Einwanderung Für immer fremd

Ein Drittel der in Deutschland geborenen Kinder wächst in Migrantenfamilien auf - sie werden mitbestimmen über die Zukunft des Landes. Doch viele Zuwanderer sind schlecht integriert. Eine neue Studie zeigt: Vor allem Türken zählen zu den Verlierern.
Von Katrin Elger, Ansbert Kneip und Merlind Theile

Etwas ist schiefgelaufen, und Süleyman Topaloglu versucht zu verstehen, was. Er ist 64 Jahre alt, seit Anfang der siebziger Jahre in Berlin, sein Deutsch noch immer bruchstückhaft. Topaloglu trägt die Kluft der Gastarbeiter: Cordhose, einen grauen Pullover, Schiebermütze. Ein Räuspern, es ist nicht leicht für ihn, hier vor den anderen Türken zu sprechen. Sie sitzen im Stuhlkreis, eine Selbsthilfegruppe in den Räumen des Jugendamts Neukölln, knapp 30 Männer und Frauen sind heute gekommen. "Arkadaslar", Freunde, sagt Topaloglu, "hört mir zu."

Seit drei Generationen lebe seine Familie in Deutschland, erzählt er. Er fühle sich zu Hause in Berlin, aber nicht heimisch. In der zweiten Generation, so hatte Topaloglu gedacht, werde sich das ändern, doch auch sein Sohn habe es nicht geschafft, sich einzuleben. Er rutschte ab in Arbeitslosigkeit, Drogen, Gefängnis. Topaloglu beugt sich auf seinem Stuhl nach vorn und schaut in die Runde. "Und jetzt, Freunde, brauche ich euren Rat. Jetzt will ich lernen, was ich bei meinen Enkeln besser machen kann."

"Unser neues Dorf", so heißt die Selbsthilfegruppe in Berlin, alle 14 Tage treffen sich hier Türken, die in Neukölln ankommen und heimisch werden wollen - auch wenn sie schon Jahre hier leben.

Das neue Dorf, es ist nur eines von unüberschaubar vielen Integrationsangeboten allein in Berlin. Zurechtkommen, nicht mehr am Rande stehen, das ist das Ziel solcher Kurse. Überall in den Städten Deutschlands werden sie angeboten, das geht von "Mama lernt Deutsch" mit Kinderbetreuung über die Vorlesepaten der Stadtbüchereien, den Integrationskurs für Mütter, das Seminar zur Berufsfindung bis hin zum Crashkurs Deutsch in den Herbstferien für Siebtklässler.

Manche dauern nur ein Semester an der Volkshochschule, andere sind Pilotversuche und laufen nach zwei Jahren aus. Ein dichtes Hilfs- und Auffangnetz hat sich gebildet, mancherorts fehlt es an ausländischen Sprachschülern, weil zu viele Deutschkurse um die Bildungswilligen konkurrieren.

Noch nie, so scheint es, wurde Einwanderern der Anschluss an die deutsche Gesellschaft so leicht gemacht, noch nie gab es so viel Unterstützung. Schon drei Integrationsgipfel hat die Bundesregierung veranstaltet, der letzte fand Ende 2008 im Kanzleramt statt, es war ein Gipfel der Harmonie.

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), zuständig für die Ausländerpolitik, ist denn auch überzeugt, dass die großen Integrationsprobleme bald gelöst sein werden: "Warten Sie einfach noch einmal vier Jahre CDU-geführte Regierung ab."

Doch noch ist die Lage ernster denn je. Eine neue Untersuchung des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, die in dieser Woche vorgestellt wird, kommt zu erschreckenden Ergebnissen: Wer als Fremder kommt, bleibt fremd. Mehr noch, auch nach 50 Jahren, nach manchmal drei Generationen, selbst mit deutschem Pass lebt eine alarmierend hohe Zahl von Zuwanderern nach wie vor in einer Parallelwelt, und um ihre Zukunft steht es schlecht.

Das hat Folgen für Deutschland. Das Land braucht Zuwanderung, weil die Deutschen zu wenig Kinder bekommen; die Bevölkerung schrumpft, sie altert, ihre Produktivität ist in Gefahr. Doch wenn die kinderreichen Migranten schlecht ausgebildet sind, wenn sie keine Jobs finden, dann kosten sie den Staat Geld, statt ihn zu stützen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2008 schätzt die Lasten verfehlter Integration auf bis zu 16 Milliarden Euro, pro Jahr, jetzt schon.

