Geschichte Giftspur ins Sternenschloss

Über 400 Jahre nach dem Tod des Astronomen Tycho Brahe bereiten Wissenschaftler in Prag die Exhumierung des Leichnams vor. Wurde der einst berühmteste Gelehrte Europas mit Quecksilber vergiftet? Ein dänischer Forscher will das "Tagebuch des Mörders" entziffert haben.

"Etwas ist faul im Staate Dänemarks."
SHAKESPEARE, "HAMLET"

Mauern aus Menschen bildeten sich, als am 4. November 1601 ein Trauerzug durch die Straßen von Prag schritt. Einem Herold mit wehender Damastfahne folgten zwölf kaiserliche Trabanten, die einen mit schwarzem Samt bedeckten Sarg trugen. Darin lag ein Mann in vollem Harnisch.

Tycho Brahe, der geniale Sternenbeobachter der Renaissance, wurde zu Grabe getragen. Mit riesigen Quadranten hatte der Gelehrte den Himmel durchmustert und so die Tür zur neuzeitlichen Naturwissenschaft aufgeschlossen. 1573 beschrieb er erstmals eine Supernova genannte Sternenexplosion.

Sein Helfer Johannes Kepler lobte ihn als den "Phönix" der Astronomie. Er selbst verglich sich schlicht mit dem "Messias".

Zugleich war er ein Lebemann: Mitglied des dänischen Hochadels, Herr einer eigenen Insel. Ein Biograf nannte ihn einen "unverwüstlichen bramarbasierenden Gesellschaftsmenschen mit einem gewaltigen Appetit auf Essen und Wein".

Nur, woran starb dieser Himmels-Tycoon? Während eines Banketts am Kaiserhof in Prag, heißt es in zeitgenössischen Berichten, habe der Meister starken Harndrang verspürt, kam dem Bedürfnis aber aus Höflichkeit nicht nach. Schließlich sei seine Blase "verrenkt", verstopft oder irgendwie "gerissen".

Kepler (der bei Brahe zur Untermiete wohnte) bezeugte das nachfolgende Siechtum. Elf Tage konnte der Leidende kein Wasser lassen. Er starb im Delirium.

In seinem Roman "Die Unsterblichkeit" erklärte Milan Kundera die Tragödie zum "lächerlichen" Tod schlechthin. Bei ihm rutscht der Astronom so lange auf dem Stuhl hin und her, bis ihm "der Harnleiter platzte" - für Kundera ein "Märtyrer der Scham und des Urins".

Aber stimmt das überhaupt? Schon der Leichenredner wunderte sich über den "unerwarteten Tod". Bald liefen in Europa Mordgerüchte um.

Aber erst 1991 erhielt der Verdacht Nahrung. Das Prager Nationalmuseum, das den Schnurrbart Brahes aufbewahrt, übergab einige der Haare an Dänemark. Dort diente das Material für eine Laborprobe und erbrachte eine über hundertfach erhöhte Quecksilberbelastung.

Fünf Jahre später legten Physiker der Universität Lund eine weitere Untersuchung vor, diesmal mit einer Protonenmikrosonde. Der berühmte Gelehrte schluckte das Schwermetall rund 13 Stunden vor dem Tod mit einem Schlag.

Ein Giftmord? Der US-Experte Joshua Gilder vermutet, dass der Meuchler Quecksilberchlorid benutzte und dem Opfer ins Glas träufelte. Wenige Tropfen genügten.

Nur, wer besaß diese Tücke? Manche verdächtigen den Jesuitenorden. Ein Buch aus dem Jahr 2004 nennt den Forscherkollegen Kepler als Mörder. Doch dafür gibt es nicht den geringsten Hinweis.

Zudem glauben nicht alle an ein Verbrechen. Die Erbverwalter des Astronomen in Kopenhagen bezweifeln, ob das Quecksilber überhaupt todbringend wirkte. Andere gehen von einem Unfall aus. Bekannt ist, dass Brahe als Alchimist auch Wunderarzneien herstellte. Damit, so die Annahme, habe er sich vielleicht versehentlich selber ins Jenseits befördert.

Um das Rätsel endlich zu lösen, soll die Totenruhe gestört werden. Eine Gruppe aus Konservatoren, Chemikern und Ärzten will in diesem Jahr die Gruft in der Prager Teynkirche öffnen und den Toten einer kriminaltechnischen Analyse unterziehen.

Geplant sei eine "Computertomografie des Skeletts" sowie die Entnahme von "100 Milligramm Knochenmaterial", erklärt der leitende dänische Archäologe Jens Vellev. Derzeit wartet das Obduktionsteam auf eine letzte Genehmigung.

