AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2009

Extremismus Zur Rechten Gottes

Von und

2. Teil: Kahlgeschorene Katholiken


Meisners Erzbistum im Westen der Republik ist zum Sammelbecken rechtsgläubiger Katholiken geworden, von Anhängern des Opus Dei bis hin zu den Legionären Christi. Dem emeritierten Weihbischof Max Ziegelbauer erlaubte der Kardinal, die lateinische Messe im alten Ritus in der Kölner St.-Kunibert-Kirche zu zelebrieren. Dabei sprachen die Gläubigen antisemitische Gebete gegen "die verworfene Judenschar". Ein Kölner Pfarrer war "erschrocken über etliche kahlgeschorene Mitbeter in den Kirchbänken".

Meisner und andere deutsche Bischöfe stellen auch Priestern aus der Petrusbruderschaft Kirchen in ihren Bistümern zur Verfügung. Dort zelebrieren diese mit Erlaubnis der römisch-katholischen Kirche ihre Messen nach dem Werk "Das vollständige römische Messbuch" in der Fassung von 1962 - antisemitische Passagen inklusive. Gebetet wird "für die Bekehrung der Juden", wegen der angeblichen "Verblendung jenes Volkes". In den Karfreitagsgebeten, die von Meisner toleriert werden, heißt es über die Juden: "Gott möge den Schleier von ihren Herzen nehmen. Mögen sie das Licht Deiner Wahrheit erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden."

Wer so betet, versteht sich offenbar gut mit weltlichen Judengegnern. Im Juni vergangenen Jahres hatte die Piusbruderschaft in Stuttgart, dem Sitz ihrer Deutschland-Zentrale, den Rechtsextremisten und NPD-Dauerreferenten Richard Melisch zu einem Vortrag in das Priorat St. Athana-sius gebeten. Kontakte dieser Art sind nicht auf Deutschland beschränkt. Französische Piusbrüder begrüßten bei einer Dankesmesse für den Pius-Gründer Marcel Lefebvre die Vorstandsriege des rechtsextremen Front National.

Bereits 1994 formierte sich in Stuttgart nach einem Auftritt des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider bei der örtlichen FDP ein "Cannstatter Kreis". Die rechte Truppe avancierte rasch zum Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes, der ihn als "Plattform" einstufte, "um sich im rechtsextremistischen Lager über alle Grenzen hinweg zusammenzuschließen".

Aus den Reihen der Piusbrüder stellte sich der damalige Distriktobere Markus Heggenberger der Gruppe als Referent zur Verfügung. Den Schulterschluss mit der neuen Rechten demonstrierte der Katholik - wie andere Piusbrüder auch - mit einem Interview in der "Jungen Freiheit".

Niklaus Pfluger etwa, der Mann, der vor gut einer Woche nach Argentinien zu Williamson reiste, um den Holocaust-Leugner im Auftrag der Pius-Oberen zum Widerruf zu bewegen, ist regelmäßig in dem Zentralorgan der Neuen Rechten vertreten. Die rechte Hand des Pius-Welt-Chefs Bernard Fellay schrieb dort im Juni 2007 einen programmatischen Aufsatz. Der "Grund-Impetus des Konservativismus" sei "die Ablehnung der Moderne".

Pfluger warnte vor der "demografischen Katastrophe", die er kommen sehe, "die islamische Übernahme der westeuropäischen Ballungsräume", und beschwört einen "heraufziehenden kulturellen Abwehrkampf gegen den Islam auch in unseren Städten". Konservativismus heute sei deshalb "politische Theologie", mit der man "die linke Dominanz" brechen müsse. "Die konservative Gegenrevolution" sei "ohne die Wiederentdeckung der Religion als öffentliche Angelegenheit undenkbar" und müsse "sich geistig auf die katholische Kirche" stützen.

Die ideologische Schnittmenge zwischen fundamentalistischen Katholiken und der Neuen Rechten ist beachtlich. Aus Endzeitstimmung, Paranoia, Verschwörungstheorien, Ablehnung der Aufklärung und der Moderne bauen sich viele am rechten Rand von Kirche und Gesellschaft ein extremistisches, von Hass durchtränktes Weltbild zusammen. Ihre Protagonisten gefallen sich als verfemte Außenseiter, die wie Märtyrer für ihren Glauben und ihre Überzeugungen einstehen.

Während Vordenker Pfluger die Richtung vorgibt, marschieren die Jünger der Katholischen Pfadfinderschaft Europas durch die Straßen. Sie halten Mahnwachen vor Abtreibungskliniken und organisieren "Sühneprozessionen" gegen "blasphemische" Kinofilme. So protestierten im Mai 2008 in München 1.200 Demonstranten gegen "Das Gespenst" von Herbert Achternbusch. Dieser mit öffentlichen Mitteln geförderte Film sei "eine nicht zu überbietende Gotteslästerung".

Welche Art von Kultur Katholiken am rechten Rand ins Weltbild passt, demonstriert die Band Von Thronstahl. Sänger Josef Klumb, hat sich nach Gesprächen mit dem charismatischen Piusbruder Milch dem Katholizismus zugewendet. Der Musiker versucht nun, den 1987 verstorbenen "hochwürdigsten Freund" unsterblich zu machen.

"Über das Katholische hinaus", heißt es auf der Thronstahl-Website unter "Ecclesia Militans", genieße der Priester großen Zuspruch in "unserer wehrhaften konservativ wie avantgardistischen Subkultur" - gemeint ist die Szene der Rechtsextremisten.

Das bestehende System, so Milch in seinem Song, sei zu verachten: "Zeit, Mode, Mehrheit, Meinung, Masse, lauter Varianten und Ausdrucksformen des Nichts!"

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