Die Forscher vom Berlin-Institut haben sich einer auf den ersten Blick schlichten Änderung im Mikrozensus bedient, der alljährlichen Erhebung unter 800.000 Bürgern, einem Prozent der Bevölkerung, durch das Statistische Bundesamt. Die Befragten geben Auskunft über Wohnverhältnisse, Arbeit, Ausbildung, Einkommen und Staatsangehörigkeit. Eine Frage ist 2005 dazugekommen: die Frage nach dem Herkunftsland der Eltern.

Zum ersten Mal sind in der Masse der Bevölkerung jene Bürger erkennbar, die zwar den deutschen Pass haben, aber eben auch einen Migrationshintergrund - die zwar Deutsche sind, aber trotzdem fremd. Bisher waren sie in keiner Ausländerstatistik erfasst. Es sind viele, zum Beispiel die größte Gruppe der Migranten überhaupt, knapp vier Millionen Aussiedler, die in der Regel nach Ankunft aus Polen, Russland oder Kasachstan eingebürgert wurden. Sie lassen sich nun vergleichen mit Türken, Italienern, Afrikanern, mit den Neuankömmlingen aus diesen Gruppen ebenso wie mit deren Kindern.

Die Forscher entwickelten einen "Index zur Messung von Integration", er gibt Auskunft darüber, wie gut oder schlecht eine Bevölkerungsgruppe in der deutschen Gesellschaft verankert ist. In den Index fließen mehrere Kriterien ein, etwa der Bildungsstand, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder die Frage, wie sehr sich Zuwanderer und hiesige Bevölkerung annähern, beispielsweise durch Heirat.

Außerdem wird gemessen, ob sich die Kinder der Einwanderer anders verhalten als die Elterngeneration. Zum ersten Mal also lässt sich anhand von Daten erfassen, ob ein Prozess der Integration stattfindet. Von allen Ausländergruppen gelang das am besten den Südeuropäern aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland, den Gastarbeitern der ersten Stunde.

Vergleichsweise gut angenommen und eingefügt sind - entgegen vielen Vorurteilen - die Aussiedler. In der zweiten Generation nutzen sie geradezu vorbildlich ihre Bildungschancen: Sie besuchen nicht nur häufiger das Gymnasium und die Universität als ihre Eltern, sondern auch häufiger als die deutsche Bevölkerung.

Äußerst schlecht integriert sind hingegen die Migranten aus der Türkei, mit knapp drei Millionen Menschen die zweitgrößte Zuwanderergruppe. Beim Integrationsranking landen die Türken auf dem letzten Platz. Sie unterscheiden sich am stärksten von den Deutschen: schlechter gebildet, schlechter bezahlt, häufiger arbeitslos. Dabei spielt kaum eine Rolle, ob sie schon lange hier wohnen oder nicht.

Sprache - der Schlüssel zum Erfolg

So zeigt sich, mehr als 50 Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter nach Deutschland kamen: Wer Ümit heißt statt Hans oder Gülcan statt Grete, macht seltener Karriere. Von den Zuwanderern aus der Türkei und ihren Kindern haben 30 Prozent keinen Schulabschluss, nur 14 Prozent schaffen das Abitur, nicht mal halb so viele wie im Durchschnitt der deutschen Bevölkerung.

Und weil die Zuwanderer mehr Kinder bekommen als die Einheimischen, dürfte das Problem in Zukunft eher größer werden als kleiner. Schon heute wächst ein Drittel des in Deutschland geborenen Nachwuchses in Migrantenfamilien auf.

Aber warum bleiben die Fremden so häufig fremd, warum kommen vor allem Türken nicht in Deutschland an, offenbar nicht einmal die, die hier geboren sind?

Zwei Seiten gehören zur Integration, im Idealfall gibt es die Mehrheit, die zur Aufnahme bereit ist, und die Minderheit, die Teil werden will. Doch viele türkische Gastarbeiter, die vor Jahrzehnten nach Deutschland kamen, wollten gar nicht Teil werden, sie wollten hier Geld verdienen und dann, nach ein paar Jahren, zurück in die Heimat.

Es kam anders, die Türken blieben, doch ihre innere Haltung, so scheint es, änderte sich nicht. Sie richteten sich ein in Ghettos, sie knüpften keine Kontakte zu Deutschen, und all das erschwerte auch ihren Kindern den Weg in die neue Gesellschaft. Nach der jüngsten Lesestudie Iglu können zwei Drittel der Kinder mit Migrationshintergrund am Ende der vierten Klasse nicht ausreichend lesen. Besonders ernst ist die Lage in Ballungsräumen mit hohem Einwandereranteil wie Berlin, Bremen und Hamburg.

