AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2008

Eine Meldung und ihre Geschichte Das Zweiaugengespräch

Weshalb ein Bürgermeister 166 Diensttermine erfinden musste


Über Banzi, diesen leider oft unterschätzten Ort, habe schon Horaz geschrieben, sagt der Bürgermeister. "Und Plutarch ..." Warum findet das keine Erwähnung in all diesen Zeitungsberichten? "Und Livius auch", sagt er. Banzi, 1514 Einwohner, gelegen auf einem bereits zu vorchristlicher Zeit besiedelten Hügel inmitten der hier ansonsten flachgepflügten Basilikata ganz im Süden Italiens.

Kann man denn 3000 Jahre ununterbrochene Geschichte auf eine Kurzmeldung reduzieren? "Sogar aus München haben sie mich angerufen und gefragt, was hier los sei. Die dachten schon, ich sei das gewesen."

Schwer hängt Nicola Vertone, der Bürgermeister, in seinem Anzug, hinter sich das Bild des Staatspräsidenten wie ein leibhaftiges Über-Ich.

Bürgermeister von Banzi zu sein, das ist kein leichter Job derzeit. So ähnlich wie Chef von General Motors zu sein oder Anlageberater für Hedgefonds.

Nicola Vertone würde jetzt gern über Horaz erzählen, und die berühmte Tabula Bantina. "Aber Sie sind bestimmt wegen dieser anderen Geschichte gekommen, oder?" Vertone seufzt und erzählt.

Sein Vorgänger auf diesem Stuhl war Giuseppe Garzillo, ein heute 59-jähriger, wenn auch jünger aussehender und mit der Dorflehrerin verheirateter Honoratior.

Der hatte, als seine im Übrigen sehr erfolgreiche Amtszeit sich dem Ende näherte, begonnen, fiktive Sitzungen abzurechnen. Besprechungen wurden anberaumt, von denen nur er wusste, und diese dann abgebrochen, weil er als Sitzungsleiter die erforderliche Mindestzahl von Anwesenden nicht feststellen konnte. Weshalb die Sitzung zwei Tage später wieder einberufen werden musste.

So rechnete Garzillo in 18 Monaten 166 Ratsbesprechungen ab, noch bis ins Jahr 2004 hinein.

"Wissen Sie, wie man diesen Posten mit 48 bezahlten Stunden pro Monat ausfüllen soll, wie es Vorschrift ist?", fragt Nicola Vertone. "Der Staat lädt uns immer mehr auf, aber will nicht mehr zahlen. Das entschuldigt nichts, aber ..."

Aber es zeigt doch, wie manches nicht so einfach ist. Er selbst hat einen behinderten Sohn daheim, den er pflegen muss. Dafür bekommt er eine kleine Hilfe vom Staat und kann sich morgens um die Kommune kümmern. Sonst ginge es nicht.

In den sechziger Jahren, sagt Vertone, hätten mehr Banzesen im Ausland gelebt als in Banzi. Dann machte Fiat ein Werk bei Melfi auf, und die Jungen mussten nicht mehr über die Alpen gehen, nach München.

"Niemand wusste von den Tricksereien. Nur im Wahlkampf hatte jemand mal etwas angedeutet. Aber was wird nicht alles gesagt im Wahlkampf? Keiner hat es geglaubt." Aber jemand gab der Finanzpolizei einen anonymen Hinweis.

Garzillo wurde vernommen. Er sei doch, sagte er und tippte auf seine Unterlagen, pflichtbewusst immer präsent gewesen. Die anderen dagegen hätten die Termine verschlafen, wofür er nun wirklich nichts könnte.

Erklärungsbedürftig war eigentlich nur, dass er für manche Tage auch noch Spesenquittungen von Dienstfahrten in den Nachbarort und nach Potenza eingereicht hatte. Der Bürgermeister hätte also an zwei Orten gleichzeitig sein müssen, und das kann nur der heilige Pater Pio, dessen blütengeschmückte Statue am Dorfeingang von Banzi steht.

Den Bürgern von Banzi sagte Garzillo, er habe eine Leggerezza begangen. Das kann man mit "Gedankenlosigkeit" übersetzen. Das genügte den Bürgern von Banzi.

Und auch der neue Bürgermeister möchte nicht den Stab brechen: "Es ist ein verbreitetes Phänomen", sagt Vertone. "Schlaumeier gibt es überall. Ich gehöre nicht dazu. Ich nicht. Aber einen trifft's dann ... Und sie müssen auch an die arme Familie denken, die Lehrerin, die beiden hübschen Töchter."

Der eifrige Staatsanwalt in Potenza hat kurzerhand den gesamten Magistrat angezeigt, samt Stellvertreter und Dezernenten. Wegen Betrugs und Urkundenfälschung.

Giuseppe Garzillo muss 11.000 unverdiente Euro an die Regionalregierung zurückzahlen und 2372 Euro an die Kommune. Er hat auch wieder Arbeit gefunden, an einer Schule in der Nachbarstadt, und wird in zwei Jahren in Pension gehen können. Es wird davon ausgegangen, dass er bei den nächsten Wahlen nicht mehr antritt.

"Ich sage Ihnen etwas", sagt Vertone, und er klingt jetzt ein wenig so wie die Talkshows spätabends auf der RAI: "Es gibt eine politische Seite der Geschichte." Und er erzählt vom Kreuzzug des Berlusconi-Ministers Renato Brunetta gegen die "Fannulloni", die "Nichtstuer" in den öffentlichen Verwaltungen, besonders in den linken. Da kam die Gedankenlosigkeit aus Banzi wie gerufen. "Es ist natürlich einfacher, über angebliche Nichtstuer in den Rathäusern zu sprechen als über die Wirtschaftskrise", sagt Vertone, der selbst der Linken angehört, beziehungsweise, wie er präzisiert, dem "ehemals christlich-demokratischen Teil der Linken".

Der Übeltäter Giuseppe Garzillo wurde zum Ober-Fannullone erklärt - bis zu dem Zeitpunkt jedenfalls, als bekannt wurde, dass er zur gleichen Partei, Forza Italia, gehörte wie der Minister selbst.

Da wurde es wieder stiller um Banzi.



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