AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 1/2009

Pop Der Marathon-Mann

Von

3. Teil: Andreas Frege? Niemand nennt ihn ja so



Ungefähr eine Woche später kommt Campino endlich mal wieder für ein, zwei Tage nach Hause. Das ist in Düsseldorf. Er ist mittags aus Wien eingeflogen, wo er am Vormittag noch sieben Interviews gegeben hat. Er hatte zuvor kein gutes Wochenende in Berlin, wo er wegen seines Sohnes eine kleine Wohnung in Charlottenburg unterhält. Seine Heilerin hatte keine Zeit für ihn, und in den ersten Interviews, die schon erschienen sind, greifen die Journalisten ihn an. Eines trug die Überschrift "Ich bin wohl eher konservativ." So weit ist es nun.


Im Flugzeug kam durch die Sitzreihen eine Mittdreißigerin auf ihn zu und sprach ihn mit seinem echten Namen an: "Bist du Andreas? Andreas Frege?" Niemand nennt ihn ja so. Campino verstand nicht richtig, er hört nämlich schlecht, war verwirrt - kennt er die von früher? - und reagierte unwirsch. "Danke für die tolle Musik all die Jahre", flüsterte die Frau. "Was hat die gesagt?", fragte Campino. Viele Stunden später an diesem Tag, längst zurück in Düsseldorf, sagt er unvermittelt: "War ich blöd zu der Frau heute Morgen?"

Endlich Düsseldorf, endlich Tasche auspacken. Campino bewohnt etwas, das man in den Achtzigern ein Industrieloft genannt hätte. Seit dieser Zeit hat er die Wohnung auch, er lebt hier seit mehr als zwanzig Jahren, ein Schlafzimmer und eine Halle, in der Halle steht eine mächtige Badewanne, daneben ein Crosstrainer, Fotos von Lenny, ein Tagebuch auf dem Schreibtisch, Ausblicke auf Lkw-Speditionen. Im Kühlschrank findet sich noch eine Tüte Orangensaft.

Hier hat Campino seine Texte für das neue Album geschrieben, er hat sich von niemandem helfen lassen diesmal und ist auch nicht wie sonst in ein Hotel gegangen. Er hat zu Hause gedichtet, weil er im wörtlichen Sinn bei sich sein wollte. Er habe großen Druck gespürt, Texte zu schreiben, die eine Dringlichkeit haben und wasserdicht sind. "Dringlichkeit" und "wasserdicht" sind Worte, die Campino oft benutzt. Nur, wo nimmt man so eine Dringlichkeit her? Campino hat versucht, sie aus den letzten paar Jahren zu schöpfen, als er oft ausgebrannt war, Zweifel bekam und nachdenklich wurde.

Schon nach der Brecht-Sache im Herbst 2006 hatten die anderen Bandmitglieder darauf gedrängt, eine neue Platte aufzunehmen, ihr Sänger hatte aber plötzlich wieder anderes vor: jetzt auch noch Wim Wenders, Hauptrolle. Musste das sein? Es musste, sagt Campino. Hatte es ihn früher in die Talkshows gezogen, trieb es ihn nun in die Hochkultur, zu Brandauer ans Theater, zu Wenders ins Arthouse-Kino. Seine Identität, sein Anspruch an sich selbst verlangte nun mit Mitte 40 nach mehr als nur der Mitgliedschaft in einer Düsseldorfer Punkband, die er zwar liebt, mit der er Millionen Menschen begeistert, in der aber nach einem Vierteljahrhundert seine künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr sehr variabel sind.

Wenn dann der texttreue, konservative Theatermann Brandauer und der beflissene Regisseur Wenders Campino engagieren, meinen sie, sich damit immer noch einen Gestus des Subversiven zu sichern, obwohl der Rockstar selbst längst Eigentum des deutschen Mainstreams ist. Vor einigen Jahren wählten ja schon die Zuschauer des ZDF Campino auf Platz 65 der "größten Deutschen", einen Platz vor Franz Josef Strauß, drei vor Friedrich von Schiller.

Am Nachmittag probt Campino mit der Band. Er ist so müde, dass es weh tut. Nach anderthalb Stunden sagt er: "Kommt, genug für heute." Er möchte - trotz dieser verfluchten Müdigkeit - noch zum Kickbox-Unterricht. Danach meldet er sich am Telefon. Die Verabredung für heute Abend müsse er absagen. Na klar, kein Problem, er ist zu ausgelaugt. Falsch. Campino möchte noch auf seinen Crosstrainer. "Wenn ich das jetzt noch mache, war es ein guter Tag." So verhält sich nur ein Mensch, der nach Kontrolle strebt, über sich, sein Leben und die Dämonen, die es bedrohen. Einer, der sich getrieben fühlt.

Einen Monat später, es ist fast schon Weihnachten, und Die Toten Hosen spielen fast jeden Abend ein Konzert. Campinos schlimmste Befürchtung, dass seine Stimme nicht hält, hat sich bisher nicht bewahrheitet, dafür hat sich trotz des Trainings die Achillessehne entzündet.

An diesem Abend hat die Band in der Berliner O2 World gespielt, nach dem Auftritt ist Campino wie immer nicht richtig zufrieden. Er, protestantisch erzogen, fürchtet stets, den Leuten etwas schuldig zu bleiben, dem Publikum, aber auch den Freunden und Extremfans, die nun vor seiner Garderobe auf der Aftershow-Party im Neonlicht stehen und darauf warten, dass er, Campino, sich kurz zeigt.

Für den folgenden Tag ist kein Konzert angesetzt. Er könnte jetzt ein bisschen feiern. Er könnte versuchen, den Druck loszuwerden.

Aber Campino hat keine Zeit. Die Babysitterin wartet. Er hat ihr versprochen, nach dem Konzert, auf dem ihn 14.000 Menschen bejubelt haben, spätestens Punkt halb zwei wieder zu Hause zu sein. Länger kann sie auf gar keinen Fall bleiben. Campino schaltet also ein letztes Mal für heute seinen Campino-Motor an, kämpft sich durch die Menge im Neonlicht, schüttelt Hände, fällt um Hälse, sagt "Und? Alles gut?" und lässt sich von ungefähr hundert Handys fotografieren. "Es geht darum durchzuhalten. Ich fahre den Motor, bis er raucht und den Geist aufgibt", sagt er.

In dem Lied "Pessimist" heißt es: "Doch wenn am Abend die Stille / All das Geschwätz besiegt / Und sich wie ein Teppich über mich legt / Kann ich mich endlich wieder atmen hören."

Um viertel nach eins zieht der Sicherheitschef der Toten Hosen den Sänger aus der Menge. Ein Auto wartet, der Motor läuft. Noch 15 Minuten bis zum Babysitter.



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