AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 5/2009

Fußball "Es geht ans Eingemachte"

Bayern Münchens Manager Uli Hoeneß über die Rezession im Weltfußball, Jürgen Klinsmanns Reformen, seinen geplanten Rückzug und seine emotionalen Ausbrüche.


SPIEGEL: Herr Hoeneß, in regelmäßigen Abständen haben Sie immer wieder den wirtschaftlichen Zusammenbruch Ihrer gesamten internationalen Konkurrenz prophezeit ...

Hoeneß: ... da habe ich wohl nicht immer recht behalten in den vergangenen Jahren.

Bayern-Manager Hoeneß: "Gespannt, was mit Chelsea passiert"
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Bayern-Manager Hoeneß: "Gespannt, was mit Chelsea passiert"

SPIEGEL: Aber jetzt, im letzten Jahr Ihrer Managertätigkeit bei Bayern München, kommt die Wirklichkeit Ihrer Dauerprognose offenbar so nahe wie nie. Wird der FC Bayern der Krisengewinner sein?

Hoeneß: Auch früher gab es ja schon Clubs, die wegen ihrer Schuldenberge irgendwann nicht mehr mithalten konnten. Denken Sie an den FC Valencia, vor siebeneinhalb Jahren noch unser Finalgegner in der Champions League, oder an Lazio Rom, die spielen international keine Rolle mehr. Aber in dieser Krise jetzt geht es wirklich ans Eingemachte. Ich bin gespannt, was mit dem FC Chelsea passiert. Dass der Herr Abramowitsch, der einen großen Teil seines Vermögens verlor, in diesen Zeiten keine Lust mehr hat, jedes Jahr über 100 Millionen Euro in den Fußball zu stecken, kann ich mir gut vorstellen.

SPIEGEL: Die englische Premier League rechnet aber immer noch mit steigenden Fernsehgeldern, die neue Investoren locken könnten. Und speziell Chelsea hat zwar rund 800 Millionen Euro Schulden bei Abramowitsch, besitzt aber wertvolle Grundstücke in London.

Hoeneß: Das hatten wir ja schon mal mit Real Madrid. Die haben sich mit dem Verkauf ihres Trainingsgeländes saniert, aber nun sind die 500 Millionen, die sie bekommen haben, auch wieder weg. Und was verkaufen sie jetzt? Am Ende muss cash gezahlt werden, und hier haben wir es nicht einfach mit einer Konjunkturdelle zu tun. Vielleicht bekommen wir eine Wirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren. In Europa haben das die Politiker viel zu spät erkannt. Im November habe ich einen Vortrag beim Arbeitgeberverband gehalten und gesagt: Wir stehen vor der größten Problematik seit dem Zweiten Weltkrieg. Die haben mich alle angeschaut, als ob ich bescheuert wäre.

SPIEGEL: Bei Scheich Mansur Bin Sajid aus Abu Dhabi, dem neuen Besitzer von Manchester City, ist die Krise offenbar nicht angekommen. Er kaufte mal eben für 18 Millionen Euro den Hamburger Nigel de Jong, für Mailands Brasilianer Kaká bot er 120 Millionen und ein Jahresgehalt von 15 Millionen Euro netto.

Hoeneß: Wir haben uns erkundigt. Der Mann hat wirklich Geld und ist seriös. Ich bin sicher: In sechs Monaten wird sich die Fußballwelt, was die Besitzverhältnisse bei manchen Clubs anbelangt, ziemlich verändert haben.

SPIEGEL: Und beim FC Bayern ist das legendäre Festgeldkonto prall genug gefüllt, um die schweren Zeiten zu meistern?

Hoeneß: Bevor wir vor eineinhalb Jahren viel Geld in neue Spieler investiert haben, hatten wir da mal 150 Millionen Euro drauf. Aber nun bekommt man beim Festgeld nur noch zwei, drei Prozent Zinsen, und auf der anderen Seite haben wir ja das Münchner Stadion übernommen. Für die Allianz-Arena müssen wir sieben, acht Prozent Zinsen zahlen. Da wäre es dumm, hätten wir nicht etwas vom Festgeldkonto in den Schuldendienst gesteckt.

SPIEGEL: Ist der deutsche Fußball dennoch für die Krise gerüstet?

Hoeneß: Im Verhältnis zu anderen Ligen ist die Bundesliga gut finanziert. Wir wissen aber nicht, wie sich die Zuschauer verhalten, wenn wir ein großes Arbeitslosenproblem bekommen sollten. Werden die Leute wie zuvor sagen: Das Vergnügen Fußball lasse ich mir nicht nehmen? Und was macht ein Sponsor, der in einer Zeit, in der er Tausende Leute entlassen muss, zu entscheiden hat, ob er einen Vertrag mit einem Bundesligaclub verlängert? Das kann niemand sagen.

