TV-Macher "Late Night kann nur Harald"

Der frühere Sat.1-Chef und Constantin-Boss Fred Kogel über Ödnis im Fernsehen, Leo Kirchs Abneigung gegen "Big Brother" und das bevorstehende Ende des Duos "Schmidt & Pocher"

SPIEGEL: Herr Kogel, waren Sie dieses Jahr auf der "Bambi"-Verleihung?

Kogel: Ja.

SPIEGEL: Und? Haben Sie's ausgehalten?

Kogel: Gott, man weiß ja vorher, auf was man sich dort einlässt: Das sind große Weihefeste für die Branche. Wer sich dem nicht aussetzen mag, soll nicht hingehen. Hinterher draufzuprügeln ist billig.

SPIEGEL: Man kann auch während so einer Veranstaltung draufprügeln wie Marcel Reich-Ranicki bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Fernsehpreises.

Kogel: Das war grandios. Ohne Reich-Ranicki wäre die ganze Show wieder fürchterlich langweilig gewesen. Toll waren auch diese deutschen Betroffenheitsgesichter im Publikum wie Veronica Ferres. Der Höhepunkt war dann aber das ZDF-Nachgespräch zwischen Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk, in dem herauskam, dass Ranicki unter toller Fernsehunterhaltung Brecht und Shakespeare versteht. Das hätte nur noch getoppt werden können von einem Streitgespräch zwischen Ranicki und einem Finanzinvestor, bei dem dann rausgekommen wäre, dass beide keine Ahnung von Fernsehen haben.

SPIEGEL: Sie sind seit 27 Jahren im deutschen Medienzirkus unterwegs, unter anderem als Sat.1-Boss, ZDF-Unterhaltungschef und bis Ende des Jahres als Vorstandsvorsitzender der Produktionsfirma Constantin Film. Finden Sie es nicht traurig, dass der Eklat von Reich-Ranicki der absolute Höhepunkt des Medienjahres ist?

Kogel: Natürlich ist das traurig, aber wenigstens hatten wir den.

SPIEGEL: Ist das Programm immer langweiliger geworden?

Kogel: Nicht grundsätzlich. Wir haben im deutschen Fernsehen eine irre Vielfalt. Was aber stimmt, ist, dass das Programm in den einzelnen Sendern unter dem Kostendruck einförmig geworden ist. Auch ich ertrage die 900. Kochshow nur noch bedingt. Und wenn man eine Sendung wie "Richter Alexander Hold" nicht nur von montags bis freitags nachmittags sendet, sondern vormittags wiederholt und dazu noch am Wochenende verheizt, muss der Eindruck entstehen, dass ein Sender nur noch aus Gerichtsshows besteht. Da fehlt mir die Begeisterung fürs Programm.

SPIEGEL: Man kann auch mit großer Begeisterung Schrott senden.

Kogel: Natürlich ist pure Begeisterung kein Qualitätskriterium, aber sie hilft, Qualität durchzusetzen. Und verstehen Sie mich nicht falsch: Constantin produziert nicht nur "Das Parfum" und den "Baader-Meinhof-Komplex", sondern eben auch "Richter Alexander Hold".

SPIEGEL: Mit Begeisterung?

Kogel: Ja, zwar nicht meiner persönlichen, aber es ist eine Meisterschaft, solche Programme professionell zu produzieren. Das mag nicht das Programm sein, das ich gucke, wird aber täglich von zwei Millionen Menschen nachmittags gesehen.

SPIEGEL: Die Privatsender waren ja eigentlich mal dazu da, die Ödnis der Öffentlich-Rechtlichen aufzubrechen.

Kogel: RTL am Samstagabend sieht heute genauso aus wie das ZDF in den achtziger Jahren. Nur leider sieht das ZDF eben heute nicht mehr so aus. Eine so gut gemachte Show wie "Das Supertalent" von RTL müsste heute eigentlich beim ZDF laufen.

SPIEGEL: Als Sie 1995 zu Sat.1 kamen, haben Sie Programmpolitik mit dem Scheckbuch gemacht. Für viel Geld haben Sie eine Moderatoren-Armada von Harald Schmidt bis Gottschalk eingekauft. Der Erfolg blieb erst mal aus.

Kogel: Im Verdrängungswettbewerb Mitte der neunziger haben alle Sender viel Geld ausgegeben. Sat.1 war damals eine Mischung aus "Glücksrad", Heizdeckenverkauf und US-Lizenzserien. Ich musste das ganze Programm umbauen. Da sind erst mal Zuschauer weggeblieben. Aber man muss Gesellschafter haben, die das aushalten und sich ernsthaft über Programm auseinandersetzen wollen. Natürlich gab es auch mit den damaligen Eignern, dem Springer-Verlag und Leo Kirch, ab und zu Streit, aber letztlich haben die mich machen lassen. In meinen sechs Jahren bei Sat.1 wurde von Hunderten Programmvorhaben nur eines abgelehnt.

