SPIEGEL-Gespräch "Humboldt wird missbraucht"

Der Berliner Bildungshistoriker Heinz-Elmar Tenorth, 64, über falsch verstandene Chancengleichheit, faule Professoren und das Vermächtnis des preußischen Reformers Wilhelm von Humboldt

SPIEGEL: Herr Tenorth, vor 200 Jahren, im Februar 1809, trat Wilhelm von Humboldt seinen neuen Job als preußischer Kultusminister an. Der Mann ist bekanntlich lange tot, Preußen vor Jahrzehnten untergangen. Dennoch fällt Humboldts Name in jeder bildungspolitischen Debatte in diesem Land. Warum eigentlich?

Tenorth: Weil er in den 16 Monaten seiner Amtszeit alle zentralen Probleme der Bildungspolitik angegangen ist und dabei die Art und Weise geprägt hat, wie wir bis heute über Bildung sprechen.

SPIEGEL: Das klingt eher wolkig.

Tenorth: Gar nicht. Eine gängige Formel für das, was wir heute von den Absolventen unserer Schulen erwarten, lautet: Sie müssen das Lernen des Lernens lernen. Das ist haargenau die Funktion von Schule, die Humboldt in seinem Königsberger Schulplan von 1809 festschreibt.

SPIEGEL: Es gab doch schon vorher Schulen ...

Tenorth: ... aber erst Humboldt hat zukunftsfähig definiert, was Schulabgänger können müssen, um in Gesellschaft und Beruf zu bestehen. Heute heißt das "Kompetenz-Orientierung", bei ihm "Bildung". Und das ist nicht alles: Er hat Prüfungen für angehende Lehrer eingeführt und die Forschung zur Aufgabe der Universitäten erklärt. Auch das Abitur geht wesentlich auf ihn zurück, also eine verbindliche Prüfung als Voraussetzung des Uni-Besuchs. Humboldt hat das ganze Bildungssystem strukturiert.

SPIEGEL: Und stets spielte dabei der Staat die zentrale Rolle. Liegen hierin die Wurzeln unserer heutigen Bildungsmisere?

Tenorth: Humboldt wollte nicht, dass der Staat alles bis ins Detail reguliert. Er setzte auf überprüfbare Standards und vertraute dann darauf, dass die entsprechenden Leistungen erbracht wurden. Er ließ die Abiturprüfungen von Fachleuten kontrollieren, ebenso die Leistung der Schulen, nach dem Prinzip: "Zeigt mir, dass ihr Lehrer habt, die die Schüler zur Hochschulreife bringen. Ansonsten habt ihr Gestaltungsfreiheit."

SPIEGEL: Die jetzige Renaissance von Privatschulen ist also keine Abkehr von Humboldtschen Prinzipien?

Tenorth: Nein, gar nicht. Humboldt sah eine Pflicht zum Unterricht, aber der konnte auch in der Familie stattfinden. Und wo ihn Gemeinde, Kirche oder Staat übernahmen, war die Rolle der Eltern stark: "Hier, mein Kind braucht Abitur. Sieh zu, dass deine Schule besser wird." Und das hat unglaublich gut funktioniert.

SPIEGEL: Wir denken bei preußischen Schulen eher an Rohrstock-Pädagogik und ideologische Indoktrination.

Tenorth: Das hat aber mit Humboldt nichts zu tun. Der sagte ganz deutlich: Gesinnungen zu bilden ist nicht das Recht der Schulen. Und so urteilt heute auch das Bundesverfassungsgericht. Die öffentlichen Schulen sollen Parallelgesellschaften verhindern und zur Toleranz erziehen.

SPIEGEL: Aber warum ist unser Bildungssystem so dirigistisch, wenn es doch auf Humboldt zurückgeht?

Tenorth: Weil es in keiner Phase der deutschen Geschichte in Reinform jenen Konzepten entsprach, die Humboldt zwischen 1809 und 1810 entworfen hat.

SPIEGEL: Wie würde unser Bildungssystem heute aussehen, wenn Humboldts Prinzipien fest verankert worden wären?

Tenorth: Unsere Schulen wären eigenständiger, lokal stärker verankert und dort in der Verantwortung, staatlich finanziert, aber nicht gegängelt. Wir hätten eine Gesellschaft, die viel in Bildung investiert, wie Humboldt das forderte. Humboldt hinterlässt uns insofern eine Vision.

