AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2009

Schauspieler "Hauen und Stechen"

3. Teil: Hollywood in Zeiten der Rezession


SPIEGEL: Nach dem Börsencrash von 1929 wurden Hollywood-Filme für einige Jahre ästhetisch, politisch und erotisch sehr wagemutig. Wird sich das jetzt wiederholen?

Streep: Damals war Hollywood noch eine konkrete, fassbare Größe: eine überschaubare Gemeinde von Filmschaffenden in Kalifornien. Heute sind die Zentren der Filmindustrie über die Welt verteilt. Sie liegen in Peking oder Mumbai. Das Kino wird sich deshalb in verschiedene Richtungen gleichzeitig entwickeln.

SPIEGEL: Ihre 25-jährige Tochter Mamie startet gerade ihre Schauspielkarriere. Ermutigen Sie sie?

Streep: Ich finde es wunderbar. Sie ist wirklich gut, diszipliniert, mit Leidenschaft dabei. Sonst hätte ich sicher etwas dagegen.

SPIEGEL: Das heißt, Sie erkennen sich in ihr wieder?

Streep: Nein, ich sehe eher das kleine Mädchen, das sie mit drei Jahren war. Aber sie fängt ja auch erst an. Ich habe noch eine andere Tochter, die gerade ihren College-Abschluss gemacht hat, mein Sohn ist Musiker, und meine Jüngste ist gerade erst mit der High School fertig.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Kinder aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Mit Absicht?

Streep: Ich war immer besorgt, als sie klein waren. Ich wollte nicht, dass sie fotografiert werden. Und jetzt stellen sie ihre Bilder auf der Internet-Plattform Facebook ein. Das ist der Dank!

SPIEGEL: Auch Sie selbst haben sich dem Starrummel eher entzogen. Warum?

Streep: Das ist meine Art zu leben. Ich lasse mich nicht gern anschauen. Ich mag es nicht besonders, fotografiert zu werden.

SPIEGEL: Sind Sie mit dieser Einstellung nicht in der falschen Branche?

Streep: Oh, bei einem Film ist das natürlich etwas anderes. Da geht es um Schauspielerei, um eine fiktive Welt. Aber diese Glamour-Nummer fühlt sich für mich falsch an. Das bin ich einfach nicht.

SPIEGEL: Ihren Durchbruch hatten Sie Ende der siebziger Jahre. Jimmy Carter war gerade Präsident geworden. Kann man die damalige Aufbruchstimmung mit der Situation in den USA von heute vergleichen?

Streep: Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir gerade eine Wirtschaftskrise durchgemacht. Es war sehr schwierig, in New York zu leben. Ich war eine junge Schauspielerin, viele Broadway-Theater hatten geschlossen. Dann wurde es langsam besser, wirtschaftlich. Aber ich will nicht so tun, als ob ich irgendetwas davon verstanden hätte. Es hat mich damals einfach nicht interessiert - oder nur insoweit, als ich versucht habe, nicht jeden Tag Thunfisch aus der Dose zu essen.

SPIEGEL: Ms. Streep, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Lars-Olav Beier und Martin Wolf.



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