AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2009

Schauspieler "Hauen und Stechen"

2. Teil: "Ich fordere weniger schlechte Filme auf unseren Leinwänden!"


SPIEGEL: Als Stimmungskanone kannte man Sie bislang ja eher nicht. Macht es Sie glücklich, wenn die Zuschauer Ihre Filme beschwingt und gutgelaunt verlassen?

Streep: Ja, unbedingt. Es macht mich glücklich, wenn ich zu Hause mit einem Witz alle meine Kinder zum Lachen bringe. Und es macht mich glücklich, wenn ganz England über "Mamma Mia!" lacht!

SPIEGEL: Wird die Rezession Hollywood verändern?

Streep: Ja, auf jeden Fall. Und zwar auf eine gute Weise. Denn zurzeit kommen viel zu viele Filme in die Kinos. Da wird sich das Feld hoffentlich lichten.

SPIEGEL: Aber die große Vielfalt an Filmen ist doch etwas Wunderbares.

Streep: Nicht, wenn es ein Überangebot gibt. Alle wirklich guten Hollywood-Filme werden jetzt in wenigen Wochen in die Kinos geprügelt und nehmen sich gegenseitig die Zuschauer weg. Dieses Hauen und Stechen ist nicht gesund.

SPIEGEL: Zurzeit ist die Filmindustrie aber fast die einzige Branche, die weltweit noch Zuwachsraten verbuchen kann. Und Sie fordern gerade jetzt weniger Filme - was letztlich heißt: Verlust von Arbeitsplätzen.

Streep: Ich fordere weniger schlechte Filme auf unseren Leinwänden! Der Markt für Hollywood-Produktionen wird groß bleiben. In Zukunft werden wir auch neue Filme immer mehr über das Internet beziehen und zu Hause auf unseren riesigen Flachbildschirmen anschauen - unabhängig davon, ob gerade Oscar-Saison ist oder irgendein Festival ansteht.

SPIEGEL: Gehen Ihre Kinder noch ganz normal ins Kino?

Streep: Ja, aber meine jüngste Tochter ist bereits 17 und gehört auch schon nicht mehr zur ganz jungen Generation. Neulich habe ich gelesen, dass kleinere Kinder bereits weniger Zeit vor dem Fernseher als im Internet verbringen. Wenn wir über das herkömmliche Kino reden, reden wir also über einen Dinosaurier.

SPIEGEL: Heißt das, es wird aussterben?

Streep: Die Filmindustrie steht vor einem grundlegenden Strukturwandel. Die Piraterie ist für Hollywood ein Riesenproblem. Gerade von den teuersten Spezialeffekte-Spektakeln kursieren oft die meisten Raubkopien.

SPIEGEL: Sehen Ihre Kinder Raubkopien?

Streep: Ich glaube nicht. Meine drei Töchter interessieren sich auch gar nicht für Spezialeffekte-Spektakel.

SPIEGEL: Hilft Ihnen die Wirtschaftskrise beim Aushandeln von Gagen? Schließlich haben Sie mit "Mamma Mia!" Ihre Zugkraft an den Kinokassen in schweren Zeiten bewiesen.

Streep: Niemand ist vor der Rezession gefeit. Wir haben im Filmgeschäft Fett angesetzt und weit über unsere Verhältnisse gelebt. Vielleicht schreckt Hollywood in Zukunft vor teuren Extravaganzen zurück, das wäre schön. Vielleicht gehen die Studios aber jetzt erst recht auf Nummer sicher und produzieren nur noch Superhelden-Filme für junge Männer.

SPIEGEL: "Mamma Mia!" wurde eher von weiblichen und älteren Zuschauern als von jungen Männern gesehen.

Streep: Ganz genau, aber gerade diese Zuschauer, die "Mamma Mia!" zu einem so großen Erfolg gemacht haben, werden von Hollywood normalerweise nicht nur vernachlässigt, sondern geradezu verachtet. Der Film war relativ billig, kostete weniger als die Requisiten von "Matrix", spielte aber mehr als das Zehnfache seines Budgets ein. Er ist viel erfolgreicher als aufwendige Action-Spektakel wie "Hellboy" oder "Wanted". Vielleicht führt das ja zu einem Umdenken in Hollywood.



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