SPIEGEL: In der Bundesliga dürfen die Clubs gemäß Reglement nur weniger als die Hälfte der Stimmrechte nach außen geben. Sollte sie sich Investoren mehr öffnen?

Hoeneß: Ich hätte nichts dagegen, diese Regel aufzuweichen. Bei Bayern bräuchten wir dazu eine Satzungsänderung und dafür 75 Prozent der Mitgliederstimmen. Die würden wir aber nicht bekommen, und ich verstehe das auch. Investoren kommen und gehen, die haben kein Herzblut. In meinem Büro hängt das Foto von unserem Champions-League-Finale 2001 in Mailand, wo unsere Fans dieses riesige Banner hochhielten: "Heute ist ein guter Tag, um Geschichte zu schreiben". Da hätte ich weinen können, als ich im Stadion war. Fans lieben ihren Verein, sie sagen: Wenn irgendein Russe kommt, ist das nicht mehr mein Club. Vieles von dem, das sie sich auf ihre Fahnen schreiben, entspricht meiner Sicht auf den Fußball.

SPIEGEL: Das sagen Sie als Pionier der Vermarktung, der Kommerzialisierung?

Hoeneß: Was soll ich machen? Wenn ich zuletzt Manager bei Chelsea gewesen wäre mit dem Geldgeber Abramowitsch, da hätte Chelsea in den letzten Jahren alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Wenn ich den nur anzapfen und mich nur darum kümmern muss, dieses Geld unter die Leute zu bringen, ist es einfach. Wir hier in München machen 290 Millionen Euro Umsatz, ich sage unseren Mitarbeitern immer: Wir müssen, bei 220 Arbeitstagen im Jahr, jeden Arbeitstag mehr als eine Million Euro reinholen. Das ist unsere Hauptaufgabe.

SPIEGEL: Und in diesen unruhigen Zeiten wollen Sie nun Ihren Posten räumen?

Hoeneß: So ist es mit dem Aufsichtsrat besprochen. Mein Vertrag läuft Ende des Jahres aus, ich folge Franz Beckenbauer im November als Präsident des eingetragenen Vereins nach, und bei uns ist es so, dass der Präsident gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzender der AG ist. Die Leute machen derzeit nur den Fehler zu denken, ich sei dann weg.

SPIEGEL: Sie werden täglich Ihren Nachfolger mit Ratschlägen nerven?

Hoeneß: Ich werde mich nicht ins Tagesgeschäft einmischen. Aber es gibt Dinge, die bei uns brachliegen. Zum Beispiel haben wir im Moment keine Zeit für Lobbyarbeit in der Politik, für die Kontaktpflege mit großen Firmen und Verbänden.

SPIEGEL: Was haben Sie persönlich während der Hinrunde dieser Saison tun können, um das System Klinsmann in die Spur zu bringen?

Hoeneß: Ich war derjenige, der die Ruhe bewahrt hat. Ich habe mich nicht von der allgemeinen Kritik an unserem Trainer und seinen Neuerungen anstecken lassen. Umgekehrt habe ich dem Jürgen auch gesagt, dass Rom nicht an einem Tag erbaut wurde. Seine große Stärke ist die Kommunikation. Mit seinem Vorgänger Ottmar Hitzfeld saß ich zwar immer am Vorabend des Spiels zusammen, in der Woche aber fast nie. Jürgen bittet mich oft rüber auf einen Espresso. Als Bundestrainer kam er vielleicht eher stur rüber, ich ahnte gar nicht, dass er sich andere Meinungen anhört und sich von guten Argumenten überzeugen lässt.

SPIEGEL: Dennoch heißt es, Sie persönlich hätten ihn gestützt, als er im WM-Jahr nach dem 1:4 gegen Italien in Florenz als Bundestrainer auf der Kippe stand.

Hoeneß: Nach diesem Spiel gegen den Strom zu schwimmen, darin lag der Reiz.

SPIEGEL: Und nun gefällt Ihnen, dass er sich als Bayern-Trainer etwas sagen lässt?

Hoeneß: Da waren beispielsweise die Trainingslager vor den Heimspielen.

SPIEGEL: Die hat er abgeschafft und wieder eingeführt.

Hoeneß: Er war total überrascht, dass die Spieler nicht lieber zu Hause blieben. Er selbst war als Spieler anders, mehr so ein Einzelgänger. Er hatte damals noch keine Kinder. Aber bei einem Familienvater klettern schon mal die Kinder nachts ins Bett. Dann kann er sich aber nicht so professionell aufs nächste Spiel vorbereiten.



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