Medizin Chemieunfall im Riechorgan

Tausende Deutsche sind abhängig von scheinbar harmlosen Nasensprays. Aus eigener Kraft können sie sich nur schwer von der Sucht befreien.
Von Günther Stockinger

Die Junkies bunkern den Stoff in jeder Jackentasche. Die Fläschchen mit dem Sprühverschluss stecken auch im Aktenkoffer, im Auto-Handschuhfach, in der Schreibtischschublade oder im Nachtkästchen.

Panik bricht aus, wenn der Nachschub einmal nicht zur Hand ist. Dann kann es passieren, dass die Süchtigen bei Veranstaltungen oder Essenseinladungen plötzlich schweißüberströmt ins Auto springen - oder sich im Badezimmer am Medikamentenschränkchen der Gastgeber vergreifen.

Weit mehr als 100.000 Menschen sind nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen hierzulande von Nasensprays mit abschwellender Wirkung abhängig. "Und die Zahl ist eher zu niedrig gegriffen", glaubt Stefan Tesche, HNO-Spezialist am Hamburger Uni-Klinikum in Eppendorf.

Bei starkem Schnupfen können die Mittel zunächst durchaus ein Segen sein. Die in ihnen enthaltenen Substanzen sorgen dafür, dass sich die Blutgefäße in der Nasenschleimhaut zusammenziehen. Schon nach wenigen Minuten tritt die Wirkung ein: Die Schwellkörper in den Nasenzügen schrumpfen, die Schnupfengeplagten können wieder frei atmen.

Doch mit jedem Griff zur Flasche wächst das Risiko eines gegenläufigen Effekts. Wenn die Wirkung nach einigen Stunden nachlässt, versucht der Körper den entstandenen Nährstoffmangel auszugleichen - die Gefäße füllen sich umso stärker mit Blut, die Luftpassage ist verstopfter als zuvor.

Schon nach 10 bis 14 Tagen regelmäßiger Anwendung finden sich die Benutzer mit Pech in einem Teufelskreis wieder. Um die Nase überhaupt noch frei zu bekommen, müssen sie in immer kürzeren Abständen und höheren Dosen sprühen. Ohne die Mittel geht durch die Nase bald nichts mehr. Das Riechorgan ist wie zugeschweißt.

Wenn kein Stoff in der Nähe ist, reagieren die Leidtragenden mit Herzrasen und Erstickungsängsten: "Sie glauben, keine Luft mehr zu kriegen, sie können ohne das Spray nicht mehr leben", berichtet Christian Paschen, HNO-Mediziner an der Berliner Charité.

Viele der Betroffenen nehmen die Medikamente über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Ihre empfindlichen Naseninnenwände sehen dadurch aus wie nach einem Chemieunfall - die Schleimhäute sind durch die dauernde Unterversorgung dünn, hochgradig gereizt und ausgetrocknet. Die Flimmerhärchen, die für den Schleimtransport sowie die Beseitigung von Viren und Bakterien zuständig sind, gehen zugrunde.

Auf den malträtierten Schwellkörpern bilden sich Krusten und Borken, die nach der Beschreibung eines Betroffenen nichts anderes sind als "eingetrocknete Popel, die in ihrer Form abgestorbenen Ästen ähneln und dem Nasenspray-Abhängigen bei jeder unpassenden Situation aus der Nase baumeln".

Im schlimmsten Fall droht nach chronischem Spray-Missbrauch die gefürchtete "Stinknase" (Ozäna): Teile des Schleimhautgewebes gehen unter, sogar der Knorpel kann durchlöchert sein. In den gelbgrünen Belägen schwimmen so große Ansammlungen von Erregern und Zellleichen, dass die Kranken einen abstoßend süßlich-fauligen Geruch aus der Nase verströmen.

"Die Leute sind im Alltagsleben massiv beeinträchtigt, sie trauen sich nirgendwo mehr hin und haben kaum noch soziale Kontakte", sagt Philipp Caffier, HNO-Experte an der Charité in Berlin.

Hilfe versprechen in noch nicht so weit fortgeschrittenen Fällen Salzlösungen oder cortisonhaltige Nasensprays, die zwar weniger schnell wirken, dafür aber die Schleimhäute nicht austrocknen. Andere Opfer reduzieren die Nasenspray-Dosis, indem sie die Mittel mit Kochsalzlösung verdünnen oder auf niedriger dosierte Sprays für Kinder und Säuglinge umsteigen.

Auch die "Ein-Loch-Methode" kann beim Ausstieg helfen. Die Abhängigen sprühen die Schnupfenmittel mehrere Wochen lang nur noch in eine Nasenöffnung. Die Schleimhaut auf der danebenliegenden Seite kann sich in dieser Zeit regenerieren. Wenn der Luftstrom durch dieses Nasenloch wieder fließt, wird das Spray auch auf der anderen Seite ersatzlos gestrichen.

Doch der Entzug ist mühsam, das Verlangen nach dem befreienden Schuss aus der Flasche bleibt vor allem nachts oft übermächtig: "Ich habe schon alles ausprobiert und bin immer wieder rückfällig geworden", berichtet ein gequältes Opfer.

Nutznießer der im Verborgenen blühenden Sucht sind die Pharmahersteller. Von den rezeptfrei erhältlichen Nasensprays werden jährlich Millionen Packungen abgesetzt. Unter den 20 meistverkauften Arzneimitteln in Deutschland waren 2007 vier Schnupfenmittel. "In etwa jeder dritten Apotheke wird auf die Suchtgefahr gar nicht erst hingewiesen", kritisiert Gerd Glaeske, Pharmaexperte am Bremer Zentrum für Sozialpolitik.

Mit ihrer Abhängigkeit und dem ständigen schlechten Gewissen, sich wie Junkies durchs Leben zu bewegen, landen die Abhängigen deshalb häufig beim Suchtmediziner - und sorgen auch dort für ungläubiges Staunen.

"Man hätte mit jemandem, der ein lebenswichtiges Blutdruckmittel bekommt, nie eine solche emotionale Auseinandersetzung um sein Medikament wie bei Leuten, die ihr Nasenspray haben wollen", wundert sich Rüdiger Holzbach, Psychiater und Psychotherapeut an den LWL-Kliniken Warstein und Lippstadt. "Da ist richtiger Druck dahinter."

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