AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Fußball "Fußball ist immer Zukunft"

2. Teil: "Ich habe den Laden wie ein Brummkreisel aufgemischt"


SPIEGEL: Sie haben selbst nie als Profi gespielt. Erst vorige Woche sagte Schalkes Manager Andreas Müller: "Ralf wirkt halt, ich will nicht sagen lehrerhaft, aber so richtig Fußballer ist er ja nicht." Wollen Sie es dem Establishment mit Ihrem Modell Hoffenheim zeigen?

Rangnick: Nein, wirklich nicht.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich als Außenseiter?

Rangnick: Auch das nicht. Aber für manche der großen Traditionsclubs bin ich sicherlich anstrengend. Auf Schalke herrschte diese gemütliche Wir-sind-doch-schon-solange-zusammen-Atmosphäre. Dann kam ich und habe wie ein Brummkreisel den Laden aufgemischt. Für mich ist sehr wichtig, dass alle Mitarbeiter nur ein Ziel haben: Dienstleister für die 25 Profis zu sein.

SPIEGEL: Das sollte selbstverständlich sein.

Rangnick: Ist es aber nicht. Allein deshalb, weil für die Vergabe von Positionen oft nicht das Prinzip gilt: der Beste für den Job. Solange Clubs irgendwelchen verdienten Spielern mit ihrem letzten Profivertrag zusichern, nach Ende der Karriere Trainer der B-Jugend oder Chef-Scout zu werden, kommen wir nicht weiter.

SPIEGEL: Uli Hoeneß würde jetzt sagen: Da spricht der Besserwisser.

Rangnick: Der kennt mich doch gar nicht.

SPIEGEL: Sie wirken manchmal wie ein Eiferer.

Rangnick: Ich habe einiges von meiner missionarischen Art abgelegt. Einen Fernsehauftritt wie vor zehn Jahren im "Aktuellen Sportstudio", bei dem ich erklärt habe, wie die Viererkette funktioniert, gäbe es nicht mehr. Ich will auch nicht, dass wir das Maß aller Dinge sind. Das Modell Hoffenheim wäre nirgendwo anders möglich. Vor zweieinhalb Jahren lag ein weißes Blatt Papier vor uns. Wir haben erst einen Betreuerstab zusammengestellt, bei dem es vor allem um fachliche Kompetenz ging, und dann die Mannschaft aufgebaut. Das ist einzigartig. Können Sie sich vorstellen, dass jemand zu einem Proficlub kommt und wie bei einer Firmenübernahme jeden zur Disposition stellt: Wer ist wirklich gut, wer sitzt wirklich an der richtigen Stelle?

SPIEGEL: Sind Sie jetzt als Trainer besser?

Rangnick: Ja. Für mich waren die letzten zweieinhalb Jahre eine durchgehende Fortbildung. Jeden Tag habe ich die Konfrontation mit richtig guten Leuten, bei diesen Diskussionen geht es ganz schön zur Sache. Ich glaube nicht, dass ich jemals ein so durchgeplantes Training angeboten habe.

SPIEGEL: Erfinden Sie gerade den Fußball neu?

Rangnick: Ach was, aber wir probieren vieles aus. Einige Übungen haben wir verworfen, bei anderen sind wir geblieben, obwohl es am Anfang wirr aussah. Es gibt zum Beispiel eine Trainingsform, die wir "Banane" nennen. Die Spieler sollen dabei lernen, auf verengtem Raum möglichst direkt in die Spitze zu spielen. Wenn wir das bei einem Traditionsclub eingeführt hätten, wo beim Training zehn Journalisten zuschauen, wären uns am nächsten Tag sofort die Schlagzeilen um die Ohren gehauen worden: Chaos beim Training, jetzt ist Rangnick total Banane!

SPIEGEL: Ist Erfolg planbar?

Rangnick: Erfolg nicht, aber Leistung. Wir sehen unsere jungen Spieler als Blue Chips. Sie bringen Schnelligkeit, technische Fähigkeiten, eine gute taktische Grundausbildung, Lernbereitschaft, Willen und eine besondere Waffe mit, je nach Position, auf der sie spielen. Die Kunst ist es, diesen hochqualifizierten Einzelspielern auch strategisch etwas an die Hand zu geben.

SPIEGEL: Vor zehn Jahren haben Sie gesagt, dass Taktik der einzige Bereich im Fußball ist, der nicht ausgereizt sei. Stimmt das auch heute noch?

Rangnick: Das hat schon damals nicht gestimmt. Ich hatte zwar in andere Länder geschaut, aber nicht in andere Sportarten. Bis heute ist nichts ausgereizt, nicht einmal das Konditionelle.