Und die Mehrheit? Was haben die Deutschen versäumt bei der Integration der Türken?

Im Büro des Berlin-Instituts in Berlin-Charlottenburg sitzt Reiner Klingholz, der Institutsleiter, vor sich 91 Seiten Datenmaterial, er sucht nach einer Antwort. Er streift die Erbsünde deutscher Ausländerpolitik ("Wir haben Gastarbeiter geholt und dachten, die sind bald wieder weg"), er spricht über die Zeit, die wohl vergehen muss, bis eine Ausländergruppe integriert ist ("Mindestens eine Generation. Bei den Polen im Ruhrgebiet und den Italienern hat es auch so lange gedauert"), dann kommt er zum zentralen Punkt: Bildung.

"Vergleicht man die Türken mit den anderen Zuwanderern, dann haben sie häufiger nur einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Schulabschluss, sie gehen seltener aufs Gymnasium, es gibt weniger Abiturienten und weniger Akademiker."

Ein knappes Drittel der Türkischstämmigen besitzt einen deutschen Pass - die Eingebürgerten stehen besser da als die Landsleute mit türkischem Pass, aber schlechter als alle anderen Zuwanderer. Der Schlüssel zu Bildung und Erfolg ist die Sprache: "Wir haben uns viel zu lange daran gewöhnt, dass wir Grundschulklassen haben, in denen 80 Prozent kein Deutsch verstehen", sagt Klingholz.

Ein paar Kilometer von seinem Berlin-Institut entfernt, in der Kita Wilhelmstraße in Kreuzberg, steht die Erzieherin Gabi Schöder vor dem Foto am Gruppenraum und deutet auf die Kindergesichter: "Türkei, Türkei, Sudan, Polen, Tunesien", sagt sie auf die Frage nach dem Herkunftsland der Eltern, "noch mal Türkei, Irak, Marokko, Iran, Türkei", ihr Zeigefinger wandert von einem dunkelhaarigen Kopf zum nächsten. 30 Kinder lächeln in die Kamera, und als Schöder mit dem Durchzählen fertig ist, hat sie nicht ein einziges Mal Deutschland gesagt.

Viel Zeit verwendet sie darauf, schlecht Deutsch sprechende Eltern durch den Alltag zu lotsen. Oft hilft sie bei Behördengängen, telefoniert mit Ämtern, organisiert Dolmetscher. Aufgaben, auf die Erzieherinnen in der Ausbildung nicht vorbereitet werden, obwohl es vielerorts gar nicht mehr anders geht. Doch am eigentlichen Problem, dem Bildungsniveau dieser Eltern, ändert auch Gabi Schöders Einsatz nichts.

Die Lehre der Pisa-Untersuchungen ist: Wer in einer Familie mit niedrigem Bildungsstand und schlechten Sprachkenntnissen aufwächst, hat in diesem Land besonders schlechte Chancen, sich nach oben zu kämpfen. Deutsche stehen vor dem gleichen Hindernis, aber Zuwanderer erleben es drastischer: In armen Gegenden ist der Anteil armer Migranten besonders hoch, und in Gegenden mit niedrigem Bildungsstand der von ungebildeten Türken.

Am schlechtesten schneiden in der Studie die Zuwanderer im Saarland ab. 45 Prozent der Türken dort haben keinen Bildungsabschluss. In keinem Bundesland gibt es weniger türkischstämmige Abiturienten, nirgendwo arbeiten weniger Türken im Öffentlichen Dienst, nirgendwo haben türkische Frauen und Mädchen so wenig Anschluss an die Arbeitswelt. Zwei von drei Türkinnen bleiben als Hausfrau daheim, doppelt so viele wie bei den Einheimischen.

Warum ausgerechnet das Saarland?

"Jahrzehntelang gab es hier für die Migranten keine speziellen Programme", sagt Wilfried Hose, seit 2005 stellvertretender Geschäftsführer der Arge Saarbrücken.

Das Saarland hatte in den sechziger Jahren mit viel Aufwand Gastarbeiter für die Kohle- und Stahlbranche angeworben. Es gab sogar eine eigene Niederlassung des Saarbrücker Arbeitsamts in der Türkei, die anatolische Bauern in das kleine Bundesland vermittelte. Die meisten hatten weder Abschluss noch Ausbildung. Die Gastarbeiter kehrten nicht wie erwartet zurück in ihre Heimat, stattdessen holten sie ihre Verwandten nach. Die Zahl der Zuwanderer stieg, die der Jobs für Geringqualifizierte sank.