SPIEGEL: Nämlich?

Tenorth: Humboldt wollte alle jungen Menschen mitnehmen, zum Entsetzen mancher Zeitgenossen, die damals fürchteten, man würde sich die Revolution ins Haus holen, wenn man die Leute alphabetisiert. Aufgabe der Schulen war für Humboldt dabei nichts weniger als "allgemeine Menschenbildung".

SPIEGEL: Was soll das sein?

Tenorth: Bildung unabhängig von Herkunft und Beruf und in den grundlegenden Fähigkeiten. Der Tagelöhner wie der Gelehrte müssen laut Humboldt so ausgebildet werden, dass der eine nicht zu roh und der andere nicht zu verschroben wird - beide sollen also über eine lebensnahe Grundbildung verfügen. Zugleich ist Humboldt ein Vordenker der Chancengleichheit: Wer Leistung bringt, marschiert nach oben durch, egal wo er herkommt. Kein Wunder, dass der Adel mit seinen Privilegien Sturm lief gegen die Reformen. Heute definieren wir Gleichheit eher in einem sozialistisch-egalitären Sinne.

SPIEGEL: Inwiefern?

Tenorth: Wir denken Gleichheit vom Ergebnis her. Humboldt hingegen ging es um die Gleichheit der Chancen im Wettbewerb. Der größte Fehler der letzten Jahrzehnte war doch, das Leistungsprinzip als undemokratisch zu denunzieren. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Die Abkehr vom Leistungsgedanken hilft auch den Kindern nicht, denn sie wollen etwas leisten. Seit Pisa kann man zum Glück wieder über Leistung reden, ohne beschimpft zu werden.

SPIEGEL: Aber Leistung hat doch immer etwas gezählt, Bildung ermöglicht den sozialen Aufstieg.

Tenorth: Nur in sehr engen Grenzen und für wenige.

SPIEGEL: Wirklich? Die Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Willy Brandt, VW-Chef Martin Winterkorn - Beispiele für Aufstieg durch Bildung gibt es genug.

Tenorth: So lautete die Parole schon zu Zeiten von Kaiser Wilhelm II.: Freie Bahn dem Tüchtigen, was im Umkehrschluss bedeutet, der Rest sei untüchtig und zu Recht da unten. Aufstieg durch Bildung ist eine Erfindung zur Befriedung der Massen. Es ist eine Fiktion zu glauben, Bildung beseitige Klassengrenzen.

SPIEGEL: Und wie erklären Sie die Karrieren von Schröder & Co.?

Tenorth: Einzelfälle hat es immer gegeben, gelegentlich auch Expansion, Öffnung, mehr Chancen. Ich bestreite ja auch Wandel nicht, etwa, dass vor dem Ersten Weltkrieg die Chance eines Arbeiterkindes auf ein Studium schlechter als eins zu hundert war und heute bei eins zu acht liegt. Aber es lässt sich nicht belegen, dass die Klassenstruktur verschwindet, weil die Menschen durch Bildung aufsteigen.

"Für soziale Unterschiede haben schon Grundschullehrer eine Antenne"

SPIEGEL: Wenn Bildung angeblich eine so geringe Rolle spielt: Was entscheidet dann, wer oben ist und wer unten?

Tenorth: Besitz und Macht, dann vielleicht Bildung, mehr noch Herkunft. Das hat etwas mit gelerntem sozialen Verhalten zu tun, das durch das Elternhaus vermittelt wird. Warum sind denn so viele Vorstände von Dax-Konzernen ihrerseits Kinder aus der Oberschicht? Es ist die Fähigkeit, sich so zu bewegen, dass man in einem gehobenen Milieu nicht negativ auffällt. Stellen Sie sich vor, ich säße jetzt hier mit zerrissenen Jeans und T-Shirt. Da hätten Sie wahrscheinlich komisch geguckt ...

SPIEGEL: ... wir würden das schon aushalten ...

Tenorth: ... für soziale Unterschiede haben schon Grundschullehrer eine Antenne. Bei den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen überlegen sie: Kommt jemand aus dem falschen Elternhaus? Dann wird er oder sie wahrscheinlich scheitern. Die Lehrer raten dann vom Gymnasium ab.

SPIEGEL: Die Lehrer als Agenten der Klassengesellschaft?