SPIEGEL: Können Sie sich noch vorstellen, jemals woanders als in Ihrem Hoffenheimer Biotop zu arbeiten?

Rangnick: Man sollte niemals nie sagen, aber ich verspüre im Moment eine so hohe Jobzufriedenheit, dass ich daran keinen Gedanken verschwende. Ich habe jetzt bis Anfang Januar Urlaub. Wahrscheinlich werde ich schon Weihnachten fragen: Wann sehe ich die Jungs endlich wieder?

SPIEGEL: Glauben Sie, es geht Ihren Spielern genauso?

Rangnick: Keine Ahnung. Aber die können ja auch nicht voneinander lassen. Vor unserem Spiel gegen Schalke habe ich mal durchgefragt: Was macht ihr denn so im Urlaub? Da stellte sich heraus, dass zehn von ihnen nach New York fliegen. Das habe ich im Profifußball noch nie erlebt: Die verbringen das ganze Jahr miteinander, und dann verreisen sie auch noch gemeinsam über Silvester.

SPIEGEL: Herr Rangnick, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten Christoph Biermann und Michael Wulzinger



insgesamt 261 Beiträge
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Seite 1
Mollero 25.12.2008
1. Ohne wenn und aber!
Nein!
Kurt Kurzweg 25.12.2008
2. Ein Guter
Zitat von sysopTrainer Ralf Rangnick gilt als Fußball-Fachmann und Taktik-Experte. Hat Herbstmeister Hoffenheim ihm den Erfolg zu verdanken oder hätte auch ein anderer Trainer die Millionentruppe aus der zweiten Liga direkt an die Bundesliga-Spitze geführt?
Nun, der Mann ist sicher ein verd...Guter. Vielleicht ist der Erfolg auch daurch gekommen, dass er in Ruhe konsequent und zielstrebig arbeiten konnte ohne dass ihm dauernd von "Managern" und profilsüchtigen Präsidenten reingequatscht wurde (wird); und dass er eine "junge Truppe" hat, die begeistert mitzieht. Mal sehen, was wird, wenn die ersten Rückschläge kommen. Dann entscheidet sich u.U. die Frage an der ich schon seit langem "knabbere": wie groß der Anteil des Trainers an Erfolg oder Mißerfolg einer Mannschaft wirklich ist...
sebigboss, 25.12.2008
3.
Ich denke, dass Ralf Rangnick einen großen Anteil am sportlichen Erfolg Hoffenheims hat. In Ansätzen konnte man damals bei Hannover 96 in der zweiten Liga schon sehen was Herr Rangnick aus einer durchschnittlichen Mannschaft machen kann, wenn man Ihn effektiv arbeiten lässt. Nachdem er damals die Mannschaft von Horst Ehrmanntraut/Stanislaw Levy übernahmn hat auch keiner damit gerechnet das er die 96er innerhalb eines Jahres mit Rekordergebnis zum Aufstieg führen würde.
matthias schwalbe, 25.12.2008
4.
Diese Mannschaft aus Hoffenheim kann -mit dem Geld von Herrn Sponsor -jeder Trainer übernehmen. Eine BL-Saison dauert trotzdem immer noch 34 Spieltage !
LJA 25.12.2008
5. Nun ja,
Zitat von sysopTrainer Ralf Rangnick gilt als Fußball-Fachmann und Taktik-Experte. Hat Herbstmeister Hoffenheim ihm den Erfolg zu verdanken oder hätte auch ein anderer Trainer die Millionentruppe aus der zweiten Liga direkt an die Bundesliga-Spitze geführt?
Herr Rangnick ist sicherlich kein schlechter Trainer. Aus seiner Zeit in Hannover ist mir aber noch gut in Erinnerung, dass er auch nur mit Wasser kocht. Unter den Bedingungen des normalen Bundesligalltags, sprich: begrenzte finanzielle Ressourcen sowie eine Mannschaft, die zu einem Großteil aus älteren Spielern (über 25) besteht, waren seine Resultate aber auch eher durchschnittlich. Der Erfolg von Hoffenheim ist ja nicht nur auf die sprudelnden Geldmittel zurückzuführen, sondern auch auf die Tatsache, dass man dort eine sehr junge Mannschaft hat, deren Spieler eben nicht schon einige schwere Verletzungen in den Knochen sitzen, wie sich das im Laufe eines Profifußballerlebens zumeist ergibt. Unter solchen Voraussetzungen braucht es keinen Supertrainer für die Meisterschaft.
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