Der SPIEGEL

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02. Februar 2009, 00:00 Uhr

Schauspieler

"Hauen und Stechen"

Oscar-Preisträgerin Meryl Streep, 59, über das Kino in den Zeiten der Rezession, ihre Abneigung gegenüber dem Starrummel und ihre Rolle im neuen Film "Glaubensfrage".

SPIEGEL: Ms. Streep, mussten Sie jemals in einem Film Ihre Haare von Anfang bis Ende verstecken wie in dem Melodram "Glaubensfrage", in dem Sie eine Nonne spielen?

Streep: Auf der Leinwand noch nie. Aber es war eine große Erleichterung, mich mal nicht um meine Frisur sorgen zu müssen.

SPIEGEL: In "Glaubensfrage" verkörpern Sie die strenge Prinzipalin einer katholischen Klosterschule im Jahre 1964, die einen Priester als Päderasten verdächtigt. Hat Ihnen die Schwesterntracht geholfen, diesen rigiden Charakter zu spielen?

Streep: Sie bietet Schutz. Die Haube verdeckt das Gesicht teilweise und entzieht es allzu neugierigen Augen. Andererseits hilft sie einem auszublenden, was rechts und links passiert. Als ich die Haube aufsetzte, wurde mir sofort klar, mit welchen Strategien Frauen in früheren Zeiten durchs Leben kamen: Sie verschlossen vor den Unannehmlichkeiten die Augen.

SPIEGEL: Verschließt Hollywood gerade vor den Unannehmlichkeiten im gegenwärtigen Amerika die Augen?

Streep: Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL: Fast alle der Oscar-Favoriten wie "Glaubensfrage", "Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Milk", "Frost/Nixon", "Slumdog Millionaire" oder "Der Vorleser" spielen zu anderen Zeiten oder in anderen Ländern. Hat Hollywood Angst davor, die Zuschauer mit ihren eigenen Problemen zu konfrontieren?

Streep: Erzählen nicht viele dieser Filme tatsächlich von unserem Leben? Wenn ich mir "Milk" anschaue, der von der Schwulenbewegung der siebziger Jahre handelt, denke ich natürlich sofort an die gerade laufende Diskussion um die Legalisierung der Schwulenehe in Kalifornien. Vielleicht hilft die historische Distanz sogar, unsere eigenen Probleme in den Blick zu nehmen. Ich glaube nicht, dass Hollywood die Gegenwart verdrängt.

SPIEGEL: Sie selbst haben unlängst mit Gegenwartsfilmen große Flops erlebt: Die Polit-Dramen "Von Löwen und Lämmern" und "Machtlos", die vom sogenannten Krieg gegen den Terror in Afghanistan und anderswo handeln, spielten zusammen in den USA nur 25 Millionen Dollar ein. Lassen Sie in Zukunft die Finger von so aktuellen, brisanten Stoffen?

Streep: Nein, aber wenn Filme zu didaktisch werden, wenden sich die Zuschauer ab, das ist nun einmal so. In der Kunst sollte man die Dinge vielleicht eher umschreiben, statt sie direkt beim Namen zu nennen. Man sollte die Zuschauer nicht belehren, sondern berühren, unmerklich ihren Standpunkt verschieben. Natürlich hätte ich mir gewünscht, diese* Filme wären von mehr Zuschauern gesehen worden.

SPIEGEL: Auf der anderen Seite waren Sie zuletzt mit der Komödie "Der Teufel trägt Prada" und der Musicalverfilmung "Mamma Mia!" so erfolgreich wie noch nie. Brauchen harte Zeiten leichte Filme?

Streep: Mir haben diese leichten Filme geholfen, die Frustration über die Misserfolge der schweren Filme zu überwinden. Natürlich brauchen wir unbeschwertes Unterhaltungskino, aber nicht nur. Wir verzehren uns nach Süßspeisen, doch manchmal brauchen wir harte Kost. Auf jeden Fall müssen wir tanzen, singen und lachen. Warum wären wir sonst am Leben?

SPIEGEL: Das klingt fast so, als würde Meryl Streep, die am häufigsten für den Oscar nominierte Schauspielerin der Welt, zur Dancing Queen des Mainstream-Kinos.

