AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Ernährung Dünger fürs Gehirn

2. Teil: Wer mindestens zehn Gramm Fisch pro Tag aß, meisterte die Aufgaben besonders gut


Im Küstenstaat Norwegen haben Forscher voriges Jahr erstmals untersucht, wie der Verzehr von Meeresfrüchten auf das Gehirn älterer Menschen wirkt. Sie befragten dazu mehr als 2000 Frauen und Männer im Alter von 70 bis 74 Jahren zu ihren Essgewohnheiten und testeten sie mit verschiedenen Denkaufgaben.

Und siehe da: Wer durchschnittlich mindestens zehn Gramm Fisch pro Tag verspeiste, der meisterte die Aufgaben besonders gut. Der Effekt stieg mit der Dosis. Testpersonen, die jeden Tag etwa 75 Gramm Fisch zu sich nahmen, erzielten die besten Ergebnisse.

Solch positive Effekte entstehen offenbar, weil die Omega-3-Fettsäuren direkt auf die Nervenzellen einwirken: Ratten, die vier Wochen lang mit Omega-3-Fettsäuren angereichertes Futter bekommen, können Verletzungen des Nervengewebes weitaus besser wegstecken als Kontrolltiere. Interessanterweise hat Junkfood genau den gegenteiligen Effekt: Ratten, die mit stark zucker- und fetthaltigem Futter gemästet wurden, bauten geistig ab und wurden anfälliger für Hirnschäden.

Wer die guten Effekte der Omega-3-Fettsäuren für sich nutzen will, muss allerdings nicht zu Rollmöpsen oder Bratheringen greifen und kann auch den Nachwuchs mit Lebertran verschonen.

Das jedenfalls ist bei der Babyfütterung zu Dortmund herausgekommen. In der Studie haben die Forscher erstmals nachgewiesen, dass ein bestimmter Bestandteil des Rapsöls (Alpha-Linolensäure) von den Babys in hochwertigere Omega-3-Fettsäuren umgewandelt werden kann. "Die Metabolisierung hat geklappt", sagt Mathilde Kersting, die das genaue Ergebnis bald in einer Fachzeitschrift vorstellen will.

Auch die Erhöhung des Fleischgehalts von acht auf zwölf Prozent hat Kersting zufolge Spuren in den Babys hinterlassen: Der Eisengehalt im roten Blutfarbstoff stieg an, so dass er mehr Sauerstoff in das Gehirn transportieren konnte.

Ob das zusätzliche Eisen und die hochwertigen Omega-3-Fettsäuren auch die kognitiven Fähigkeit der Babys verbessern, ist damit jedoch noch nicht bewiesen; diese entscheidende Frage müssen die Dortmunder Forscher erst noch in einer weiteren Studie klären.

Leicht schmatzend, weil er sich eine Blaubeere nach der anderen in den Mund schiebt, erzählt der Bostoner Verhaltensbiologe Joseph von einer Zutat, die er für eine besonders gute Nervennahrung hält: von den Polyphenolen. Diese in unterschiedlichsten Beeren, Weintrauben und in Rotwein enthaltenen Substanzen gehören zu den Antioxidantien: Sie mindern schädliche Prozesse in den Zellen und scheinen die Synapsen zu schützen, also jene Umschaltstellen zwischen den Nervenzellen, die für das Abspeichern von Erinnerungen unersetzlich sind.

Wer fleißig Beeren konsumiere, könne deshalb auf messbare Verbesserungen der Gehirnfunktion hoffen, sagt Tufts-Forscher Joseph. Das glaubt der Verhaltensbiologe in noch unveröffentlichten Experimenten mit älteren Menschen gesehen zu haben, denen das Alter schon erste Probleme mit dem Gedächtnis bereitete. Über einen Zeitraum von zwölf Wochen tranken diese Personen jeden Tag zwei Gläser Blaubeerensaft aus dem Supermarkt - und konnten Joseph zufolge bestimmte kognitive Aufgaben besser lösen als vor Beginn der Saftkur.

Ein bestimmtes Polyphenol, das Curcumin, gilt ebenfalls als Balsam für die Nerven. Ratten, die vier Wochen Curcumin ins Futter gemischt bekamen, konnten eine Gehirnerschütterung viel besser überwinden als normal ernährte Artgenossen.

Folgende Beobachtung aus dem fernen Indien ist damit vielleicht mehr als bloßer Zufall: Die Menschen dort konsumieren das Kurkuma-Gewürz in rauen Mengen. Dieses enthält das gelb leuchtende Curcumin, das auch dem Currypulver die Farbe gibt. Zugleich scheinen die Menschen in Indien besser als andere vor der Alzheimer-Krankheit gefeit zu sein, jenem heimtückischen Leiden, bei dem ganze Hirnareale zugrunde gehen.