Tenorth: Solche Tendenzen zementieren natürlich bestehende Ungleichheiten. Doch ich will fair bleiben: Die Einschätzung ist ja realistisch. Die Bildungskarriere hängt eben nicht nur von eigenen intellektuellen Fähigkeiten ab, es braucht auch ein Elternhaus, das die Kinder und Jugendlichen entsprechend fördert. Ich selbst komme aus einer Risikogruppe ...

SPIEGEL: ... willkommen im Club der Einzelfälle.

Tenorth: Doch ich hatte Glück, der Bruder meines Vaters war katholischer Geistlicher. Ich wurde kostenlos in der Schule seines Ordens unterrichtet. Diese Chance bekommen türkische Jugendliche aus Kreuzberg nicht.

SPIEGEL: Wie können die Anschluss an den Leistungswettbewerb finden?

Tenorth: Für Humboldt sind Bildung und Schule Einrichtungen der Integration in die Gesellschaft, zugleich wird die Eigenkultur von Minderheiten, beispielsweise die Religion bei den Katholiken im zeitweise preußisch regierten Litauen oder den Juden in den Städten, im Bildungswesen anerkannt. Das ist das erste Modell interkultureller Erziehung, das ich kenne. Humboldts Konzept: Die Schüler sollen in ihrer eigenen Sprache handlungsfähig sein und gleichzeitig im Deutschen, also in der Verkehrssprache, kommunizieren können, um an der nationalen Gemeinschaft teilnehmen zu können.

SPIEGEL: Das klingt staatstragend.

Tenorth: Humboldt geht es um politische Teilhabe. Die Nation ist für ihn die Gemeinschaft der gebildeten Bürger. Ihre Mitglieder sind fähig, die öffentlichen Dinge zu gestalten.

SPIEGEL: Humboldt zielte damit auf die oberen Zehntausend der preußischen Gesellschaft.

Tenorth: Nein, er meinte alle, auch das Volk, seine Prinzipien waren modern. Bildung soll zentrale Normen vermitteln, nach denen wir unser Leben regulieren. Es geht um das Bewusstsein, sein Leben über eigene Anstrengung zu organisieren und sich zivil und kultiviert zu verhalten.

SPIEGEL: Ein bescheidenes Ziel.

Tenorth: Das finden Sie bescheiden? Eingelöst ist es jedenfalls nicht, sonst müssten wir nicht über Gewalt an Schulen reden und keine Angst haben, in der U-Bahn verprügelt zu werden.

SPIEGEL: Gewalt im Alltag musste Humboldt eher nicht fürchten. Er kam aus einer adligen Familie, lebte in Schlössern und hat Zeit seines Lebens nie eine öffentliche Schule besucht.

Tenorth: Das stimmt. Aber er kannte die Welt und liefert uns den Schlüssel dafür, wie Schule erfolgreich sein kann, nämlich indem sie Kompetenz und Sittlichkeit zugleich vermittelt. Gerade in den Risikogruppen fehlt doch das Bewusstsein, dass wir für unser eigenes Schicksal erst einmal selbst verantwortlich sind, bevor wir nach dem Staat rufen. Wenn die Schule den Jugendlichen das nicht vermittelt, lernen sie das nie.

SPIEGEL: Hat sich Humboldt wenigstens an den Hochschulen durchgesetzt?

Tenorth: Dass die Universitäten nach Humboldt organisiert seien, ist leider auch ein Mythos.

SPIEGEL: Aber das Humboldt-Ideal gilt doch als Grund für den einstigen Weltruf deutscher Universitäten mit ihren zahlreichen Nobelpreisträgern wie Wilhelm Conrad Röntgen, Max Planck oder Werner Heisenberg.

Tenorth: Natürlich wirkte hier der Forschungsimperativ Humboldts nach, auch das Ideal der Einheit von Forschung und Lehre - die Realität sah vielfach anders aus. Humboldt wurde und wird missbraucht, um Interessen durchzusetzen. Meist dient er als Traditionskeule: Es darf sich nichts ändern, was laut Mythos ihm, Humboldt, zugeschrieben wird.

SPIEGEL: An wen denken Sie dabei?

Tenorth: An meine Kollegen. Viele Professoren haben sich beispielsweise lange erfolgreich dagegen gewehrt, die Lehre ernst zu nehmen. Mit den Studienreformen und der Umstellung auf die neuen Abschlüsse Bachelor und Master ändert sich das nun zum Glück. Aber immer noch wird dagegen agitiert mit dem Verweis auf Humboldt und dem von ihm angeblich dekretierten Vorrang der Forschung. Dabei verhielten sich viele Professoren bislang schlicht verantwortungslos.