Erst seit 2007 gibt es im Saarland ein 20köpfiges Team, das auf die Beratung von Ausländern spezialisiert ist, aber noch auf viel Skepsis stößt. "Was sollen die beim Arbeitsamt schon für mich finden, wenn die nicht einmal Jobs für die Deutschen haben?", fragt ein Gast in der türkischen Teestube "Zum alten Hafen", direkt gegenüber der Saarbrücker Arbeitsagentur. Bis vor ein paar Wochen war er als Leiharbeiter bei einem Autozulieferer angestellt. Eine Ausbildung hat er nicht.

"Ich habe auch keine Lust, schon wieder einen Sprachkurs zu machen", sagt er und drückt seine Zigarette aus. "Das bringt mir für die Fließbandarbeit gar nix." Ein arbeitsloser Lkw-Fahrer stimmt zu: "Zu Akademikern machen die uns jetzt auch nicht mehr."

Arge-Chef Hose in seinem Büro auf der anderen Straßenseite sagt: "Wer nicht will, dem können wir auch nicht helfen."

In der Abschlussklasse 9he der Erweiterten Realschule Saarbrücken-Bruchwiese sitzen zehn Schüler im Mathe-Unterricht. Multiplizieren mit Brüchen steht auf dem Stundenplan. Nur wenige Schüler beteiligen sich. An der Wand hängt ein Poster: "Mein Ziel ist der Hauptschulabschluss", darunter 14 Unterschriften. Namen wie Dustin, Zeki, Mohammed und Jasmin. Dazwischen hat jemand zwei rosafarbene Playboyhäschen gemalt.

"Ich will Koch werden. Meisterkoch, nicht Hilfskoch", sagt ein 16-jähriger Türke, der in der letzten Reihe sitzt. "Dafür brauche ich meinen Hauptschulabschluss." Allerdings habe er derzeit auch "Trouble mit den Frauen" - "da ist es schwer, sich aufs Lernen zu konzentrieren", sagt der Sohn eines Dönerstubenbesitzers.

Immerhin hat er es bis in die neunte Klasse geschafft. "Die wirklich schwierigen Schüler fallen schon viel früher aus dem System", sagt Pia Götten, die Schuldirektorin. Ihre Vorschläge zur Lösung des Problems sind naheliegend, aber teuer: Ganztagsschulen, doppelt so viele Lehrer, doppelt so viele Sozialarbeiter.

"Über 30, 40 Jahre wurden den Türken hier zu wenig Angebote gemacht", erklärt Yasemin Karakasoglu, Migrationsforscherin an der Universität Bremen. Doch seit dem Jahr 2000 tue sich in der Politik etwas: "Es gibt ein neues Zuwanderungsrecht und es gibt Integrationsgipfel." Selbst die doppelte Staatsbürgerschaft, seit langem eine Hauptforderung der Zuwanderer, gibt es - jedenfalls ein bisschen.

Während EU-Bürger und Schweizer, die hier leben, problemlos zwei Pässe erhalten, haben es die übrigen Migrantenkinder schwerer: Sie bekommen zwar auch zwei Staatsbürgerschaften, die deutsche und die ihres Herkunftslands, müssen sich aber zwischen dem 18. und dem 23. Lebensjahr für eine entscheiden. Bis zum Jahr 2018 werden davon etwa 50 000 junge Menschen betroffen sein, vor allem Deutschtürken.

Kenan Kolat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, fordert, dass die Deutschtürken beide Pässe behalten dürfen. "Wenn es ein Recht auf doppelte Staatsbürgerschaft für die Türken in der zweiten Generation gäbe, würde das die Integration in jedem Fall fördern", sagt Kolat. "So wären sie nicht gezwungen, eine Entscheidung für oder gegen Deutschland zu treffen."

Innenminister Schäuble ist überzeugt: "Integration erfordert auch eine Entscheidung der Menschen. Sie müssen sich integrieren wollen." Wer von den hier geborenen Türken Deutscher werden wolle, könne es werden.

Welchen Anteil an der Misere trägt verfehlte Integrationspolitik? Welche Rolle spielt Fremdenangst? Einer Allensbach-Umfrage zufolge findet immer noch mehr als die Hälfte der Deutschen, dass es zu viele Ausländer im Land gebe. Und: Welchen Einfluss hat mangelnder Integrationswille der Migranten, die freiwillige Ghettobildung großstädtischer Türken?