Streep: Für Kinder ist es sehr wichtig, sich im Spiel eine eigene Welt zu erschaffen. Und ich glaube, dass wir dieses Bedürfnis als Erwachsene nicht verlieren. Phantasien helfen uns, das tägliche Leben zu meistern. Stellen Sie sich vor, Sie würden in einer Fleischfabrik von morgens bis abends Würste vollstopfen oder 14 Stunden am Tag hinter dem Steuer eines Taxis sitzen. Dann hätten Sie vielleicht auch den Wunsch, sich nach der Arbeit bei einem Glas Bier oder einem netten Film zu entspannen.

SPIEGEL: Ein Plädoyer für Eskapismus?

Streep: Bewusstsein ist sehr wichtig, aber manchmal muss es ausgeschaltet werden. Sonst könnten wir unser Leben nicht genießen. Und es ist sehr kurz.


* Mit Dustin Hoffman und Justin Henry in "Kramer gegen Kramer".

"Ich fordere weniger schlechte Filme auf unseren Leinwänden!"

SPIEGEL: Als Stimmungskanone kannte man Sie bislang ja eher nicht. Macht es Sie glücklich, wenn die Zuschauer Ihre Filme beschwingt und gutgelaunt verlassen?

Streep: Ja, unbedingt. Es macht mich glücklich, wenn ich zu Hause mit einem Witz alle meine Kinder zum Lachen bringe. Und es macht mich glücklich, wenn ganz England über "Mamma Mia!" lacht!

SPIEGEL: Wird die Rezession Hollywood verändern?

Streep: Ja, auf jeden Fall. Und zwar auf eine gute Weise. Denn zurzeit kommen viel zu viele Filme in die Kinos. Da wird sich das Feld hoffentlich lichten.

SPIEGEL: Aber die große Vielfalt an Filmen ist doch etwas Wunderbares.

Streep: Nicht, wenn es ein Überangebot gibt. Alle wirklich guten Hollywood-Filme werden jetzt in wenigen Wochen in die Kinos geprügelt und nehmen sich gegenseitig die Zuschauer weg. Dieses Hauen und Stechen ist nicht gesund.

SPIEGEL: Zurzeit ist die Filmindustrie aber fast die einzige Branche, die weltweit noch Zuwachsraten verbuchen kann. Und Sie fordern gerade jetzt weniger Filme - was letztlich heißt: Verlust von Arbeitsplätzen.

Streep: Ich fordere weniger schlechte Filme auf unseren Leinwänden! Der Markt für Hollywood-Produktionen wird groß bleiben. In Zukunft werden wir auch neue Filme immer mehr über das Internet beziehen und zu Hause auf unseren riesigen Flachbildschirmen anschauen - unabhängig davon, ob gerade Oscar-Saison ist oder irgendein Festival ansteht.

SPIEGEL: Gehen Ihre Kinder noch ganz normal ins Kino?

Streep: Ja, aber meine jüngste Tochter ist bereits 17 und gehört auch schon nicht mehr zur ganz jungen Generation. Neulich habe ich gelesen, dass kleinere Kinder bereits weniger Zeit vor dem Fernseher als im Internet verbringen. Wenn wir über das herkömmliche Kino reden, reden wir also über einen Dinosaurier.

SPIEGEL: Heißt das, es wird aussterben?

Streep: Die Filmindustrie steht vor einem grundlegenden Strukturwandel. Die Piraterie ist für Hollywood ein Riesenproblem. Gerade von den teuersten Spezialeffekte-Spektakeln kursieren oft die meisten Raubkopien.

SPIEGEL: Sehen Ihre Kinder Raubkopien?

Streep: Ich glaube nicht. Meine drei Töchter interessieren sich auch gar nicht für Spezialeffekte-Spektakel.

SPIEGEL: Hilft Ihnen die Wirtschaftskrise beim Aushandeln von Gagen? Schließlich haben Sie mit "Mamma Mia!" Ihre Zugkraft an den Kinokassen in schweren Zeiten bewiesen.