Für die meisten Kenner steht das Ergebnis allerdings schon jetzt fest. Dass Brahe gemeuchelt wurde, meinen sie, ergebe sich zwingend aus den vorliegenden Prüfdaten (siehe Grafik).

Und auch bei der Suche nach dem Attentäter tut sich eine neue Spur auf. Der Straßburger Germanist Peter Andersen hat alle Personen überprüft, die in Kontakt mit dem Prager Hofastronomen standen. Sein Verdacht: "Der Anschlag erfolgte auf höchster politischer Ebene. Drahtzieher war der dänische König Christian IV."

Meuchelte Erik Brahe seinen Vetter Tycho Brahe?

Selbst den gedungenen Mörder glaubt der Wissenschaftler identifiziert zu haben: Es handelt sich um den schwedischen Grafen Erik Brahe. Den Historikern galt dieser Mann bislang als "Freund" und "liebevoller Vetter" von Tycho Brahe. Bekannt ist, dass er sich kurz vor dessen Tod im Haus des Sterbenden aufhielt.

Andersen reißt dem Verwandten jetzt die Maske vom Gesicht. "Erik Brahe war ein amouröser Lebemann, stets in Geldnöten", erläutert der Forscher. "Als Geheimdiplomat diente er sich mehreren gekrönten Häuptern an."

Mit dem Astronomen sei er zudem nur entfernt verwandt gewesen, "über die schwedische Nebenlinie der Familie, die sich 200 Jahre zuvor abgespalten hatte".

Am 15. Januar will der Renaissance-Derrick seinen Verdacht erstmals in Kopenhagen vor breitem Publikum vortragen. Sein wichtigstes Beweisstück ist das Tagebuch des vermeintlichen Mörders, das er in Stockholm aufgestöbert hat. "Darin stehen die Details des Anschlags und indirekt auch das Schuldeingeständnis des Täters", so der Fahnder.

Tut sich da eine Fährte auf, die hineinführt in die von grausamen Ränken erschütterte Zeit der Spätrenaissance? Zweifellos lag auf Brahes Leben zuletzt ein seltsamer Fluch. Anfangs hatte der Däne wie ein Glückskind gelebt. Er studierte in Leipzig und Wittenberg. Bald ließ er immer gewaltigere Quadranten und Armillarsphären zum Vermessen des Universums bauen.

1576 überließ ihm der dänische König sogar eine Insel im Öresund. Brahe errichtete dort "Uraniborg": eine Art Sternenschloss mit Beobachtungskuppeln. Gewaltige Astro-Geräte standen in einer unterirdischen Station, deren Dach sich mit Flaschenzügen beiseiteschieben ließ.

21 Jahre lang spähte der Empiriker von hier das Firmament aus. Der Ort gilt als erste Großforschungsanstalt der Welt. Mit den gewonnenen Datensätzen gelang es später Johannes Kepler, die Gesetze der Planetenbewegung zu formulieren.

Dann, 1596, zogen plötzlich schwarze Wolken auf. Christian IV. übernahm die Krone von Dänemark und Norwegen. Er war gerade 19 Jahre alt. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, seinen berühmten Untertanen zu schmähen und ihm widerrechtlich die Lehen abzujagen. Eine Hetzjagd begann.

Innerhalb weniger Monate spitzte sich die Lage so zu, dass eine Gefängnishaft drohte. Brahe floh nach Deutschland. Zuflucht fand er bei Kaiser Rudolf II., der in Prag auf dem Hradschin lebte - ein verschrobener Menschenfeind.

Der junge Dänenkönig wütete derweil weiter. Er ließ Uraniborg abreißen. Heute findet sich von dieser Sternwarte nicht ein Ziegel mehr. Woher rührte dieser Hass?

Bis heute sind die Rachegelüste unklar. Andersen vermutet ein ödipales Motiv. Die Mutter des jungen Monarchen habe eine Liaison mit dem Astronomen gehabt: "In Europas Hochadel lief das Gerücht um, Christian IV. sei ein Bastard." Bereits das Getuschel über eine mögliche uneheliche Abkunft sei für den Thronfolger "äußerst bedrohlich" gewesen.

Wurde ein Mord vorbereitet?

Richtig ist, dass manche Renaissance- Könige aus weit geringeren Anlässen ins Nichts stürzten - auch durch Gift. In der Gruft des 1577 verstorbenen Schwedenherrschers Erik XIV. fand man Arsen.

Einige Literaturforscher glauben gar, dass Shakespeare von dem Seitensprung und der heimlichen Vaterschaft Brahes Wind bekam - und das Thema zu seinem größten Drama verarbeitete. Ebenso wie der reale Dänenkönig lebt sein "Hamlet" auf Schloss Helsingør.