Reiner Klingholz sagt, man müsse von den Zuwanderern und ihren Kindern künftig erwarten, dass sie mehr Lernbereitschaft mitbringen, dass sie die Sprache beherrschen, die Rechtsordnung und die kulturellen Normen in Deutschland akzeptieren: "Dass jemand aus religiösen Gründen am Sportunterricht nicht teilnimmt, darf es nicht mehr geben."

Nach einer Studie des Essener Zentrums für Türkeistudien (ZfT) aus dem Jahr 2006 bezeichnen sich 83 Prozent der türkischstämmigen Muslime als religiös oder streng religiös, mehr als noch fünf Jahre zuvor. "Die Religiosität hat zugenommen", schreiben die Autoren.

Aber was bedeutet das für die Integration? Verhindert der Islam, dem die meisten der hier lebenden Türken anhängen, dass Migranten ihren Weg in die deutsche Gesellschaft finden?

Für die Autorin Serap Çileli ist die Antwort eindeutig. "Die Religionszugehörigkeit spielt bei der misslungen Integration der Türken eine maßgebliche Rolle", sagt Çileli, selbst Opfer einer Zwangsehe. Seit mehr als zehn Jahren betreut sie Gewaltopfer, Peri e. V. heißt ihr Verein. "Ich sehe Tag für Tag das Leid muslimischer Mädchen und Frauen, die in ihrer engen islamisch-konservativen Welt überhaupt keine Chance bekommen, jemals am deutschen Leben teilzunehmen."

Eine Studie im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergab im Jahr 2004, dass türkische Frauen in Deutschland überdurchschnittlich oft häusliche Gewalt erleben. Dazu kommen arrangierte Ehen: Ein Viertel der befragten türkischen Frauen lernte den eigenen Ehemann erst bei der Hochzeit kennen; neun Prozent gaben an, zur Heirat gezwungen worden zu sein.

Islamkritiker sehen die Wurzel des Übels in der Religion, die patriarchalische Strukturen untermauere: Männer könnten vom Koran das Recht ableiten, ihre Frauen zu unterdrücken. Die wiederum sehen sich durch den Koran verpflichtet, das Leid zu erdulden.

Bassam Tibi, Mitbegründer der "Arabischen Organisation für Menschenrechte", hält die Integration muslimischer Zuwanderer unter diesen Bedingungen für unmöglich: "Keine Demokratie kann eine Inferiorisierung der Frau zulassen."

Ursula Günther, Religionspädagogin an der Universität Hamburg, warnt jedoch vor Klischees. "Die breite Masse der Deutschen sitzt dem falschen Glauben auf, alle Türken seien orthodoxe Muslime." Die meisten religiösen Türken hörten aber nicht auf fundamentalistische Imame.

Tatsächlich ist die türkische Gemeinde in Deutschland inzwischen ziemlich pluralistisch. Einige befürworten Kopftücher für Frauen, einige nicht, manche lehnen deutsche Partner für ihre Kinder ab, andere haben mit bikulturellen Verbindungen gar kein Problem. Die Trennung von Kirche und Staat unterstützten insgesamt knapp drei Viertel der türkischen Muslime in Deutschland, so die ZfT-Studie.

Solche Einstellungen lassen sich abfragen, doch Studien über die integrationshinderliche Wirkung des Islam gibt es nicht. "Der Zusammenhang lässt sich nicht messen", sagt Reiner Klingholz. Er meint, Religion sei auf Dauer kein trennender Faktor: "Vor 50 Jahren hätte sich in Deutschland auch niemand vorstellen können, dass Katholiken und Protestanten heiraten, heute redet darüber kein Mensch mehr."

Langsam, sehr langsam scheint sich tatsächlich etwas zu ändern. Der Anteil türkischer Mädchen an den Gymnasien steigt, schon haben sie die Jungs überflügelt. Das Bildungsniveau der zweiten Generation steigt auch - jedenfalls gemessen an dem ihrer Eltern.

Und häufiger als früher sehen Türken und Türkischstämmige Deutschland als ihr Land an. "Noch in den neunziger Jahren wollten zwei Drittel der Türken irgendwann einmal zurückkehren", sagt die Migrationsforscherin Yasemin Karakasoglu von der Uni Bremen. "Diese Einstellung hat sich aber gewandelt: Immer mehr Türken wollen wirklich für immer hier bleiben."

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