AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 6/2009

Schauspieler "Hauen und Stechen"

Oscar-Preisträgerin Meryl Streep, 59, über das Kino in den Zeiten der Rezession, ihre Abneigung gegenüber dem Starrummel und ihre Rolle im neuen Film "Glaubensfrage".


SPIEGEL: Ms. Streep, mussten Sie jemals in einem Film Ihre Haare von Anfang bis Ende verstecken wie in dem Melodram "Glaubensfrage", in dem Sie eine Nonne spielen?

Streep: Auf der Leinwand noch nie. Aber es war eine große Erleichterung, mich mal nicht um meine Frisur sorgen zu müssen.

SPIEGEL: In "Glaubensfrage" verkörpern Sie die strenge Prinzipalin einer katholischen Klosterschule im Jahre 1964, die einen Priester als Päderasten verdächtigt. Hat Ihnen die Schwesterntracht geholfen, diesen rigiden Charakter zu spielen?

Streep: Sie bietet Schutz. Die Haube verdeckt das Gesicht teilweise und entzieht es allzu neugierigen Augen. Andererseits hilft sie einem auszublenden, was rechts und links passiert. Als ich die Haube aufsetzte, wurde mir sofort klar, mit welchen Strategien Frauen in früheren Zeiten durchs Leben kamen: Sie verschlossen vor den Unannehmlichkeiten die Augen.

SPIEGEL: Verschließt Hollywood gerade vor den Unannehmlichkeiten im gegenwärtigen Amerika die Augen?

Streep: Wie kommen Sie darauf?

SPIEGEL: Fast alle der Oscar-Favoriten wie "Glaubensfrage", "Der seltsame Fall des Benjamin Button", "Milk", "Frost/Nixon", "Slumdog Millionaire" oder "Der Vorleser" spielen zu anderen Zeiten oder in anderen Ländern. Hat Hollywood Angst davor, die Zuschauer mit ihren eigenen Problemen zu konfrontieren?

Streep: Erzählen nicht viele dieser Filme tatsächlich von unserem Leben? Wenn ich mir "Milk" anschaue, der von der Schwulenbewegung der siebziger Jahre handelt, denke ich natürlich sofort an die gerade laufende Diskussion um die Legalisierung der Schwulenehe in Kalifornien. Vielleicht hilft die historische Distanz sogar, unsere eigenen Probleme in den Blick zu nehmen. Ich glaube nicht, dass Hollywood die Gegenwart verdrängt.

SPIEGEL: Sie selbst haben unlängst mit Gegenwartsfilmen große Flops erlebt: Die Polit-Dramen "Von Löwen und Lämmern" und "Machtlos", die vom sogenannten Krieg gegen den Terror in Afghanistan und anderswo handeln, spielten zusammen in den USA nur 25 Millionen Dollar ein. Lassen Sie in Zukunft die Finger von so aktuellen, brisanten Stoffen?

Streep: Nein, aber wenn Filme zu didaktisch werden, wenden sich die Zuschauer ab, das ist nun einmal so. In der Kunst sollte man die Dinge vielleicht eher umschreiben, statt sie direkt beim Namen zu nennen. Man sollte die Zuschauer nicht belehren, sondern berühren, unmerklich ihren Standpunkt verschieben. Natürlich hätte ich mir gewünscht, diese* Filme wären von mehr Zuschauern gesehen worden.

SPIEGEL: Auf der anderen Seite waren Sie zuletzt mit der Komödie "Der Teufel trägt Prada" und der Musicalverfilmung "Mamma Mia!" so erfolgreich wie noch nie. Brauchen harte Zeiten leichte Filme?

Streep: Mir haben diese leichten Filme geholfen, die Frustration über die Misserfolge der schweren Filme zu überwinden. Natürlich brauchen wir unbeschwertes Unterhaltungskino, aber nicht nur. Wir verzehren uns nach Süßspeisen, doch manchmal brauchen wir harte Kost. Auf jeden Fall müssen wir tanzen, singen und lachen. Warum wären wir sonst am Leben?

SPIEGEL: Das klingt fast so, als würde Meryl Streep, die am häufigsten für den Oscar nominierte Schauspielerin der Welt, zur Dancing Queen des Mainstream-Kinos.

Streep: Für Kinder ist es sehr wichtig, sich im Spiel eine eigene Welt zu erschaffen. Und ich glaube, dass wir dieses Bedürfnis als Erwachsene nicht verlieren. Phantasien helfen uns, das tägliche Leben zu meistern. Stellen Sie sich vor, Sie würden in einer Fleischfabrik von morgens bis abends Würste vollstopfen oder 14 Stunden am Tag hinter dem Steuer eines Taxis sitzen. Dann hätten Sie vielleicht auch den Wunsch, sich nach der Arbeit bei einem Glas Bier oder einem netten Film zu entspannen.

SPIEGEL: Ein Plädoyer für Eskapismus?

Streep: Bewusstsein ist sehr wichtig, aber manchmal muss es ausgeschaltet werden. Sonst könnten wir unser Leben nicht genießen. Und es ist sehr kurz.


* Mit Dustin Hoffman und Justin Henry in "Kramer gegen Kramer".



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