SPIEGEL: Nämlich?

Kogel: "Big Brother". Heute kann ich das ja erzählen. Ich war mit dem Produzenten John de Mol befreundet, der extreme Probleme hatte, das Format unterzubringen. Auch RTL hatte abgesagt. Ich wusste, das Programm hat was, auch wenn es an die Schmerzgrenze geht. Im Aufsichtsrat gab es eine harte Qualitätsdiskussion, die war sicher berechtigt. Als es später bei RTL II ein Monster-Erfolg wurde, hat aber auch niemand gesagt: Hätten wir es bloß gemacht! Es war eine klare Entscheidung gefallen, aus Qualitätsgründen.

"Schmidt spielt im Duo sein Potential nicht aus"

SPIEGEL: Fehlt so ein Verrückter wie Kirch inmitten der glatten TV-Verwalter-Riege?

Kogel: Ich bin ein wirklich großer Fan des Unternehmers Leo Kirch. Einmal bin ich zu ihm gekommen, weil ich billiges Lizenzprogramm für den Vormittag brauchte. Ich sagte: Leo, ich brauch mal wieder die 122 Folgen von "Straßen von San Francisco". Er sagte nur: Es sind 120. Er wusste vielleicht nicht unbedingt, wie ein Sender funktioniert, aber er verstand etwas von Programm!

SPIEGEL: Kirchs Verrücktheit endete bekanntermaßen in der Pleite.

Kogel: Er hat aber 40 Jahre wahnsinnig viel richtig gemacht, und er hatte eine Vision. Vor allem hat er den Dingen Zeit gegeben. Das wäre heute unvorstellbar. Heute wagt sich keiner mehr so richtig vor, aus Angst, einen Fehler zu machen. Die Leute in den Chefetagen denken mehr daran, ihren Job zu behalten, als ihn zu machen.

SPIEGEL: Nach der Pleite hat Kirch den Kontakt zu Ihnen abgebrochen. Waren Sie enttäuscht?

Kogel: Jede Beziehung hat ihre Zeit. Ich habe jetzt wieder mehr Kontakt zu ihm, aber auf einer sehr entspannten Ebene. Heute fragt er mich eher, ob ich mir "Dick und Doof" auf dem Handy anschauen würde und ob solche Schnipsel funktionieren. Darüber diskutieren wir dann.

SPIEGEL: Sie hören bei Constantin Film auf, Harald Schmidt scheint müde, Günther Jauch macht wenig Neues, Gottschalk ist in einer Phase des abgeklärten Vorruhestands angekommen. Tritt demnächst eine ganze TV-Generation ab?

Kogel: Sie unterschätzen die Protagonisten. Aber das ist in der Tat eine ganz besondere Riege. Kurz bevor ich bei Sat.1 anfing, habe ich sie alle - Gottschalk, Fritz Egner, Schmidt, Jauch - in einen Kleinbus gepackt und zu Leo Kirch in die Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße gefahren. Ich wollte sie ja alle im Programm haben. Kirch hat dann erst mal einen Frankenwein aufgemacht.

SPIEGEL: Die guten alten Zeiten ...

Kogel: Die Zeiten sind heute nicht schlecht. Aber das war eine Generation von Moderatoren, die im ARD/ZDF-System groß geworden sind, wo am Samstagabend um 19 Uhr noch 15 Millionen Zuschauer zugeguckt haben. Wenn man über ein paar Jahre bei so vielen präsent ist, ist man halt populär. Diese Chance haben junge Moderatoren heute gar nicht mehr. Und in der Comedy-Ecke fehlt der Mut, auch mal Richtung Moderation zu gehen. Michael "Bully" Herbig etwa hat doch Entertainer-Talent. Er kann singen - ein bisschen. Er kann tanzen - ein bisschen. Aber für einen Künstler, der zwei Kinofilme mit jeweils zehn Millionen Zuschauern gedreht hat, ist das eine schwierige Entscheidung: Will man sich so angreifbar machen?

SPIEGEL: Ihr Freund und Geschäftspartner Schmidt scheint da schmerzfrei zu sein. Er macht "Bambi" sowie "Schmidt & Pocher" weiter, obwohl er ganz offensichtlich keine Lust mehr hat.

Kogel: Ich habe mit Harald ungefähr 1400 Late-Night-Sendungen produziert und lese oft den Satz: Der Schmidt ist lustlos geworden. Das hat sich irre verselbständigt, übrigens auch bewusst gesteuert durch Harald selbst, der damit spielt. In Wahrheit brennt er schon ziemlich.

