AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 2/2009

Weltkonjunktur Kollektiv im Heimaturlaub

Der Traum vom Wohlstand lockte Quan Xiaoju aus der Provinz an die Fließbänder von Guangdong. Jetzt muss sie zurück, denn Chinas Boom ist - vorerst - zu Ende.

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Zum Abschied bleibt nicht einmal Zeit für einen wehmütigen Blick zurück - auf das Gewimmel der schwerbepackten Wanderarbeiter vor dem Bahnhof der Neun-Millionen-Stadt Guangzhou. Oder auf die verwegene Stadtautobahn gegenüber, auf Stelzen erbaut, über die auch in der Krise noch ein Fahrzeug nach dem anderen rollt.

Die Menge drängt gnadenlos vorwärts, sie drängt Quan Xiaoju regelrecht in den Bahnhof hinein. Die zierliche Wanderarbeiterin legt ihre Habe - einen schwarzweiß karierten Koffer und eine kleine Plastiktüte - eilig auf das Band der Sicherheitsschleuse, dann wird sie schon weitergeschoben, über eine Rolltreppe hinauf in eine der riesigen Wartehallen.

Die chinesische Weltfabrik entledigt sich ihrer Arbeitssklaven, kostengünstig und effizient, fast wie am Fließband. In langen Sitzreihen, dicht an dicht, warten sie auf den Rücktransport in ihre Heimatprovinzen, dorthin, von wo sie mit der Verheißung auf Wohlstand einst hergelockt wurden. Die "kleine Chrysantheme" - so heißt Xiaoju auf Deutsch - hat jetzt endlich Zeit, durchzuatmen und sich ein wenig umzuschauen. Ihr Zug zurück gen Norden nach Hengyang in der Provinz Hunan fährt erst in einigen Minuten ab.

Im Bahnhof herrscht Hochbetrieb wie sonst vor dem chinesischen Neujahrsfest, wenn die Firmen der Provinz Guangdong - die riesige Exportfabrik, die an Hongkong grenzt und die wuchernden Millionenstädte Shenzhen und Dongguan mitumfasst - Heere von Wanderarbeitern kollektiv in den Heimaturlaub schicken.

Doch diesmal ist es ein ungeahnter, unfreiwilliger Abschied, er dürfte für länger sein, und daher ist die Stimmung gedrückt.

Die meisten Reisenden sind auffallend jung, darunter viele Frauen wie Xiaoju, die 17 ist, aber aussieht wie 14. Fast alle hier könnten ähnliche Geschichten erzählen wie die drei entlassenen Arbeiterinnen aus Hunan, die bunte Aufkleber für Jeans druckten und jetzt mit vollen Plastiktaschen auf die Abfahrt warten. Oder wie das junge Ehepaar aus dem fernen Chongqing, das in einer Textilfabrik Pullover herstellte und nun mit seiner Habe - Reiskocher, Ventilator, Matratze - den halben Gang versperrt.

Wenige Tage erst ist es her, dass Xiaoju ihren Job verlor in der Exportfabrik, wo sie mit ihren schlanken Fingern billigen Silberschmuck fertigte. "Die Ausländer bestellen nichts mehr", teilte der Boss zwei Dritteln des Personals plötzlich mit, "für euch habe ich nichts mehr zu tun."

Seit Wochen waren kaum noch ausländische Einkäufer in der Fabrik aufgetaucht. Die 200 Arbeiter hätten das mitkriegen müssen, denn ihre Produktionsräume sind durch Glas vom Büro getrennt: So konnte ihr Boss überwachen, wie emsig die Beschäftigten an den langen Tischen Ohrringe, Armreife, Halsketten formten.

Und umgekehrt bekamen Xiaoju und ihre Kollegen mit, wie die globale Krise ihren Boss plötzlich zwang, oft tatenlos herumzusitzen.

