AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Global Village Tequila aus dem Bauchnabel

Warum Bobby aus Nigeria in Moskau seine Seele verlor


Die Straße heißt "Prospekt des Akademiemitglieds Sacharow", sie trägt den Namen eines ebenso prominenten wie ehrenwerten Dissidenten der Sowjetzeit. Haus Nummer 14 passt deswegen nicht so recht hierher.

Nummer 14 beherbergt das "Kapris", den edelsten aller Moskauer Clubs, die Damen vorbehalten sind. Ein Etablissement, das 1000 Rubel Eintritt verlangt, 26 Euro, und Cocktails wie "Goldene Brustwarze", "Adrenalin" oder "Vibrator" verkauft, einen 23-Euro-Drink aus Baileys, Bananenlikör und Rum.

In dem sich Männer für Frauen ausziehen und es jede Menge Gigolos gibt, auch dunkelhäutige. Solche wie Bobby.

Bobby ist 29, er kommt aus dem nigerianischen Lagos. Er war sieben, als sein Vater, ein Autohändler, starb, die Mutter blieb mit ihm und drei weiteren Geschwistern allein. Sie hatte Mühe, die Kinder mit einem Kleiderladen durchzubringen, vor drei Jahren starb auch sie. Bobby, der Älteste, wurde daraufhin auf die Reise geschickt: Er sollte sein Glück in einem Land versuchen, in dem es so kalt ist, dass er selbst im Sommer manchmal mit einer Wattejacke herumlaufen muss. Verglichen mit Lagos, dem nach Fisch und Öl stinkenden Moloch am Südatlantik, ist Moskau aber das Paradies.

Bobby fing ein Ingenieurstudium an und brach es nach einem Jahr wieder ab. Die Geschwister in Lagos brauchten Geld, das Geld sollte er liefern, der Bruder im fernen Moskau, jener Stadt, die inzwischen zum Bonanza des Ostens geworden ist. So jedenfalls erzählt man es sich daheim in Afrika, und so kam Bobby in diesen Club.

Kapris bedeutet Laune oder Grille, was auf eine neue Spezies Moskauer Frauen zielt. Auf solche, die es zu Geld gebracht haben und die nicht mehr abhängig sind von Russlands machohaften, aber im Grunde verwöhnten und unselbständigen Männern. Die aufs alte sowjetische Rollenmodell pfeifen, dem zufolge Frauen zwar in den Weltraum fliegen, Straßen teeren und Kinder erziehen durften, im öffentlichen Leben aber die zweite Geige spielten. Die nun Gleichberechtigung wollen, wie sie ihnen die Propaganda stets versprach. Auch sexuell.

"Die meisten Frauen kommen ins Kapris, weil es hier guten und unkomplizierten Sex gibt", sagt Inna, eine 22-Jährige mit Pagenschnitt. Sie sitzt mit Wiktorija, einer blondgefärbten Sekretärin aus dem Innenministerium, und Nadja, der Assistentin eines Richters, an einem der vorderen Tische.

Nadja trägt ein elegantes schwarzes Kleid und kniehohe Lederstiefel. "Alltag und Job in Moskau sind hart bis über die Grenze der Belastbarkeit hinaus", sagt sie, "auch Frauen müssen mal entspannen." Wiktorija erklärt, sie wolle "endlich machen, was Männer ohnehin die ganze Zeit tun".

Was der Club bietet, ist im "Crazy Menu" aufgelistet. Tequila aus dem Bauchnabel schlürfen: 40 Euro; in einer Stretchlimousine mit einem Gigolo durchs nächtliche Moskau fahren: 400 Euro; sich mit einem der Tänzer zurückziehen: 800 Euro. "Ich fühle mich hier wie eine Königin, ich bekomme Komplimente im Fünf-Minuten-Takt", schwärmt Wiktorija. Anders als draußen, in der Männerwelt.

Nadja und ihre Freundinnen haben Bobby zum Striptease bestellt, den Jungen aus Lagos. Bobby hat eben noch im Scheinwerferlicht auf der Bühne getanzt, ein Schwarzer mit dem Körper eines Zehnkämpfers, die Lenden nur mit einer amerikanischen Flagge bedeckt. Jetzt ist er allein für die drei Freundinnen da. 2000 Rubel kostet das, aber was ist aufregender als ein dunkelhäutiger Gigolo?

Bobby lässt die Hüften in Augenhöhe der drei Russinnen kreisen. Nadja steckt ihm zwei 100-Rubel-Scheine eine Handbreit unter den Bauchnabel. Sie fährt mit ihren Fingern über seine Brust, dann fällt die Fahne. Bobby ist jetzt nackt bis auf einen Mini-Tanga. Er kniet zwischen Nadjas Beinen, die Köpfe der beiden sind so nahe, dass die Nasen sich fast berühren.

Vorn auf der Bühne wechseln sich Männer in Matrosenuniform, Mechanikerkittel und schwarzem Anzug ab. Eine Gruppe von Studentinnen feiert den "Djewitschnik", eine Art weiblichen Polterabend: Vor der Hochzeit gönnen sie der Braut noch einen "Männerharem", drei strippende Tänzer für 150 Euro.

Nebenan kommt Chico aus Neapel von einem "Privattanz" aus dem Séparée zurück. Wie die meisten der Tänzer hier mag er seinen Job; Geld damit zu verdienen, von Frauen begehrt zu werden, klingt wie ein Männertraum. Für Bobby aber ist es inzwischen ein Alptraum.

Er steht jetzt hinter der Kulisse, trocknet sich den Schweiß von der Stirn und steigt in seine Jeans, die Augen sind müde. "Die Russinnen fahren mich in ihren teuren Autos herum, aber ich bin nur ihr Spielzeug", sagt er.

In seiner Heimat, so erklärt Bobby, seien Männer noch Männer und Frauen noch Frauen, das letzte Wort habe immer der Mann. Undenkbar, dass sich ein Kerl dafür bezahlen lasse, eine Frau zu berühren. Undenkbar, dass eine Frau sich einen Typen kaufe wie Gemüse auf dem Markt. Er hat ein Kind mit einer Russin, heimisch geworden in Moskau ist er aber nicht.

Wenn er einer Russin sage, sie solle ihm Tee kochen, tue sie das nur, wenn er darum bitte, klagt Bobby. "Und wenn ich mal die Stimme hebe und etwas lauter werde, erklärt sie mir gleich, dass das so nicht gehe."

Das letzte Mal, als Bobby zu seinen Geschwistern nach Nigeria flog, sei etwas Merkwürdiges passiert. "Ich konnte auf einmal nicht mehr laut werden gegenüber einer Frau", sagt er. "Ich habe in Russland meine Kraft und meine Seele verloren."



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