Schon träumt Richard Wurtman vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge von einer Esstherapie gegen Gehirnschwund. Der Pharmakologe hat drei gängige Nahrungsinhaltsstoffe ausfindig gemacht, die wie Dünger auf das Gehirn zu wirken scheinen, wenn man sie zusammen verzehrt: Uridinmonophosphat, typischerweise in Rüben enthalten, Cholin aus Eiern und die Fettsäure DHA aus Fischen.

Wenn man Mäuse zwei, drei Wochen lang damit verköstigt, bilden sie 30 bis 40 Prozent mehr Synapsen - das sind genau jene Strukturen, die bei Alzheimer-Patienten zuerst verlorengehen.

Kein Wunder, dass sich der französische Nahrungsmittelkonzern Danone für diese Mischung interessiert und sie in Deutschland, Holland, Belgien und den USA bereits an Patienten mit milden Alzheimer-Symptomen hat testen lassen - allerdings bisher mit eher bescheidenem Erfolg.

Die Vorreiter der Forschung zumindest scheinen ihren Ergebnissen zu trauen: James Joseph von der Tufts University knabbert jeden Tag nicht nur zwei Tassen Blaubeeren, sondern dazu noch eine Unze (knapp 30 Gramm) Walnüsse. Fernando Gómez-Pinilla pilgert in Los Angeles regelmäßig zum Fischhändler und holt sich dort seinen Lachs.

Einig ist sich die Wissenschaft allerdings auch darin, dass es ein Zuviel des Guten geben kann. Denn wer Portion um Portion in sich hineinstopft, der macht die guten Effekte der Nahrung auf die Nervenzellen irgendwann zunichte.

Bei regelmäßigen Fressattacken geht es dem Denkorgan aus bisher noch ungeklärten Gründen sogar an die Substanz. Das jedenfalls lässt eine Kernspin-Untersuchung von Übergewichtigen befürchten: Je mehr die Probanden auf die Waage brachten, desto weniger wog ihr Gehirn.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
Lupol 25.12.2008
1. Red kein Blech
Da muessten ja die (Suedsee) Insulaner das meiste zum Weltkulturerbe beigetragen haben!?
Vater Staat 25.12.2008
2. Gesunde Ernährung
Zitat von sysopKann essen klüger machen? Hirnforscher und Ernährungswissenschaftler haben sich darangemacht, die Wirkung der Nahrung auf das Gehirn zu erkunden. Fleisch, Fruchtsaft und Rüben scheinen Balsam für die Nerven zu sein. Besonders gut fürs Denkorgan aber ist Fisch. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,597556,00.html
Die Vorstellungen, wie gesundes Leben bzw. gesunde Ernährung aussehen, ändern sich alle paar Jahre. Am Ende zählt nur: Wer gesund (bzw. wenig krank) ist, hat recht.
Born to Boogie, 25.12.2008
3. Wider alles falsch gemacht .
Verdammt - und ich habe zu Weihnachten Fasan gekauft . . . Na ja, dann eben dumm aber glücklich !
Quacksalber 25.12.2008
4. und wenns nicht schmeckt?
Bei mir sind Sushi, Weihnachtsbraten und Currywurst die drei Ernährungssäulen. Soweit ist also bei mir alles in Ordnung, wie ist es aber bei Menschen, denen das nicht schmeckt? Müssen die sich quälen, Sachen die ihnen nicht schmecken zu essen, nur um "gesund" zu bleiben? Wahrscheinlich nicht, denn dieser Artikel ist über Umwege (Lobbyarbeit des Forschers) von einer Nahrungsergänzungsmittel-Firma iniziiert. Wir werden bald an dieser Stelle einen Artikel finden, der uns erklärt, das Problem sei gelöst, wir müssten nur die Fischöl-Braten-Curry-Omega-Fettsäurenkapsel der Firma X aus dem Supermarkt kaufen. Und am besten noch allen unseren Kindern 3x täglich geben. Vielleicht kann man Gehirngröße und -funktion auch anders verbessern? Vielleicht indem man so einen Humbug einfach nicht liest?
wakaba 25.12.2008
5. Fisch
Meeresfrüchte sind was ganz feines - nur nicht mit schweren Saucen töten, möglichst lebendig, roh oder leicht gegrillt. Einige Ausnahmen, Cajun-Stil. USA: Ein Seafood-Gumbo ist wohl eine der grössten zivlisatorischen Errungenschaften. Japan: Kleine rohe Tintenfische, so frisch filettiert das sich die Augen noch bewegen - kommt gleich danach. Fritierte Krabben - die sich gerade gehäutet haben und als ganzes gegessen werden, weil weich, mmmmm... Nordafrika: Frische Sardellen, filettiert, roh, etwas Limettensaft und runter, dazu lokale Austern, einfach göttlich. Als Nachschlag Bärenkrebsschwänze, leicht angegrillt. Machts intelligenter? Ist egal, transzendentes Essen entspannt einfach.
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