Auch in der Nachbarschaft des Betriebs im Stadtteil Panyu, wo sonst das bunte Geschäftsleben tobte, zog von einer Woche auf die nächste gespenstische Einsamkeit ein: Erst sahen Xiaoju und ihre Kollegen, wie andere Fabriken die Tore schlossen. Und weil immer mehr Arbeiter abreisten, bauten auch viele Betreiber der kleinen Garküchen eilig ihre Stände ab. Und dann standen auch die Billardtische am Straßenrand, an denen die Männer sich ihre knappe Freizeit vertrieben, plötzlich nur noch grotesk herum, wie in einem Badeort, in dem früher Winter einbricht.

Die Entlassung kam für Xiaoju deshalb nicht überraschend. Aber entsetzt war sie trotzdem, denn ihr Boss gestand den Arbeitern kleinlaut, dass er nicht mehr genug Geld in seiner Kasse habe, um die noch fälligen Monatslöhne auszuzahlen.

Xiaoju springt jetzt auf, ihr Zug wird aufgerufen. Das Gedränge geht von vorn los: Über mehrere Treppen hasten die Menschen auf den Bahnsteig, hinein in den endlos langen Zug, der voll ausgebucht ist: Xiaoju konnte noch eine Pritsche im Liegewagen ergattern - wenigstens ein Erfolg für sie, denn sieben lange Stunden wird ihr Bummelzug brauchen bis nach Hengyang.

Der Zug fährt ruckend an, und Xiaoju beginnt zu begreifen, dass es nun vorbei ist mit Guangzhou und ihrem Leben in einer der wohlhabendsten Städte Chinas. Dass sie mit ihrem Job auch erst einmal die Aussicht verloren hat, sich dauerhaft aus ihrer ländlichen Armut zu befreien. Und dass sie das zu Hause ihrer Familie wird erklären müssen.

Sie schweigt. Um sich abzulenken, tippt sie hektisch Abschiedsgrüße in die Tasten ihres rosa Handys, sie hat es sich von ihren ersten Löhnen erspart. Zwar reichte das Geld nur für ein Gerät der Marke Jinpeng - aber es sieht cool aus, es hat einen extra großen Bildschirm. Für Xiaoju war die Anschaffung ein großer Sprung; bei ihr zu Hause haben sie nicht einmal Festnetz.

Xiaoju hält das Handy fest umklammert, die wichtigste Erinnerung an ihr Arbeitsleben, ihr einziger Luxus: Umgerechnet 80 Euro kostete es, dafür musste sie rund 160 Überstunden in der Fabrik arbeiten.



insgesamt 23 Beiträge
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dafko32u43274dksa93 08.01.2009
1. Artikel
Danke, sehr interessanter und lesenswerter Artikel.
telegraph-hill 08.01.2009
2. Ich bin wirklich erstaunt ...
hier einen so gut geschriebenen Artikel zu finden.... Ein paar Minuten war ich weit weg in China... Und freue mich wie gut es mir hier noch geht ... Cheers, Oli
SaT 08.01.2009
3. drei Wahrheiten
Da gibt es zwei Wahrheiten 1)ja es stimmt viele Arbeiter werden in China ausgebeutet 2)Den meisten Chinesen ginge es wahrscheinlich schlechter wäre ihre Wirtschaft nicht frühzeitkapitalistisch ausgerichtet Schließlich gibt es noch eine dritte Wahrheit: 3) wir kaufen gerne die billigen Produkte aus China
hansdiego 08.01.2009
4. ich bin auch erstaunt
... wie unreflektiert hier vom sofa aus gepostet wird. ja, telegraph-hill, gute Unterhaltung, was? freut mich, dass es dir gut geht, mir gehts auch blendend! komm doch auf ein stück torte vorbei nachher!
juergw. 08.01.2009
5. Arbeitsmarkt in China !
Zitat von sysopDer Traum vom Wohlstand lockte Quan Xiaoju aus der Provinz an die Fließbänder von Guangdong. Jetzt muss sie zurück, denn Chinas Boom ist - vorerst - zu Ende. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,599290,00.html
So ist er der kleine Chinamann ,bzw.Chinafrau !Nix mehr zu tun ,Fabrik zu -jetzt Hartz 4 auf chinesisch ?Aber seit nicht traurig-irgenwann gehts wieder los-dann reichts hoffendlich für mehr als nur ein Handy. Das wären doch echte Wunschträume deutscher Unternehmer!
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