Streep: Niemand ist vor der Rezession gefeit. Wir haben im Filmgeschäft Fett angesetzt und weit über unsere Verhältnisse gelebt. Vielleicht schreckt Hollywood in Zukunft vor teuren Extravaganzen zurück, das wäre schön. Vielleicht gehen die Studios aber jetzt erst recht auf Nummer sicher und produzieren nur noch Superhelden-Filme für junge Männer.

SPIEGEL: "Mamma Mia!" wurde eher von weiblichen und älteren Zuschauern als von jungen Männern gesehen.

Streep: Ganz genau, aber gerade diese Zuschauer, die "Mamma Mia!" zu einem so großen Erfolg gemacht haben, werden von Hollywood normalerweise nicht nur vernachlässigt, sondern geradezu verachtet. Der Film war relativ billig, kostete weniger als die Requisiten von "Matrix", spielte aber mehr als das Zehnfache seines Budgets ein. Er ist viel erfolgreicher als aufwendige Action-Spektakel wie "Hellboy" oder "Wanted". Vielleicht führt das ja zu einem Umdenken in Hollywood.

Hollywood in Zeiten der Rezession

SPIEGEL: Nach dem Börsencrash von 1929 wurden Hollywood-Filme für einige Jahre ästhetisch, politisch und erotisch sehr wagemutig. Wird sich das jetzt wiederholen?

Streep: Damals war Hollywood noch eine konkrete, fassbare Größe: eine überschaubare Gemeinde von Filmschaffenden in Kalifornien. Heute sind die Zentren der Filmindustrie über die Welt verteilt. Sie liegen in Peking oder Mumbai. Das Kino wird sich deshalb in verschiedene Richtungen gleichzeitig entwickeln.

SPIEGEL: Ihre 25-jährige Tochter Mamie startet gerade ihre Schauspielkarriere. Ermutigen Sie sie?

Streep: Ich finde es wunderbar. Sie ist wirklich gut, diszipliniert, mit Leidenschaft dabei. Sonst hätte ich sicher etwas dagegen.

SPIEGEL: Das heißt, Sie erkennen sich in ihr wieder?

Streep: Nein, ich sehe eher das kleine Mädchen, das sie mit drei Jahren war. Aber sie fängt ja auch erst an. Ich habe noch eine andere Tochter, die gerade ihren College-Abschluss gemacht hat, mein Sohn ist Musiker, und meine Jüngste ist gerade erst mit der High School fertig.

SPIEGEL: Sie haben Ihre Kinder aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Mit Absicht?

Streep: Ich war immer besorgt, als sie klein waren. Ich wollte nicht, dass sie fotografiert werden. Und jetzt stellen sie ihre Bilder auf der Internet-Plattform Facebook ein. Das ist der Dank!

SPIEGEL: Auch Sie selbst haben sich dem Starrummel eher entzogen. Warum?

Streep: Das ist meine Art zu leben. Ich lasse mich nicht gern anschauen. Ich mag es nicht besonders, fotografiert zu werden.

SPIEGEL: Sind Sie mit dieser Einstellung nicht in der falschen Branche?

Streep: Oh, bei einem Film ist das natürlich etwas anderes. Da geht es um Schauspielerei, um eine fiktive Welt. Aber diese Glamour-Nummer fühlt sich für mich falsch an. Das bin ich einfach nicht.

SPIEGEL: Ihren Durchbruch hatten Sie Ende der siebziger Jahre. Jimmy Carter war gerade Präsident geworden. Kann man die damalige Aufbruchstimmung mit der Situation in den USA von heute vergleichen?

Streep: Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir gerade eine Wirtschaftskrise durchgemacht. Es war sehr schwierig, in New York zu leben. Ich war eine junge Schauspielerin, viele Broadway-Theater hatten geschlossen. Dann wurde es langsam besser, wirtschaftlich. Aber ich will nicht so tun, als ob ich irgendetwas davon verstanden hätte. Es hat mich damals einfach nicht interessiert - oder nur insoweit, als ich versucht habe, nicht jeden Tag Thunfisch aus der Dose zu essen.

SPIEGEL: Ms. Streep, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Lars-Olav Beier und Martin Wolf.

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