AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 9/2009

Kino "Man ist nie zu alt zum Lernen"

2. Teil: "Die Menschen benutzen nun mal Wörter wie 'Fuck' oder 'Scheiße'"


Eastwood: Ich möchte auch gar nicht politisch korrekt sein, denn die Sprache der Straße ist es auch nicht. Die Menschen fluchen jeden Tag, sie benutzen nun mal Wörter wie "Fuck" oder "Scheiße". Solche Ausdrücke hören die Hollywood-Studiobosse natürlich nicht gern in den Filmen. Je mehr "Fucks" pro Film, desto höher wird die Altersfreigabe festgesetzt. Aber mal abgesehen davon, übertreiben wir es auch im normalen Alltag mittlerweile zu sehr damit, unser Leben in allen Facetten politisch korrekt zu gestalten. Wir leben in ständiger Angst, jemandem verbal auf die Füße zu treten. SPIEGEL: Ist das so verkehrt?

Eastwood: Die Leute haben ihren Humor verloren. Wir haben früher ständig Witze über verschiedene Rassen gemacht. Die kann man heute ja nur noch hinter vorgehaltener Hand erzählen, weil man Angst haben muss, dass man als Rassist beschimpft wird. Ich finde das lächerlich. Früher gab es in jeder Freundesclique "Sam, den Juden" oder "José, den Mexikaner" - wir haben uns nichts dabei gedacht und hatten schon gar keine rassistischen Gedanken. Es war normal, dass wir uns gegenseitig hochgenommen haben mit Witzchen, die auf unserer Nationalität oder ethnischen Zugehörigkeit basierten. Das war nie ein Problem.

SPIEGEL: Ihr Heimatland hat nun zum ersten Mal einen schwarzen Präsidenten. Die Vereidigung von Barack Obama Ende Januar versetzte die Amerikaner in einen landesweiten Freudentaumel. Sie auch?

Eastwood: Ich bin etwas vorsichtiger mit meiner Euphorie, der Mann muss erst mal beweisen, was er wirklich drauf hat. Es lasten enorm hohe Erwartungen auf seinen Schultern, und vieles von dem, was er politisch gern umsetzen würde, wird er wahrscheinlich nicht realisieren können. Das riesige Haushaltsdefizit setzt Obama und seiner Regierungsmannschaft etliche Grenzen.

SPIEGEL: Wird Obama etwa überschätzt?

Eastwood: Das wird die Zeit zeigen. Ich habe vor ein paar Jahren einen Film mit dem Titel "Flags of Our Fathers" gedreht, der die Geschichte erzählt, wie ein einziges Foto eine Nation in Krisenzeiten veränderte und ihr neue Hoffnung gab. Es handelte sich um das gestellte Foto jener sechs US-Soldaten, die nach der gewonnenen Schlacht um die Pazifikinsel Iwo Jima während des Zweiten Weltkriegs eine amerikanische Flagge hissten. Das war für die Amerikaner damals ein Symbol des Neuanfangs. Diese Situation könnte gut in die heutige Zeit übertragen werden.

SPIEGEL: Wie das?

Eastwood: Statt des Fotos ist es jetzt ein Mann namens Obama, der mit seinem Charisma und seinem Auftreten den Menschen neuen Mut einflößt. Aber wie gesagt: Wir stecken in einem ziemlichen Dilemma, die Wirtschaftskrise macht dem Land und auch dem Rest der Welt mächtig zu schaffen. Ich bin sicher kein Experte, aber ich habe das Gefühl, dass uns diese Krise noch lange Zeit im Magen liegen wird. Wirklich vermessen finde ich es allerdings, wenn manche Leute diese Rezession mit der Großen Depression während der dreißiger Jahre vergleichen wollen. Das war alles weit dramatischer damals.

SPIEGEL: Sie wurden im Mai 1930 geboren und erlebten die Große Depression jener Zeit als Kind. Woran erinnern Sie sich noch?

Eastwood: Ich war damals ein kleiner Junge. Meine Schwester und ich haben die Krise nicht bewusst erlebt. Aber ich ahnte oft, dass es unserer Familie wirtschaftlich nicht gutging. Wir sind alle paar Monate umgezogen, weil mein Vater ständig seine Jobs verloren hat. Wir hatten nicht viel und lernten, mit einem Minimum auszukommen. Wenn wir kein Spielzeug hatten, haben wir eben mit Holzstäbchen oder alten Zigarrenschachteln gespielt, die wir irgendwo fanden. Man musste Ideen entwickeln, um zu überleben. Dennoch hatte ich keine wirklich unglückliche Kindheit. Die Menschen haben ihr Schicksal damals mehr in die eigenen Hände genommen, auch wenn es nicht immer leicht war. Heute erwarten wir, dass der Staat sich um alles kümmert.

SPIEGEL: Mittlerweile haben Sie längst ausgesorgt, wie aber bringen Sie Ihrer zwölfjährigen Tochter Morgan bei, verantwortungsvoll mit Geld umzugehen?

