AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Pop Der Marathon-Mann

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2. Teil: "Bevor mein Sohn geboren wurde, drohte ich ein bisschen jämmerlich zu werden"


Campino bekam mit der Schauspielerin Karina Krawczyk einen Sohn, Lenny, bald fünf Jahre alt. Doch die Beziehung ging kaputt, und seitdem ist vieles kompliziert und schmerzhaft, auch deswegen macht er inzwischen eine Therapie. Eine Ärztin in Berlin, die er seine Heilerin nennt, päppelt ihn wieder auf, wenn er nicht mehr weiterweiß. Wenn dieser Druck wieder da ist. Wenn es nicht mehr reicht, Sänger von Deutschlands vielleicht größter Rockband zu sein.


Also spielte Campino 2006 unter der Regie von Klaus Maria Brandauer in Berlin. Er gab den Mackie Messer der "Dreigroschenoper", und er war gar nicht schlecht, doch die Produktion war ein Chaos, und die Inszenierung wurde verrissen. Jetzt läuft der Wenders-Film "Palermo Shooting", aus dem Campino herausstrahlt, doch der Film ist beschwert von einer künstlerischen Angestrengtheit, die auch auf den Hauptdarsteller zurückfällt.

Es ist mittlerweile nach Mitternacht, der Sänger sitzt auf dem Rücksitz einer Audi-Limousine, die ihn durch die Nacht von Bielefeld nach Hamburg bringt, wo er am nächsten Morgen Interviews im Radio geben soll. Das Konzert ist gut gelaufen, zweieinhalb Stunden ist er mit seinem zeitweise nackten, drahtigen Oberkörper über die Bühne gerannt und hat sein Arsenal der seit Jahren bekannten, immer noch funktionierenden Campino-Gesten ausprobiert: das Explodieren seines Körpers, Spagatsprünge, die Beine hinter dem Mikrofonständer überkreuzt, die Augen, zusammengekniffen, der ausgestreckte Arm über den Köpfen des Publikums, als wolle er es segnen.

Er kann, wenn es sein muss, dieses Campinohafte jederzeit anschalten. In Palermo etwa, bei der italienischen Premiere des Films, ist er unvermittelt in eine Pressekonferenz mit Wim Wenders geraten. Sie war schon seit einer Stunde zäh im Gang, ständig musste vom Englischen ins Italienische übersetzt werden und umgekehrt. Auf dem Podium war noch ein Stuhl frei, für Campino. Er, seinen Rucksack noch über der Schulter, brauchte exakt eine Sekunde, um verwirrt zu sein, dann schmiss er den Campino-Motor an, Grinsen, zusammengekniffene Augen, Eroberung des Mikrofons, der erste Gag. Dankbarkeit im Publikum, Dankbarkeit auf dem Podium.

Jetzt, während der nächtlichen Autofahrt, schleicht das Campinohafte langsam aus ihm heraus. Nach dem Auftritt hat er die vom Physiotherapeuten angesetzte Regeneration ausfallen lassen und stattdessen eine Flasche Champagner mitgenommen zum Runterkommen. Der Champagner korkt, macht nichts. Die Endorphine, die ein solcher Auftritt selbst bei so viel Erfahrung im Gehirn noch hervorruft, weichen langsam. Campino wird ruhig. Der Audi fährt 240, draußen rauscht in der Nacht jenes Deutschland vorbei, an dem er sich seit 30 Jahren abarbeitet.

Das bundesrepublikanische Panorama der letzten Jahrzehnte ließe sich an ihm erzählen. Die Toten Hosen haben sich im gleichen Jahr gegründet, in dem Kohl Kanzler wurde. Campino sang gegen die Atomkraft in Wackersdorf, trat bei Demonstrationen gegen die Asylrechtsverschärfung auf der Bonner Hofgartenwiese auf und heimlich in Ost-Berlin. Und als 1988 in Duisburg-Rheinhausen das Krupp-Stahlwerk schließen sollte und es zu Massenprotesten kam, reiste Campino mit den Toten Hosen an, ein damals 25-jähriger Punk. Er hatte sich mit Kugelschreiber einen Text auf den Arm notiert, den er erstmals singen wollte, in dem sich "Korruption" auf "Union" reimte. Bei allen Bommerlunder-, Jägermeister- und Opel-Liedern, die Campino bis heute singt - es lag auch immer eine Verbissenheit und Schwere auf ihm, die ihm oft vorgeworfen wurde, ein Missionars- und Predigertum.

Auch an diesem Abend in Bielefeld, es ist der 9. November, hat er im Konzert an die "Reichskristallnacht" erinnert, was möglicherweise wirkungsvoller ist als mancher Geschichtsunterricht. Aber auf einem Rockkonzert hat es zugleich etwas Schulmeisterliches. "Das ist mir egal", sagt Campino. "Ich bin so erzogen. Ich muss das tun."

Campino wuchs als Andreas Frege in Mettmann bei Düsseldorf in einer Juristenfamilie auf, er hat zwei ältere Brüder und drei Schwes-tern. Sein Großvater war der erste Präsident des Bundesverwaltungsgerichts, und sein Vater, nachdem er den Zweiten Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tag als Soldat erlebt hatte, wurde Richter am Oberverwaltungsgericht Münster, war Presbyter, Gewerkschafter und schickte die Kinder auf ein humanistisches Gymnasium. Einer von Campinos Brüdern ist heute einer der renommiertesten Insolvenzanwälte in Deutschland und wickelt gerade die Lehman-Bank ab.

Mit 16, in den siebziger Jahren, wurde Campino Punkmusiker. Mit 26, in den Achtzigern, Rockstar. Und mit 36, in den Neunzigern, eine deutsche Celebrity. Das war jene Zeit, als er in unzähligen Talkshows Meinungen zu fast allem vertrat und lange Zeit nicht bemerkte, dass er in seiner Rolle des Berufsjugendlichen mit den stacheligen Haaren feststeckte. In den letzten Jahren ist es ihm gelungen, sich davon zu befreien.

"Bevor mein Sohn geboren wurde, drohte ich ein bisschen jämmerlich zu werden", sagt er. "Doch seit er da ist, ist das Älterwerden für mich kein Thema mehr." Heute setzt sich Campino für die Darmkrebsvorsorge ein, weil seine Eltern an der Krankheit gestorben sind.

Um drei Uhr morgens hält der Audi vor einem Hotel in Hamburg. Campino wird ein paar Stunden schlafen, so wenig wie in fast allen Nächten der letzten Wochen.



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