Medizin Der gelaserte Athlet

Auch Spitzensportler lassen sich die Augen operieren. Das hat nicht immer nur medizinische Gründe - wer mehr sieht, kann besser spielen.
Von Sebastian Winter

Tino Schuster traf die Entscheidung im Sommer vor zwei Jahren, als er am Abschlag stand und den Ball in 280 Meter Entfernung nicht mehr landen sah. Der 30-jährige Profigolfer war etwas kurzsichtig auf beiden Augen, er hatte - 0,7 Dioptrien auf dem rechten Auge, - 1 auf dem linken, außerdem eine Hornhautverkrümmung. Aus diesen Werten ergab sich eine Sehschärfe, Visus genannt, von 0,9. Menschen ohne Sehschwäche haben einen Visus von 1,0. Wer unter 0,7 liegt, muss eine Brille oder Kontaktlinsen tragen, wenn er sich ans Steuer eines Autos setzen will. Schusters Werte reichten für den Alltag völlig aus, er ließ sich trotzdem in einem Kölner Augenzentrum lasern.

Der Visus von Tino Schuster liegt nun, zwei Jahre nach seiner Operation, zwischen 1,6 und 2,0. Er sieht jetzt doppelt so gut wie vor der Operation, besser als mit einer konventionellen Sehhilfe und auch als viele seiner Konkurrenten ohne Sehschwäche. Vor allem sind seine gelaserten Augen nun viel empfindlicher für Kontraste. Er kann jetzt deutlicher erkennen, wo das Grün nach rechts bricht oder nach links, wo es bergauf geht und bergab. Er sieht den Ball wieder landen. Tino Schuster hat jetzt Adleraugen.

Laser-Operationen am Auge gelten immer noch als umstritten, das Risiko für spätere Korrekturen ist hoch, zu den möglichen Nebenwirkungen gehören tränende oder trockene Augen, Eintrübung des Blicks und Beeinträchtigungen während der Dämmerung. Tino Schuster aber nutzt diese medizinische Technik, die eigentlich dafür da ist, körperliche Defekte zu beheben, um besser zu sein als seine Konkurrenten. Es ist fast so wie bei einem Sportler, der Epo nimmt, um durch die Produktion zusätzlicher roter Blutkörperchen seine Ausdauerleistung zu verbessern: Er geht gesundheitliche Risiken ein, um seinen Körper zu optimieren - mit dem Unterschied, dass Epo auf der Doping-Liste steht. "Das Niveau im Spitzengolf wird immer besser. Da versucht man, jeden Vorteil mitzunehmen", sagt Schuster.

Tiger Woods war 1999 einer der ersten gelaserten Top-Golfer, Retief Goosen, Bernhard Langer, Vijay Singh, Padraig Harrington und viele andere folgten. Goosen hatte bald nach dem Eingriff seine erfolgreichste Zeit, dem Südafrikaner gelang 2001 der Sprung in die Top Ten. Der Ire Harrington gewann 2004 das German Masters, wenige Tage vor seinem Sieg hatte er noch unter dem Laser-Gerät gelegen. Er hatte zuvor schon sein rechtes Auge behandeln lassen, im linken trug er aber noch eine Kontaktlinse: "Ich musste das Risiko eingehen, um besser zu sehen."

Für den Eingriff musste Tino Schuster nichts zahlen, ein paar PR-Einsätze reichten seinem Augenarzt Matthias Maus als Gegenleistung, seine Klinik ist Partner der deutschen Profigolf-Tour. Andere Sportler zahlen deutlich weniger als den üblichen Satz von 4.500 Euro für beide Augen. An postoperative Probleme kann sich Schuster nicht erinnern, nur an ein leichtes Brennen und Jucken am Tag danach. Eine Woche lang tropfte er sich Antibiotika in die Augen, dann war alles wieder in Ordnung. Schusters Arzt Maus hat in seiner Klinik inzwischen fast 30 Spitzensportler operiert. Sein Laser sei einer der modernsten weltweit und habe eine Million Euro gekostet. "Athleten sind anspruchsvoll", sagt Maus. "Sie versuchen alles zu machen, um noch einen Tacken besser zu werden."

Längst hat die Laserwelle andere Sportarten erfasst. Biathleten wie Michael Greis und Toni Lang haben sich operieren lassen, der Judoka Ole Bischof, der Langläufer Tobias Angerer, Beachvolleyballer, Kanuten, Tennisspieler, Segler, Fußballer, Bob- und Mountainbikefahrer.

Für Golfer oder Bobfahrer ist die räumliche Wahrnehmung wichtig, Rückschlagspieler leben von ihrer schnellen Reaktion. Biathleten wie Greis wiederum müssen die Zielscheibe in der Ferne fixieren. Greis hatte eine leichte Hornhautverkrümmung auf beiden Augen, Visus 0,8. Im August ließ er sich lasern. Sein neuer Wert: 1,6. Der Kontrast an den Schießscheiben sei viel besser, sagt Greis, und: "Ich sehe schärfer als mit Linsen."

Im Herbst 2005 ließ sich der Judoka Ole Bischof in der Potsdamer Augenklinik lasern. 1.200 Euro zahlte Bischof nur, denn sein Arzt, Volker Rasch, ist mit seiner Klinik Partner der Deutschen Sporthilfe. Etwa 60 Athleten hat er bis heute operiert. Mit Kontaktlinsen fingen Bischofs Augen früher oder später an zu brennen. Im August wurde er Olympiasieger. Mittlerweile ist ein Auge wieder etwas schlechter geworden. "Es ist aber noch viel besser als vor der OP." Bischof weiß, dass er für seine bessere Sicht ein Restrisiko in Kauf genommen hat.

Gernot Jendrusch, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Sportmedizin der Ruhr-Universität Bochum, hat die Augen von 1500 deutschen Athleten untersucht. Jendrusch bemängelt, dass der Einsatz der Laser-Technik bei Sportlern viel zu wenig erforscht sei, um vernünftige Prognosen abzugeben: Eine Garantie, nicht zur Nachoperation zu müssen, gebe es nicht.

Und der Sport-Augenarzt Dieter Schnell sagt, dass die Athleten von "laserverrückten Augenärzten" nur unzureichend über die Nebenwirkungen informiert würden.

Dass das Risiko nicht zu unterschätzen ist, musste der südafrikanische Golfer Retief Goosen im Januar dieses Jahres erfahren. Während der Proberunde für die Qatar Masters konnte er plötzlich mit dem linken Auge nur noch verschwommen sehen. Zehn Tage zuvor waren seine vor neun Jahren gelaserten Augen korrigiert worden.

"Die OP ist nicht gut gelaufen", schreibt Goosen auf seiner Homepage. Er musste noch einmal unter den Laser und verpasste Turniere. "Jetzt", sagt Goosen, "ist es perfekt." 1999, als er sich das erste Mal lasern ließ, hatte er das auch schon gedacht.

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