Die neue Mordtheorie stützt sich indes auf härtere Indizien. Immer wieder hat Andersen das merkwürdige Tagebuch Erik Brahes geprüft. Es ist eine bräunliche Lederschwarte, über 600 Seiten dick, die er in der Reichsbibliothek in Stockholm aufstöberte. Das Werk ist angefüllt mit Geheimkrakeln. Die meisten Notizen sind in Latein verfasst.

Eindeutig belegt der Kalender, dass sein Verfasser Anfang 1601 eine große Mission vorbereitete. Überstürzt verließ er sein Schloss in Schweden und traf sich mehrfach mit dem Bruder und anderen Vertrauten des rachewütigen Dänenkönigs, zuerst in einem Hotel in Kopenhagen, dann in Danzig.

Im April reiste Erik Brahe nach Prag und schmeichelte sich sogleich bei dem Astronomen ein, den er bis dahin nicht kannte. Zugleich traf er sich im Dampfbad mit dessen dänischen Feinden.

Seinem Tagebuch vertraute der "Gesandte" derweil schwerste Gewissensbisse an. "Mea culpa", heißt es dort mehrfach ohne weitere Erklärung. Am 4. Juni notierte er: "mea maxima culpa" - meine allergrößte Schuld.

Wurde ein Mord vorbereitet? Tatsache ist, dass Erik Brahe damals in Geldsorgen steckte und offenbar wenig Skrupel kannte. Im Jahr zuvor hatte er sich dazu missbrauchen lassen, den eigenen Schwager durch ein fingiertes Gerichtsurteil zu töten.

Verdächtig ist, dass der Mann auch die Einladung zu jenem Festessen einfädelte, auf dem Tycho Brahe erkrankte. Gastgeber der Gala war Baron Peter Vok von Rosenberg, ein verschwenderischer Wüstling, der neben dem Palast des Kaisers wohnte. Die Recherchen zeigen, dass dem Adligen finanziell das Wasser bis zum Hals stand. Andersen ist überzeugt: "Rosenberg war in die Intrige eingeweiht."

Noch heute sind die Festsäle erhalten, in denen der lebenslustige Firmamentvermesser final tafelte. Zu Cembaloklängen, umgeben von türkischen Teppichen und Damen in Seide, griff er nach Wein und Braten. Dann wurde ihm schlecht.

Erik Brahe schrieb derweil in sein Tagebuch: "Ich war stark, bis ich nicht länger stark sein konnte."

Kaum zurück vom Bankett, litt der Schlemmer Höllenqualen. "Fünf Nächte lang fand er keinen Schlaf", schreibt sein Gehilfe Kepler, "schließlich konnte er unter fürchterlichen Schmerzen mit größter Mühe ein paar Tropfen herauspressen." Hinzu kam "innere Hitze".

Doch der 54-jährige Astronom besaß eine robuste Natur, er erholte sich.

Weil der erste Anschlag scheiterte, so Andersen, folgte der zweite Teil der Giftintrige. Ausweislich seines Tagebuchs erschien der vermeintliche Auftragskiller am 20. Oktober im Haus des Vetters. "Zum Mittagessen bei T. Brahe", notierte er. Den Namen seines Verwandten schrieb er komischerweise mit Geheimzeichen - als wollte er die neuerliche Kontaktaufnahme verdunkeln.

Auch am 22. und am Abend des 23. Oktober betrat er wieder die Stube des langsam Genesenden. Nutzte er den Moment, um ihm Quecksilbersalz ins Glas zu schütten? Zum Todestermin vermerkte er nur das "Ausatmen" Brahes um neun Uhr morgens.

Keine Frage: Der Germanist Andersen hat das Sterbedrama des skandinavischen Planetenmeisters neu ausgeleuchtet. Ob die Fährte tatsächlich zum Mörder führt, bedarf allerdings weiterer Prüfungen.

Alles blickt jetzt zu Brahes Modergruft, deren Grabplatten demnächst beiseitegeschafft werden sollen. Mehrere Fernsehanstalten haben bereits Interesse an der Exhumierung angemeldet.

Vor allem die Dänen sind gespannt. Aber sie bibbern auch.

Der Grund: Der als Drahtzieher unter Verdacht stehende König Christian IV. steht bei unseren nördlichen Nachbarn hoch im Kurs. Er gilt als Beschützer des Vaterlands.

Seine Kriegstaten werden in der Nationalhymne besungen.

Anmerkung der Redaktion: In die Bilderstrecke hatte sich ein Fehler eingeschlichen. Bei dem abgebildeten Observatorium handelt es sich um die "Stjerneborg" nicht um die "Uraniborg". Wir haben inzwischen korrigiert und bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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