SPIEGEL: Was werfen Sie Ihren Kollegen vor?

Tenorth: Beispielsweise zu erwarten, dass die Schulen allein die Abiturienten für die Hochschule qualifizieren. Es ist Aufgabe der Universität, Mängel auszugleichen, wenn es welche gibt. Doch viele Hochschullehrer tun nicht genug für die Lehre. Manche wissen gar nicht mehr, wie ein Prüfling aussieht.

SPIEGEL: Vielleicht forschen sie mehr.

Tenorth: Zum Teil, aber etwa 15 Prozent der gesamten Hochschullehrerschaft sind für 80 Prozent der wissenschaftlichen Veröffentlichungen verantwortlich. Mehr als ein Drittel der Professoren hingegen publiziert nach der Berufung auf den Lehrstuhl wenig oder nicht mehr. Professor ist ja ein angenehmer Beruf: Wir haben keinen Vorgesetzten, können freier als andere über unsere Zeit bestimmen. Da über Leistungszwang zu schimpfen ist unredlich.

SPIEGEL: Aber berufen sich die Professoren nicht zu Recht auf Humboldt, wenn es um ihre Freiheit geht?

Tenorth: Jetzt nehmen die Hochschulen allmählich ihren Ausbildungsauftrag ernst - dagegen kann Humboldt nicht Kronzeuge sein. Er wollte keine nur zweckfreie Wissenschaft, wie gern behauptet wird. An der von ihm entworfenen Universität sollten Studenten zu Medizinern, Theologen, Juristen und Lehrern ausgebildet werden.

SPIEGEL: Wie hat sich Humboldt seine Professoren vorgestellt?

Tenorth: Elitär, unablässig auf Leistung bedacht, an der Front der Wissenschaft, nahe dran an den Studenten. Das war sein Professorenbild - und das ist doch nicht der autoritäre Ordinarius, der im Elfenbeinturm sitzt.

SPIEGEL: Lassen sich diese Ideale unter den Bedingungen der Massen-Uni überhaupt verwirklichen?

Tenorth: Es stimmt, zu Humboldts Zeiten haben weniger als ein Prozent eines Jahrgangs studiert, heute sind es 39 Prozent. Doch der Qualitätsanspruch, der muss bestehen bleiben. Er ist in der Vergangenheit leider verlorengegangen, auch auf Seiten der Studenten. Ich erinnere mich an eine Diskussion in Frankfurt am Main nach 1968, als Studenten beantragten, künftig Sinologie studieren zu können, ohne Chinesisch lernen zu müssen. Immer wieder habe ich auch zu hören bekommen, dass Hochschullehrer Prüflinge nicht durchfallen lassen dürfen. Natürlich dürfen sie.

SPIEGEL: Sie plädieren also dafür, auf den echten Humboldt zu setzen und Leistungskontrollen im Bildungssystem zu verankern.

Tenorth: Ja, aber Prüfungen allein reichen nicht aus, um Qualität zu sichern.

SPIEGEL: Was sollte noch geschehen?

Tenorth: Die Verantwortlichen müssen auch Ernst machen mit den Prämissen und sich ein paar Jahre lang ausschließlich um die Risikogruppen kümmern, um Migrantenkinder, um Hauptschüler und Schulabbrecher. Die Bildungspolitik sollte den Vorrang auf die gesellschaftlichen Gruppen legen, denen elementare Bildung vorenthalten wird oder die sie sich selbst vorenthalten. Der jüngste Pisa-Test beispielsweise belegt, dass ein Fünftel der 15-Jährigen in Kernfächern allenfalls Grundschulniveau erreicht - das ist dramatisch.

SPIEGEL: Und was ist mit den anderen?

Tenorth: Da braucht der Staat nicht so viel herumzudoktern, er muss nur klare Rahmenbedingungen setzen und die Grundfinanzierung sichern, siehe Humboldt. Die Gymnasien haben es geschafft, ihr Leistungsniveau einigermaßen zu halten, obwohl sie mancherorts die Hälfte eines Altersjahrgangs aufnehmen. Die schaffen das schon allein.

SPIEGEL: Herr Tenorth, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe.

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