Eastwood: Das ist tatsächlich nicht immer leicht. Die heutige Generation lebt im Konsumüberfluss und unterliegt einer ständigen Reizüberflutung. Das kann ich nicht ändern, aber ich versuche schon, eine Art Gegenpol für sie darzustellen. Ein lebendes Vorbild dafür, dass man auch mit weniger glücklich sein kann. Ich erzähle meiner Tochter gelegentlich davon, dass es bei uns zu Hause an Weihnachten oder zum Geburtstag für jedes Kind nur ein kleines Geschenk gab. Heute müssen es ja gleich 20 Geschenke sein, und selbst dann gucken die Kinder noch enttäuscht drein. Als wichtigste Botschaft möchte ich Morgan mit auf den Weg geben: Man kann nur so viel ausgeben, wie man in der Tasche hat. Wenn sie ihr Taschengeld aufgebraucht hat, dann kann sie nichts mehr kaufen. Sie soll lernen, ihr Geld einzuteilen. Ich bespreche mit ihr auch, dass sich unser Land in einer Rezession befindet, wie hart das viele Menschen trifft. Sie soll lernen, ihr privilegiertes Leben zu schätzen und gleichzeitig nicht zu vergessen, anderen zu helfen, wenn sie in Not sind.

SPIEGEL: Sie werden am 31. Mai 79 Jahre alt. Ruhestand ist offenbar noch immer ein Fremdwort für Sie?

Eastwood: Ja, Stillstand kann ich nicht leiden. Ich habe einfach zu großen Spaß am Filmemachen, als dass ich dieses Kapitel schon abschließen könnte. Meine Mutter ist vor zwei Jahren gestorben, sie wurde 97. Wenn ich auf diese Gene bauen kann, steckt noch einige Schaffenskraft in mir. In zwei Wochen beginnen die Dreharbeiten zu meinem nächsten Film "The Human Factor" in Südafrika. Er erzählt, wie Nelson Mandela während seiner ersten Amtszeit als Präsident versuchte, mit Hilfe der Rugby-Weltmeisterschaft das von Apartheid gebeutelte Land zu einen. Morgan Freeman spielt Mandela.

SPIEGEL: Wird die Rolle des Walt Kowalski in "Gran Torino" Ihr letzter Auftritt als Schauspieler bleiben?

Eastwood: Ach, das habe ich auch schon mal nach "Million Dollar Baby" gesagt. Vielleicht war es wirklich meine letzte Rolle. Ich lasse mich selbst überraschen. Es gibt nicht so wahnsinnig viele spannende Rollen für alte Männer. Ich könnte sicherlich irgendwo den Butler spielen, aber mich interessieren nur Rollen, bei denen die Figur eine Wandlung durchläuft. Sollte mir so eine Rolle noch mal begegnen, stelle ich mich gern wieder vor die Kamera. Ansonsten fühle ich mich dahinter sehr wohl.

Das Interview führten die SPIEGEL-Mitarbeiter Andreas Renner und Dagmar Dunlevy



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
MrCase, 25.02.2009
1. Klasse Interview
Bing ein großer Fan und freue mich auf den neuen Film.
eric-m 25.02.2009
2. eastwood
ein "thank you for this interview mr.eastwood" waere wohl mehr als angebracht gewesen
Realo, 25.02.2009
3. Eastwood...
...ein genialer alter Bastard ! Ich mochte den Mann schon immer. Was ich wirklich noch erleben möchte wäre ein Film mit Clint Eastwood und Sean Connery, das wäre super !
mac4ever, 25.02.2009
4. Minderheit
Zitat von sysopHollywood-Star Clint Eastwood über Sparsamkeit, Schimpfwörter, das Charisma des US-Präsidenten Barack Obama und seinen neuen Film "Gran Torino" http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,609021,00.html
Noch ein ernsthafter Film des Altmeisters, auf den man sich freuen darf! Ich fand schon "Million Dollar Baby" äußerst beeindruckend und werde den neuen Film auf gar keinen Fall verpassen. Würde es mehr solche Filme geben und würden sie nicht nur in den schwer erreichbaren Filmkunstkinos in der Innenstadt laufen, sondern auch in Multiplexen und Provinzkinos, wäre ich öfter im Kino statt vor dem heimischen Plasma. Aber ich bin eben leider als Kinogänger eine Minderheit...
tylerdurdenvolland 26.02.2009
5. ...
Während die ersten 90% des Films sehr gut sind, ist das Ende mal wieder auf dem amerikanischen Niveau, mit dem dieses Land schon immer den Rest der Welt beglücken wollte. Bei allem Respekt vor Eastwood, sollte man nicht vergessen, dass er der Prototyp des Amerikas ist, das mit seiner reaktionären, gewaltbereiten Einstellung die ganzen Probleme letztlich stets selber produziert hat. Im Interview spricht er von Veränderungen und meint die Aussenwelt, während das einzige das sich geändert hat, doch die grössere Öffentlichkeit ist, in der "das typisch amerikanische" heutzutage diskutiert wird. Eastwoods Beitrag zu dieser Aufklärung mit seinen späten Filmen ist gewaltig und man muss ihm dafür dankbar sein. Wie aber das Ende auch dieses Filmswieder zeigt, kann er sich von diesen typisch amerikanischen, infantilen, geradezu kindischen Lösungen für die tatsächlichen Probleme der Welt, nicht lösen. Ein Recht, das man einen 80jährigen gerne zugestehen mag, wenn es denn nicht leider auch noch darauf hinweisen würde, dass sich in den USA, wenn überhaupt jemals, die Dinge nur sehr, sehr langsam zum Besseren ändern werden. MfG, Tyler Durden
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