch in früheren Produktionen, zusammen mit Horst Königstein, hat er gezeigt, daß es kaum ein anderer Regisseur mit ihm aufnehmen kann, wenn es um packende, detailgetreue Doku-Dramen geht. Und dennoch hat auch mich der sehr lesenswerte Artikel von Nikolaus von Festenberg nachdenklich gemacht, was die Frage betrifft, ob sich in unserer heutigen Welt überhaupt noch jemand für die Befindlichkeiten einer Familie aus dem vorvorigen Jahrhundert interessiert. Das müßte dann aber auch für andere Dramen, zum Beispiel von Tolstoi oder Dostojewski gelten. Und woran liegt es nur, daß ich zum Beispiel “Die Katze auf dem heißen Blechdach” nach Tennessee Williams auch heute noch immer faszinierend finde, obwohl der Film doch auch nur eine Familie zeigt, die es in dieser Form längst nicht mehr gibt? Warten wir es ab. Sollte Heinrich Breloer tatsächlich mit seinem ersten Kinofilm scheitern, woran ich nicht glaube, hoffe ich, daß er uns anschließend wieder mit erstklassigen TV-Produktionen verwöhnen wird, die alle paar Jahre auf überraschende Weise aus dem Glotzen-Einheitsbrei so schillernd herausragen, daß man ausnahmsweise einmal gern Gebühren dafür zahlt. http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Breloer
marks & spencer 17.12.2008
5. re
Zitat von Ben-99... oh, Vorsicht bitte! Heinrich Breloer gehört zum Besten, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu bieten hat. Haben Sie etwa nicht die famosen Zweiteiler “Todesspiel” und “Speer und Er” gesehen? Auch in früheren Produktionen, zusammen mit Horst Königstein, hat er gezeigt, daß es kaum ein anderer Regisseur mit ihm aufnehmen kann, wenn es um packende, detailgetreue Doku-Dramen geht. Und dennoch hat auch mich der sehr lesenswerte Artikel von Nikolaus von Festenberg nachdenklich gemacht, was die Frage betrifft, ob sich in unserer heutigen Welt überhaupt noch jemand für die Befindlichkeiten einer Familie aus dem vorvorigen Jahrhundert interessiert. Das müßte dann aber auch für andere Dramen, zum Beispiel von Tolstoi oder Dostojewski gelten. Und woran liegt es nur, daß ich zum Beispiel “Die Katze auf dem heißen Blechdach” nach Tennessee Williams auch heute noch immer faszinierend finde, obwohl der Film doch auch nur eine Familie zeigt, die es in dieser Form längst nicht mehr gibt? Warten wir es ab. Sollte Heinrich Breloer tatsächlich mit seinem ersten Kinofilm scheitern, woran ich nicht glaube, hoffe ich, daß er uns anschließend wieder mit erstklassigen TV-Produktionen verwöhnen wird, die alle paar Jahre auf überraschende Weise aus dem Glotzen-Einheitsbrei so schillernd herausragen, daß man ausnahmsweise einmal gern Gebühren dafür zahlt. http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Breloer
Kein Kommentar. Ich bin anderer Meinung. Meines Erachtens ist "Buddenbrooks" einer der modernsten Romane überhaupt. Wobei eine Kenntnis der Philosophie Schopenhauers vonnöten ist. Im Prinzip deutet "der Verfall der Familie" den Gang der Geschichte an. Ich habe es immer so verstanden, dass die Geschichte in "Wellenbewegungen" fortschreitet. Jedenfalls ist das die Meinung von Goethe, die ich teile.
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