AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 8/2009

Kulturerbe Neues Bauen, neue Welt

Das Bauhaus ist 90 Jahre nach der Gründung ein gigantischer Mythos. Ausstellungen von Tokio bis New York würdigen das deutsche Labor der Moderne. Dort wollte eine junge Boheme zukunftsträchtige Produkte und eine gerechtere Gesellschaft formen: ein rebellischer Geist mit Vorbildcharakter.


In düsteren Zeiten ist die Strahlkraft großer Ideen gefragt. Die deprimierende Gegenwart empfand der deutsche Architekt Walter Gropius nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als "Katastrophe der Weltgeschichte", und er begegnete ihr mit einer kühnen und zugleich erstaunlich pragmatischen Utopie. So gelang ihm, ganz real, ein kulturelles, bis heute nachwirkendes Wunder.

Ohne diesen Mann sähe die Welt der Architektur und des Designs anders aus. Daran dürfte bald häufiger erinnert werden, nicht nur in Deutschland.

Gropius, damals 35 Jahre alt, machte es zum Prinzip, sich allen Traditionen zu verweigern und doch auf eine ganz altmodische Art soziale Verantwortung zu übernehmen. Am 20. März 1919 stellte er den Antrag, eine Akademie gründen und sie "Staatliches Bauhaus in Weimar" nennen zu dürfen. Am 12. April traf die Genehmigung ein. Zwischendurch hatte der Architekt ein mitreißendes Manifest verfasst. Es war der Beginn einer epochalen Entwicklung, einer nahezu weltweiten ästhetischen Umwälzung - kurz, einer echten Revolution.

Das Bauhaus erwies sich als eine aufregende Kunstschule, als eine Akademie, die nicht akademisch sein sollte, sondern lebensnah. Dem Kuratorium des Freundeskreises gehörte bald Albert Einstein an, zu den Lehrern zählten Maler wie Josef Albers, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Oskar Schlemmer. Ludwig Mies van der Rohe, der dritte Direktor des Bauhauses, wurde eine Legende der Architekturgeschichte.

Ausstellungen in Weimar und Berlin, in Tokio und New York sowie rekordverdächtig viele neue Bücher feiern nun den 90. Jahrestag der Gründung. Sogar das New Yorker Museum of Modern Art, das MoMA, plant seit längerem, seinen 80. Geburtstag mit dem 90. des Bauhauses zu verbinden. Alfred Barr, Gründungsdirektor des MoMA, hatte sich einst von den deutschen Erneuerern inspirieren lassen und sein Museum auf die Kunst der europäischen Moderne ausgerichtet.

Nur zu. Die Schule hat tatsächlich das Bild von der Moderne geprägt und den unerbittlichen Bruch mit alten Gewohnheiten zur obersten Künstlerpflicht erklärt: "Die erste Tat des Bauhauses war, alle feststehenden Anschauungen einzureißen ... Plötzlich entdeckt man, dass man auch von einer ganz anderen Perspektive das Leben ansehen kann", schwärmte die Absolventin Lisbeth Oestreicher.

Welch ein Erbe - bis heute dient das Bauhaus als heimlicher Maßstab für alle, die sich zur Avantgarde in Kunst, Design, Architektur und Städtebau zählen. Die Kulturgeschichte, die in den Jahren nach 1919 geschrieben wurde, ist das Fundament für das Selbstverständnis und das Renommee des heutigen Deutschland als Standort künstlerischen Fortschritts.

Weimar, Dessau, Berlin: Das waren die drei Stationen in 14 Jahren, drei Aufbrüche, die in der Niederlage vor kulturlosen Gegnern endeten. Heute sind die Stätten in Weimar und Dessau Weltkulturerbe. Eine späte Verbeugung.

Das Bauhaus überlebte als Mythos, es dauert fort in den Werken der nach 1933 geflüchteten Lehrer und Schüler. In Israel entwickelte sich eine eigene Bauhaus-Moderne. In Chicago war in den Dreißigern sogar ein New Bauhaus eröffnet worden. Auch New York wäre ohne die aus Deutschland importierte Stahl-Glas-Ästhetik eine andere Stadt. Nur der verspielten Postmoderne der achtziger Jahre war das puristische Bauhaus dann zu dogmatisch - vor allem wollte man gegen die inzwischen überlebensgroße Legende rebellieren.