SPIEGEL: Fürs Theater wahrscheinlich.

Kogel: Das Theater hat ihn wieder befeuert. Ich staune selbst, welche neuen Horizonte sich da auftun. Aber wir haben ganz klare Vorstellungen, wo wir hinwollen.

SPIEGEL: Wohin denn?

Kogel: Ich glaube, dass Harald Schmidt als Moderator und Sendungsmacher gut beraten ist, im Wahljahr die Comedy-Latte wieder höher zu legen in Richtung Anspruch und Intellekt, vergleichbar mit dem US-Polit-Komiker Jon Stewart - aber eben Harald Schmidt. Bankenkrise, Rezession, die Malediven und Helgoland vor dem Untergang, die CDU mit Angie gegen Frank-Walter - da will man Schmidt auf einem Level sehen, das sonst im deutschen Fernsehen niemand liefert.

SPIEGEL: Das heißt, dass "Schmidt & Pocher" auf jeden Fall vorbei ist?

Kogel: Ja, im April 2009. Das war von vornherein ein zeitlich begrenztes Experiment - und zwar von beiden Seiten. Beiden hat es gutgetan. Aber jetzt ist es Zeit, dass sie wieder getrennte Wege gehen.

SPIEGEL: Wieso hat sich das Duo nicht bewährt?

Kogel: Es hat sich bewährt und war damals genau richtig. Ich halte Oliver Pocher noch immer für eines der größten Talente. Obwohl er immer hustet, wenn ich das sage. Er wird seinen Weg machen. Aber jetzt sind die Gemeinsamkeiten ausgelotet. Schmidt spielt im Duo sein Potential nicht aus.

SPIEGEL: Warum kehrt er nicht zu dem zurück, was er am besten kann - die tägliche Late Night?

Kogel: Das ist erst mal Träumerei - und auch die Frage: Wer kann das bezahlen? Aber eine tägliche Late Night kann nur Harald. Dafür braucht man jemanden mit Haltung. Das funktioniert nicht, wenn Sie ein hervorragendes Gag-Schreiber-Team haben und Witze erzählen, die Ihnen vorher jemand aufgeschrieben hat. Der Zuschauer merkt sofort, ob Ihnen der Witz hätte selbst einfallen können oder von jemandem kommt, der eigentlich im Intelligenzquotienten zehn Punkte über Ihnen liegt. Deswegen kann man nicht irgendeinen Comedian nehmen und sagen: Den lassen wir jetzt eine Late-Night-Show machen.

SPIEGEL: Sie waren beim ZDF und bei Sat.1 als Yuppie und Jugendwahn-Verfechter verschrien. Fühlen Sie sich jetzt schon wie ein Medien-Rentner, wenn Sie Ende des Jahres Constantin verlassen?

Kogel: Nein, überhaupt nicht, mich begeistert Fernsehen immer noch. Ich könnte auch nicht wie der frühere Premiere-Chef Georg Kofler in Energietechnik investieren. Dazu bin ich ein viel zu großer Überzeugungstäter in Sachen Programm.

SPIEGEL: Damals wären Sie gern ProSiebenSat.1-Chef geworden. Kirch hat sich gegen Sie entschieden. Hätten Sie den Job heute noch reizvoll gefunden?

Kogel: Nein. Das liegt aber daran, dass ich Großkonzerne grundsätzlich nicht mehr reizvoll finde. Irgendwann ist man in solchen Läden nur noch der Strukturhengst und hat gar keinen Kontakt mehr zum Basisgeschäft. Constantin war toll: groß, aber noch überschaubar. Trotzdem merke ich, dass ich Schwierigkeiten habe mit diesen ganzen Entscheidungsmechanismen. Das mag ja auch am Alter liegen. Ich kümmere mich jetzt um meine eigenen, kleinen Medienfirmen.

SPIEGEL: So, wie Sie das sagen, hört sich das schon ein bisschen nach Altersteilzeit an.

Kogel: Dafür bin ich gar nicht der Typ. Wenn man einmal morgens Quoten angeschaut hat, wird man das nicht wieder los. Aber ich bin jetzt sechs Tage pro Woche fremdbestimmt und hätte gern fünf selbstbestimmt. Ich habe nun die richtige Frau gefunden und lebe auf dem Land. Demnächst lerne ich noch Gitarre. Das wollte ich immer schon mal. Ich bin also wirklich glücklich.

SPIEGEL: Herr Kogel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die SPIEGEL-Redakteure Isabell Hülsen und Markus Brauck.

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