AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 7/2009

Biologie Spuren im Schlamm

Der US-Zoologe Jeff Meldrum will die Existenz des sagenumwobenen Affenmenschen "Bigfoot" beweisen. Nun wähnt er sich fast am Ziel.


Hoch oben in den Rocky Mountains, an der Idaho State University, hegt und pflegt man ein eigentümliches Exemplar einer seltenen Art. Es handelt sich um den Kryptozoologen Jeffrey Meldrum, der sein Wirken einem bizarren Ziel gewidmet hat: Mit seriöser Forschung will der Wissenschaftler die Existenz des sagenumwobenen Waldhünen "Bigfoot" beweisen.

Das wundersame Wesen - halb Affe, halb Mensch - schleicht angeblich muskelbepackt, über zwei Meter groß und bis zu 500 Kilogramm schwer durch die wenig zugänglichen Wälder zwischen Kanada und dem Norden der Vereinigten Staaten.

Schon die Indianer in der Gegend gruselten sich vor dem mysteriösen King Kong und tauften ihn "Sasquatch" ("haariger Riese").

Bislang blieb ein schlagender Beweis für die Existenz des Zottels allerdings aus. Noch nie geriet etwa ein Exemplar der vermeintlichen Primatenart in menschliche Hände - weder tot noch lebendig.

Die diffuse Erkenntnislage verlockt auch spinnerte Gestalten zu allerhand kruden Hochstapeleien. In diesem eher deprimierenden Umfeld betreibt Meldrum seine durchaus ernstgemeinten Forschungen. Von den üblichen Verdächtigen im Bigfoot-Zirkus unterscheidet ihn, dass der anerkannte Anthropologe als ausgewiesener Spezialist für die Bewegungsabläufe von Primaten gilt.

In gutbesuchten Vorträgen und wissenschaftlichen Abhandlungen ("Ichnotaxonomie großer Hominoidenspuren in Nordamerika") analysiert Meldrum die einzigen Indizien, die in reicher Zahl vorhanden sind: Fußabdrücke - im Format von Schuhgröße 61 -, die das wuchtige Wesen aus dem Wald mutmaßlich an verschiedensten Stellen in den Schlamm gestampft hat.

Dass es sich bei diesen Funden stets nur um Juxereien handelt, glaubt der schnauzbärtige Gelehrte ausschließen zu können: "Die Wahrscheinlichkeit einer Verschwörung von Fälschern, koordiniert über Jahrzehnte und ein so riesiges Gebiet, ist verschwindend gering."

Nun will Meldrum mit einem neuen Buch endgültig alle Zweifel ausräumen. Er destillierte Gemeinsamkeiten aus den Fundstücken und analysierte deren Abdrucktiefe und Form. "Ich habe Spuren gefunden, die sehr klar sind. Es brauchte extrem gute Kenntnisse über die Dynamik des Fußes und die Dehnbarkeit der Zehen, um solche Abdrücke zu fälschen", versichert der Forscher.

Er hat auch eine Theorie, wie der am ganzen Körper behaarte Einzelgänger einst in die amerikanische Wildnis gelangte: Demnach sei der vorzeitliche Riesenaffe Gigantopithecus vor 13.000 bis 14.000 Jahren aus Asien über jene Landverbindung in der Beringstraße eingewandert, über die auch die ersten Ureinwohner nach Amerika gelangten.

Meldrums erste Begegnung mit dem Bigfoot lässt sich auf das Jahr 1967 datieren. In zahlreichen US-Kinos schauderte damals das Publikum über einen verwackelten Amateurfilm, in dem für Sekunden ein bulliges und behaartes Geschöpf entspannt einen Waldweg entlangschlendert. Meldrum hält den grobkörnigen Streifen bis heute für ein einzigartiges Beweisstück: "Wenn diese Aufnahmen authentisch sind, ist das der aufregendste Naturfilm, den es jemals gab."

Akribisch examinierte der Biologe das knappe Material, ließ es von Bewegungsspezialisten begutachten und zog gar Experten für Spezialeffekte des Disney-Konzerns hinzu. Das Fazit von Amerikas oberstem Bigfootologen: Kein Mensch sei in der Lage, sich auf die dargestellte Weise in einem Affenkostüm zu bewegen.

Gedreht worden war die Rarität von dem Rodeoreiter Robert Patterson. Der verstarb 1972 an Krebs und verbürgte sich noch auf dem Sterbebett für die Echtheit des Films.

Die Kritiker sind von derlei Beteuerungen nur schwer zu beeindrucken. Vielmehr begleiten sie Meldrums Treiben mit unverhohlenem Spott - etwa, als der wackere Primatenkundler zuletzt in Begleitung einiger Getreuer zu einer Expedition in die kanadische Einöde aufbrach. Am abgelegenen Snelgrove Lake campierte Meldrums Crew in einer wackligen Fischerhütte.

Hernach berichtete ein Teilnehmer des Trupps aufgebracht über denkwürdige Vorkommnisse: Nächtens sei die Holzbude von einer knurrenden Kreatur mit Steinen beworfen worden. Ein Bär wäre zu solch gezielten Attacken gar nicht in der Lage - er habe schließlich keine Hände, so der Augenzeuge. Während die Fachwelt feixte, meldete sich Meldrum verärgert zu Wort: "Die Skeptiker in ihren Lehnsesseln haben kaum oder gar keine Ahnung, wie weitreichend die Belege da draußen sind."

Tatsächlich bleibt die Beweislage jedoch heikel: So ist der Biologe und Primatenspezialist Ian Redmond aus Großbritannien jüngst in den Besitz eines Büschels Haare gelangt, das nach seiner Einschätzung von einem Nachfahren des Gigantopithecus stammen sollte.

Nach ersten mikroskopischen Untersuchungen wähnte sich Redmond zunächst tatsächlich einem noch unentdeckten Menschenaffen auf der Spur. Die DNA-Probe ließ dann gleichwohl keinen Zweifel: Demnach waren die Fellreste keineswegs einem geheimnisvollen Riesen zuzuordnen.

Sie gehörten ehedem einer gewöhnlichen Bergziege.



© DER SPIEGEL 7/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.