Daheim in Deutschland erhoben nach dem Krieg Ost und West jeweils Anspruch auf das Vermächtnis. Später gab es auch hier Kritiker, reflexhaft brachten sie den Einwand hervor, die Wohnsilo- und Plattenbausünden gingen direkt auf die Bauhaus-Vision einer Behausung vom Fließband zurück. Doch diese Entzauberungsversuche gehören auch schon wieder lange der Vergangenheit an.

Das alte harmonische Bild sei inzwischen zerbrochen, sagt zwar die Bauhaus-Expertin Magdalena Droste - aber dieser Eindruck scheint sich im Jubeljahr 2009 nicht zu bestätigen, denn nun üben sich fast alle in der Verklärung, feiern die Schule als Labor der zukunftsträchtigen Produktgestaltung. Nachträglich erklärt man das Bauhaus zum lebenslustigen Großatelier, das nebenbei eine Design-Novität nach der anderen ausspuckte und so den Alltag ästhetisierte. Nur war es deutlich vielschichtiger, widersprüchlicher und vor allem gewichtiger als sein Ruf.

Die eigentliche Großtat von Gropius und seinen Gefolgsleuten bestand darin, die gesellschaftspolitische, auch moralische Kraft von Architektur und Design zu erkennen und freizulegen. Man wollte "wirksamen Einfluss" auf die "allgemeinen Zustände" nehmen, eine gerechtere Welt formen und das alles zu einer "Lebensangelegenheit des ganzen Volkes" machen.

Dass gerade die Architektur heute als politisch gilt, weil sie Lebensbedingungen konkret gestaltet, dass um ihre Entwürfe folglich immer auch gerungen und über sie gestritten werden muss - diese Einsicht rührt vor allem vom Bauhaus her.

Natürlich klingt das nach Weltverbesserertum, was inzwischen als Makel gilt. Doch wäre es längst an der Zeit für eine zutreffendere Bewertung; zudem gilt es, das Bauhaus neu zu erfinden, den Nachfolgeinstitutionen - der Stiftung Bauhaus Dessau und der Bauhaus-Universität Weimar - ähnliches Revoluzzertum, auch ähnliche Tatkraft wie damals abzuverlangen.

Immerhin: In Dessau nutzt man das Jubiläumsjahr für einen Neuanfang. Der Berliner Architekt Philipp Oswalt tritt im März sein Amt als Direktor an, und er fordert wieder mehr Engagement sowie die Pflicht zur Einmischung (siehe Seite 142).

Dass das Bauhaus zum ewigen Faszinosum werden würde, war 1919 kaum vorherzusehen. Am Ende des Ersten Weltkriegs verharrte die deutsche Kunstszene in einem Trauma. Alle, die lebendig aus den Schützengräben herausgekommen waren, kämpften um ihre Existenz. Man sah einer politisch aufgeheizten, wirtschaftlich unsicheren Zukunft entgegen.

Dann der Lichtblick - das Bauhaus war ja auch als Versprechen gemeint. Da Gropius das Vorkriegskonzept der lebenslustigen Boheme für weltfremd hielt, wollte er Malern, Produktgestaltern und Architekten eine Bodenständigkeit verleihen, die sie ernähren konnte. Weil das Handwerk seiner Ansicht nach Basis allen künstlerischen Schaffens sein sollte, gründete er lauter Werkstätten, nannte seine Professoren Meister, die Studenten Lehrlinge und Gesellen.

Es ging ihm darum, Geist, Talent und Tatkraft zu verbinden. Alles, was am Bauhaus an Erzeugnissen entstand, jeder Stuhl, jede Leuchte, jeder Türgriff und jedes Wandbild, scheint diesen Kern der Zuversicht in sich zu tragen. Das und noch etwas anderes macht bis heute das Charisma dieser Idee aus: In der Ästhetik hat sich auch eine hochambitionierte, hoffnungsvolle Jugend verewigt.



insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
architekt? 18.02.2009
1. ...
Die Geschichte kann man in diesem sehr günstigen und bebilderten Taschenbuch nachlesen. http://www.amazon.de/gp/product/3822822221?ie=UTF8&tag=978-3899552119-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3822822221 Wer mehr investieren möchte kann sich mal folgendes Buch anschauen. http://www.amazon.de/gp/product/3832171533?ie=UTF8&tag=978-0744010480-21&linkCode=as2&camp=1638&creative=19454&creativeASIN=3832171533
tetaro 18.02.2009
2. Bauhaus...lasst es doch in Würde sterben.
Irgendwann war's sicherlich mal was Neues und Interessantes. Sich heute noch darauf zu berufen, weil man rechtfertigen will, Stadtteile in 6 Monaten mit gleichförtmigen Klötzchen zu tapezieren, ist dagegen albern.
Prach, 18.02.2009
3. Das Grauen hat einen Namen...
Bauhaus. Ornament ist Verbrechen. Stattdessen einfach eine schöne glatte Betonwand, gern roh belassen, wegen der Materialehrlichkeit. Großzügig verglast, mit Flachdach. Im Idealfall mit schiefen Wänden. Ist zwar sinnlos, aber irgendwie ist man ja doch Künstler, nicht wahr? Unsere Städte sehen dementsprechend gruselig aus. Ich plädiere für einen neuen Historismus. Mit möglichst vielen Ornamenten wie beim legendären Dresdner Kaiserpalast. Wäre mir normalerweise auch etwas zu heavy, aber ich brauche jetzt ein starkes Anti-Bauhaus-Gegengift. Viele Grüße aus dem Wohncontainer: Bauhaus, nein Danke.
a.weishaupt 18.02.2009
4. Die Unwirtlichkeit unserer Städte
Leider hat die naiv-utopische "Greisenmoderne" der 1920er uns unterm Strich nichts weiter als Unwirtlichkeit in die Städte gebracht; eine Fortsetzung der Kriegszerstörungen mit anderen Mitteln. Gepaart mit dem autogerechten Umbau der 50er bis 70er haben wir uns in Deutschland mit dem Modernismus einen handfesten Standortnachteil eingehandelt - die Atmosphäre von Paris oder Mailand lag bei uns mal direkt vor der Haustür. Nicht umsonst liegen Miet- und Kaufpreise für Wohnungen in den letzten verbliebenen Altbauinseln auf Rekordniveau. Solche Stadtteile, meistens nur einige zufällig stehengebliebene Vorkriegs-Straßenzüge, sind fast immer um ein Vielfaches attraktiver und lebendiger als die verschlafenen Nachkriegssiedlungen, dafür weniger weitläufig und weniger autogerecht. Das Konzept des radikalen Umbruchs ist also famos gescheitert, längst würde eine Mehrheit einen Wiederaufbau der gründerzeitlichen Stadtlandschaft befürworten. Dass die Architektenzunft dies ständig verweigert und vielerorts erst durch Bürgerproteste zur Aufgabe oder Abschwächung ihrer Experimente bewogen werden muss, zeigt ihr undemokratisches Wirken. Die traditionelle Stadt der kurzen Wege ist vor dem Hintergrund der Verkehrsprobleme heute wieder interessant - erprobte Konzepte, die sich über lange Zeit entwickelt haben, lassen sich eben durch halbgare Visionen nicht so leicht übertreffen.
architekt? 18.02.2009
5. ...
Zitat von PrachBauhaus. Ornament ist Verbrechen. Stattdessen einfach eine schöne glatte Betonwand, gern roh belassen, wegen der Materialehrlichkeit. Großzügig verglast, mit Flachdach. Im Idealfall mit schiefen Wänden. Ist zwar sinnlos, aber irgendwie ist man ja doch Künstler, nicht wahr? Unsere Städte sehen dementsprechend gruselig aus. Ich plädiere für einen neuen Historismus. Mit möglichst vielen Ornamenten wie beim legendären Dresdner Kaiserpalast. Wäre mir normalerweise auch etwas zu heavy, aber ich brauche jetzt ein starkes Anti-Bauhaus-Gegengift. Viele Grüße aus dem Wohncontainer: Bauhaus, nein Danke.
Ein "Gegengift" ist Hundertwasser. Siehe Verschimmelungsmanifest gegen den Rationalismus in der Architektur (http://www.kunsthauswien.com/deutsch/gegen-arch.htm).
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